Stoff

Gemusterte und gestreifte Seidenstoffe

Werkstoffe

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So alt wie die Menschheit selbst ist das Bedürfnis sich zu kleiden. Ging es zunächst nur darum, sich gegen Regen und Kälte zu schützen, rückten bald modische Aspekte und die Qualität der Stoffe in den Vordergrund.

Wie alles begann – die ältesten Stoffe

Vor allem Seide war unendlich begehrt, aber auch fast unbezahlbar. Heute ist die Auswahl an edlen Materialien wie Damast, Kaschmir, Brokat, Tweed oder Flanell beinahe grenzenlos. Und eine Welt ohne Stoffe ist nicht mehr denkbar.

Leinengewebe gehören zu den ältesten Stoffen der Menschheit. Bereits die ersten Hochkulturen bauten Flachs an, der gehechelt zu Leinen verarbeitet wurde. Ein Zeugnis für die frühe Nutzung von Stoffgeweben sind in Leinen gehüllte Mumien, die Archäologen in den ägyptischen Grabkammern fanden.

Zahlreiche Steine sind an das Ende von Wollfäden gebunden.

Steine straffen beim Gewichtswebstuhl die herabhängenden Kettfäden

Nicht weniger alt sind jedoch auch Textilien aus Baumwolle, mit denen sich die Menschen schon seit mehreren Tausend Jahren vor allem im heutigen Lateinamerika sowie in Ägypten kleideten. Ein dritter, unverzichtbarer Rohstoff zur Textilherstellung war Wolle. Das begehrte Material lieferten Schafe und Ziegen, die in Vorder- und Zentralasien schon seit 9000 Jahren beheimatet sind.

In nördlicheren Regionen wurden wegen ihrer Genügsamkeit oft Wollschafe wie Heidschnucken auf den Sandböden der mitteleuropäischen Heiden gehalten. Die beste Wolle liefern Merinoschafe, die ursprünglich aus Kleinasien kamen. In Spanien gelangte die Zucht dieser Schafe im 14. Jahrhundert zur Blüte. Neben Wolle war in Mitteleuropa lange Zeit Leinen das wichtigste Gewebe, aus dem man Textilien fertigte.

Erst im Spätmittelalter gelangte über Venedig, dem damals wichtigsten Handelshafen, Baumwolle aus Ägypten in deutsche Städte. In Süddeutschland wob man aus der neu importierten Baumwolle einen Stoff, den sogenannten Barchent. Dieser Stoff ist ein Mischgewebe, bei dem der Kettfaden aus Leinen und der Schussfaden aus Baumwolle besteht.

Auf die Webtechnik kommt es an

Erst durch Weben wird aus der Faser, sei es Wolle, Leinen, Baumwolle oder Seide, der eigentliche Stoff. Das Prinzip des Webens ist schon seit der Steinzeit bekannt. Aus archäologischen Funden am nördlichen Alpenrand ließen sich sogenannte Gewichtswebstühle, die ältesten Webstühle der Menschheit rekonstruieren. Bei jedem Webstuhl gibt es Fäden, die längs verlaufen, die Kettfäden und Fäden, die quer verlaufen, der Schuss.

Zeichnung eines Jacquard-Webstuhls mit Lochkarten

Der Jaquard-Webstuhl funktioniert mit einem Lochkartensystem

Beim Gewichtswebstuhl wurden an den Enden der längs herabhängenden Kettfäden Steine befestigt. Die einfachste Webtechnik ist die Leinwandbindung. Dabei wird der Schussfaden unter den ersten Kettfaden gelegt, dann über den zweiten und so weiter. Bei keinem anderen Gewebe sind Kett- und Schussfäden so eng miteinander verwoben.

Das weltweit am meisten getragene Kleidungsstück, die Jeans, ist gleichzeitig ein Paradebeispiel für eine andere, typische Webtechnik, die Köperbindung. Dabei wird der Schuss- oder Querfaden über zwei Kettfäden gelegt, dann unter einen Kettfaden, wieder zwei drüber, einen drunter und so weiter.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Webtechnik immer weiter. Neue Webstühle wie der Schaftwebstuhl oder der Damastwebstuhl wurden kreiert, was das Weben sehr kompliziert machte. Im 19. Jahrhundert wurde der Jacquard-Webstuhl entwickelt, der es ermöglichte, Muster von beliebiger Komplexität mechanisch herzustellen.

