Während der "Kontinentalsperre" Napoleons zur wirtschaftlichen Isolierung Großbritanniens werden englische Waren verbrannt

Globaler Handel

Handelskriege – Kriege, um die Wirtschaft des Gegners zu schwächen

Die Geschichte der Menschheit ist voll von Handelskriegen. Seit Jahrtausenden versuchen Staaten, den Handel ihrer Gegner zu beeinflussen – sei es durch die Anwendung von Gewalt oder mit anderen, friedlichen Mitteln.

Von Carsten Günther

Was ist ein Handelskrieg?

Schon in Goethes Drama "Faust" sagt der Teufel Mephistopheles: "Krieg, Handel und Piraterie, dreieinig sind sie, nicht zu trennen."

Im Grunde könnte man die meisten Kriege auch als Wirtschaftskrieg oder Handelskrieg bezeichnen. Denn bei Kriegen geht es fast immer auch darum, dem eigenen Land Handelsvorteile zu verschaffen und den Feind wirtschaftlich zu schwächen.

Oft geschieht dies durch die Unterbrechung von Handelswegen, etwa indem Straßen und Bahnlinien zerstört oder Wasserwege blockiert werden. So kann die Gegenseite keine Waren mehr transportieren und dadurch weniger Handel mit anderen Ländern führen.

Beispiele gibt es in der Geschichte viele: Die Römer vernichteten im dritten Jahrhundert vor Christus die Seemacht Karthago, um die Vorherrschaft über den Handel im Mittelmeerraum zu erlangen. England kämpfte im 17. und 18. Jahrhundert in vier Seekriegen gegen die Vereinigten Niederlande mit dem Ziel, die Herrschaft über die Handelsrouten auf den Weltmeeren zu erobern.

Gemälde mit historischen Kriegsschiffen

Auch 1666 in der "Viertageschlacht" kämpften die Niederlande und England um Handelswege

Aber auch Konflikte, die ohne den Einsatz von militärischer Gewalt stattfinden, werden oft als Handelskriege bezeichnet. Sie können etwa durch einen Wirtschaftsboykott geführt werden, also den Ausschluss eines Konkurrenten vom Handel, oder durch hohe Einfuhrzölle. Dadurch kann der Gegner weniger Waren ausführen und verdient weniger Geld, was die eigene wirtschaftliche Stellung stärkt.

Handelskriege werden auch begonnen, wenn ein Land der Meinung ist, dass ein anderes Land unfaire Handelspraktiken betreibt, etwa indem es unerlaubt Technologien kopiert. Durch Strafmaßnahmen soll es dann zu einem anderen Verhalten "erzogen" werden.

Solche nicht-militärischen Angriffe führen aber meistens dazu, dass der Gegner dieselben Mittel anwendet. So endeten viele Handelskriege in einer Spirale aus gegenseitigen Blockade-Maßnahmen, aus der keine Seite als Gewinner hervorging und am Ende alle den Schaden hatten.

Die "Kontinentalsperre" unter Napoleon

Im Jahr 1806 löste der französische Kaiser Napoleon I. eine der größten Wirtschafts- und Handelsblockaden der europäischen Geschichte aus: die "Kontinentalsperre".

Hintergrund war ein Handelsstreit zwischen Frankreich und Großbritannien, der schon seit Jahrzehnten andauerte. 1793 hatte Großbritannien, das sich mit Frankreich im Krieg befand, eine Seeblockade über französische Hafenstädte verhängt: Die Briten kaperten alle Schiffe, die ihre Waren zu den französischen Häfen bringen wollten. So sollte Frankreich von seinem Überseehandel abgeschnitten werden. Als Reaktion darauf verhängten die Franzosen ein Importverbot für britische Waren.

Als Napoleon 1799 die Macht in Frankreich übernahm, erkannte er schnell, dass er Großbritannien militärisch nicht besiegen konnte. Daher begann er einen Handelskrieg, denn er hoffte, die Briten wenigstens wirtschaftlich bezwingen zu können.

1806 hatte Napoleon einen großen Teil des europäischen Kontinents unter seine Kontrolle gebracht. Am 21. November 1806 verkündete er in Berlin die sogenannte "Kontinentalsperre". Er verbot den von Frankreich beherrschten europäischen Staaten – darunter Preußen, Holland, Spanien und Teilen Italiens – so wörtlich, "allen Handel und alle Korrespondenz nach den Britischen Inseln". Kein Schiff aus England oder aus den englischen Kolonien durfte mehr in einem Hafen dieser Länder anlegen.

In den folgenden Jahren schlossen sich weitere Länder der Wirtschaftsblockade gegen Großbritannien an. Schließlich war fast der gesamte europäische Kontinent an der Handelssperre beteiligt. London reagierte mit Gegenblockaden und verhängte hohe Zölle von 25 Prozent für die Ladung von Schiffen, die aus Frankreich oder seinen verbündeten Staaten kamen. Zudem blühte der Schmuggel auf.