Die seidige Verführung

Eine Sonderstellung unter den Textilfasern, Geweben und Stoffen hat die Seide. Bereits die ersten Karawanen, die mehrere Jahrhunderte vor Christus über die Seidenstraße nach Europa zogen, hatten schon Seidenstoffe im Gepäck. Nur gekrönte und gesalbte Häupter konnten sich den Luxus eines Seidengewandes leisten. Allerdings war das Wissen, wie aus dem Faden der Seidenspinnerraupe die Seide gewonnen werden konnte, ein großes Geheimnis, das in China streng gehütet wurde.

Mehrere Kokons des Seidenspinners hängen zwischen dünnen Zweigen.

Das Wissen der Seidenherstellung wurde in China streng gehütet

An die Raupen, die den Seidenkokon spinnen, werden fast ausschließlich die Blätter und Zweige des Maulbeerbaumes verfüttert, der nur in wenigen Regionen der Welt wächst. Der Legende nach sollen zwei Mönche im 6. Jahrhundert nach Christus die Kokons einiger Seidenraupen in ihren Spazierstöcken nach Byzanz geschmuggelt haben. Von da an trat die Seidenproduktion ihren Siegeszug in Europa an. Nach den italienischen Städten Lucca und Venedig wurde Lyon das Zentrum der europäischen Seidenproduktion.

Aus der Maulbeerseide, die eine feine und gleichmäßige Garnstruktur besitzt und den Seidenstoffen ihren edlen Glanz verleiht, lassen sich die wertvollsten Stoffe weben, wie zum Beispiel Seidendamast. Er ist ein einfarbiger Seidenstoff, dessen Figurenmustern durch die entsprechende Webtechnik entstehen. Seinen Namen erhält er von der syrischen Stadt Damaskus, da hier die Kreuzfahrer den Stoff zum ersten Mal gesehen haben sollen.

Besonders edel und luxuriös sind Brokate, in die Metall-, speziell Silber- und Goldfäden, verwoben sind. Getragen wurden die teuren Seidenstoffe als Gewänder in feierlichen Zeremonien oder sie dienten als Paravents, Vorhänge oder Wandbespannungen in Schlössern.

Die Technik macht’s möglich

Bis zu Beginn des 19. Jahrhundert fanden in Nord- und Mitteleuropa Leinen und Wolle als Textilien die meiste Verwendung. Der Handel mit Baumwolle war wegen der mühsamen Handarbeit bei der Ernte zunächst gering. Die Faser musste bis dahin von Hand vom Samen getrennt werden.

Baumwollsamen mit den flauschigen, weißen Samenhaaren über einer Jeans.

Lange Zeit mussten die Fasern mühsam von Hand vom Samen getrennt werden

Klassische Anbaugebiete von Baumwolle waren die Südstaaten der USA: Florida, Carolina, Louisiana und Georgia. Die Erfindung der Spinnmaschine "Spinning Jenny" 1764, der mechanischen Webmaschine 1785 und der Entkörnungsmaschine 1792 leiteten schließlich den weltweiten Siegeszug der Baumwolle ein. Eine Maschine entkörnte die gleiche Menge Baumwolle wie zuvor 1000 Arbeiter.

Um 1900 beherrschte Baumwolle den Welttextilmarkt mit einem Anteil von 80 Prozent, das heißt nahezu vier Millionen Tonnen wurden produziert. Heute liegt der Anteil bei rund 50 Prozent und die Produktion beträgt jährlich 14 bis 15 Millionen Tonnen. Seide dagegen macht nur ein Prozent der Textilproduktion aus.

Im 20. Jahrhundert eroberten künstliche Fasern den weltweiten Markt. Ihr Ausgangrohstoff ist Rohöl. Die erste reine Synthesefaser brachte "DuPont" 1939 auf den Markt, das Nylon. Daraus kreierten Modeschöpfer die bei Frauen heiß begehrten Nylonstrümpfe. Auch halbsynthetische Fasern aus Cellulose, deren Ausgangsmaterial zum Teil aus Holz besteht, eroberten den Markt, wie zum Beispiel die Kunstseide.

Sie hat einen seidigen Glanz, ist geschmeidig und ihre Fäden sind wie bei Seide sehr fein. Heute ist die wichtigste Kunstseide Viskose. Die Zukunft gehört den sogenannten intelligenten Stoffen, den "smart textiles", die bereits in der Gesundheitsbranche oder im Freizeitsektor zum Einsatz kommen.

Autorin: Sabine Kaufmann

Stand: 12.08.2014, 13:00

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