Nachdem die europäischen Mächte die Truppen Napoleons nach und nach wieder aus dem Kontinent zurückgedrängt hatten, wurde die Kontinentalsperre Anfang 1813 offiziell aufgehoben. Den Machtkampf gewannen letztlich die Briten, die ihren Handel größtenteils nach Amerika verlagert hatten. Nach Napoleons endgültiger Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 stieg Großbritannien unangefochten zur Weltmacht und zum Herrscher über den Seehandel auf.

Gemälde von Napoleon I., der 1806 mit seinen Truppen in Berlin einzieht

Mit der Kontinentalsperre verbot Napoleon I. den Handel mit Großbritannien

Die Opium-Kriege – Briten als Drogenhändler?

Wenige Jahrzehnte nach dem Ende der Kontinentalsperre begann Großbritannien 1839 in Asien einen Handelskrieg, der bis heute als extremes Beispiel für die gewaltsame Durchsetzung von Wirtschaftsinteressen gilt: den "Opiumkrieg".

Dieses Mal war die Zielrichtung eine andere: Es ging nicht um die Schließung, sondern um die gewaltsame Öffnung eines Marktes.

Auslöser waren die ungleichen Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und China. Die Chinesen verkauften den Briten Tee, Porzellan und Seide, denn diese Produkte waren in England sehr begehrt. Im Gegenzug kauften sie aber aus Großbritannien so gut wie nichts ein, was die Briten verärgerte.

Das einzige, was in China in großen Mengen Absatz fand, war Opium. Die Droge war dort zwar verboten, aber sehr beliebt. Für die britische Ostindien-Kompanie ("East India Company") war dies ein gewinnbringendes Geschäftsfeld. Sie ließ in der ostindischen Provinz Bengalen, die sie seit Ende des 17. Jahrhunderts beherrschte, große Mengen von Opium anbauen. Über den Seeweg schmuggelten die Briten die Droge nach China und verkauften sie dort illegal. Damit machten die Briten geschätzte vierzig Millionen Chinesen drogensüchtig – und verdienten dabei eine Menge Geld.

Schließlich ordnete der chinesische Kaiser Daoguang an, die mit verbotenem Opium gefüllten Warenlager in den chinesischen Häfen zu vernichten. 20.000 Kisten mit indischem Opium gingen in Flammen auf. Daraufhin erklärten die Briten China im September 1839 den Krieg.

Das militärisch unterlegene China wurde schließlich im Jahr 1842 zu zwei Verträgen gezwungen, in denen es den britischen Kaufleuten freien Zugang zu den chinesischen Häfen garantierte. Mit diesen "ungleichen Verträgen", wie sie seitdem genannt werden, verlor China die Macht über den eigenen Außenhandel. Außerdem mussten die Chinesen die Briten für die Kriegskosten und das vernichtete Opium entschädigen und ihnen das Territorium Hongkongs überlassen.

Vierzehn Jahre später führte Großbritannien zusammen mit Frankreich einen zweiten Opiumkrieg (1856-1860). China verlor auch diesen Krieg, und Großbritannien konnte mit seinem Sieg sogar die endgültige Legalisierung für Opium in China durchsetzen. Bis heute stehen die Opiumkriege für die Chinesen als Symbol für eine demütigende Phase der Unterwerfung unter die westlichen Handelsmächte.

Chinesische und britische Truppen bekämpfen sich

In den Opiumkriegen erkämpften sich die Briten das Recht, in China Opium zu verkaufen

Die USA gegen die ganze Welt

Im Jahr 1930 lösten die USA einen internationalen Zollwettlauf aus und brachten damit fast die ganze Weltwirtschaft zum Absturz.

Ein Jahr zuvor, am 24. Oktober 1929, dem sogenannten "Schwarzen Freitag" waren an der New Yorker Börse die Aktienkurse zusammengebrochen. Die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) war seit Monaten gesunken. Viele US-Politiker befürchteten, dass nun andere Staaten die USA wirtschaftlich überholen könnten.

Daher setzte US-Präsident Herbert Hoover im Juni 1930 ein neues Zoll-Gesetz in Kraft. Es hieß "Smoot-Hawley Tariff Act", nach den Namen seiner Erfinder, den beiden Senatoren Reed Smoot und Willis C. Hawley. Das Gesetz befürwortete eine protektionistische Zollpolitik. Das heißt, mit Hilfe hoher Einfuhrzölle für ausländische Waren sollte die US-amerikanische Wirtschaft geschützt werden. Für rund 20.000 Produkte wurden die Zölle zum Teil um bis zu 60 Prozent erhöht.

Die beiden US-Senatoren Willis C. Hawley und Reed Smoot

Die US-Senatoren Willis C. Hawley und Reed Smoot erfanden den "Smoot-Hawley Tariff Act"

Von Beginn an war das Gesetz umstritten. Mehr als tausend Wirtschaftswissenschaftler protestierten dagegen, weil sie fürchteten, dass andere Staaten als Reaktion zu ähnlichen Maßnahmen greifen könnten. Der Versuch, die eigene Wirtschaft gegen die ausländische Konkurrenz abzuschirmen, ging tatsächlich schief, denn er löste einen internationalen Zollwettlauf aus. Viele Staaten taten es den USA gleich und erhöhten ihre eigenen Zölle. Manche Länder, wie etwa Spanien, verteuerten die Einfuhr US-amerikanischer Waren sogar um 100 bis 700 Prozent.

Als Folge brach der Welthandel massiv ein, was die weltweite Wirtschaftskrise eher noch beschleunigte. Bald war von einem "Zollkrieg" die Rede. Ganze Industriezweige wurden ruiniert, die Zahl der Arbeitslosen stieg in vielen Ländern stark an. Die meisten Volkswirtschaften, auch die US-amerikanische, standen am Ende schlechter da als vorher.

Unter dem Eindruck des wirtschaftlichen Niedergangs änderten die USA 1934 ihre Außenhandelspolitik fundamental. Sie senkten die Zölle wieder und schlossen internationale Handelsverträge ab. Um ähnliche Zollkriege in Zukunft zu vermeiden, einigten sich 23 Staaten im Jahr 1947 auf das "Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen" (GATT), das seitdem Zölle abbauen und einen fairen Welthandel garantieren soll.

Donald Trump und sein Slogan "America First"

Während der Amtszeit des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump (2017-2021) kam der Begriff des Protektionismus, also der Erhöhung von Zöllen zum Schutz der heimischen Industrie, wieder in die öffentliche Diskussion.

Trump warf China vor, einen unfairen Handel zu betreiben. Er behauptete, China würde viel mehr Waren in die USA exportieren, als es aus den USA einführe. Außerdem kopiere China unerlaubt US-Technologien, zum Beispiel in der Handy- und Computerbranche.

Unter dem Slogan "America First" versprach er, die US-amerikanische Wirtschaft zu stärken. Amerikanische Konzerne, die weltweit tätig sind, forderte er auf, ihre Produktionsstätten wieder in die USA zu verlegen. Außerdem erhöhte er die Zölle für chinesische Waren, insbesondere auf Stahl und Aluminium, aber auch auf Sojaprodukte, Solarzellen und Waschmaschinen. Für mehr als 1000 chinesische Produkte im Wert von rund 50 Milliarden Dollar galten nun Zölle von bis zu 25 Prozent.

Diese Zölle werden meist "Strafzölle" genannt. Damit wird eine Sonderform der Einfuhrzölle bezeichnet. Strafzölle sollen den wirtschaftlichen Gegner dazu zwingen, sein handelspolitisches Verhalten zu ändern.

Die Chinesen revanchierten sich mit Zöllen von 25 Prozent auf über 100 US-Produkte, darunter Wein und Sportausrüstung. Ein Jahr später folgten weitere Zollerhöhungen auf beiden Seiten. Sie betrafen Produkte wie Schuhe, Hosen, Windeln oder Fernseher. Die USA verteuerten aber auch Importe aus der Europäischen Union (EU). Im Gegenzug führte die Europäische Union Zölle auf amerikanische Landwirtschaftsprodukte, Stahl und Motorräder ein.

Viele Medien sprachen von einem drohenden "Handelskrieg", vor allem zwischen den USA und China. Kritiker waren der Meinung, dass es aber nicht nur um Zölle ging, sondern um einen Streit um die Führung in den neuesten Technologien. Denn die USA verboten amerikanischen Firmen auch, chinesische Smartphone-Hersteller mit Bauteilen zu beliefern.

Anfang 2020 einigten sich beide Staaten auf ein Teilabkommen. Darin verpflichtete sich China, wieder mehr US-Produkte zu importieren, im Gegenzug verzichteten die USA auf weitere Strafzölle gegen China.

Joe Biden, der 2021 Trumps Nachfolger im Amt des US-Präsidenten wurde, hielt zunächst weitgehend am harten Handelskurs seines Vorgängers fest. Im Streit mit der Europäischen Union gab es allerdings im Oktober 2021 eine Einigung: Die USA und die EU erklärten, die gegenseitigen Sonderzölle auf Stahl und Aluminium aus Europa und Produkte wie Jeans oder Motorräder aus den USA wieder zu streichen.

Zwei gezeichnete Containerschiffe mit USA- und chinesischer Flagge stehen sich gegenüber

Im Handelskrieg zwischen den USA und China geht es auch um die Führungsrolle in der Computertechnologie

(Erstveröffentlichung 2021)

UNSERE QUELLEN

Quelle: WDR | Stand: 25.11.2021, 13:30 Uhr

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