Indien

Große Menschenmasse tragen bunte Gewänder

Asien

Indien

Von Ana Rios

Wolkenkratzer und Slums, Hightech und Hunger, wirtschaftlicher Aufschwung und bittere Armut – all das ist Indien. Das Land, das vor wenigen Jahren für einen starken Wirtschaftsboom stand, macht heute vor allem mit sozialen Problemen auf sich aufmerksam.

Wirtschaftlicher Aufschwung

Indien ist nach China das bevölkerungsreichste Land der Erde: Mehr als 1,2 Milliarden Menschen leben hier (Stand: 2018).

Unter den Schwellenländern galt Indien lange als wirtschaftlicher Hoffnungsträger. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs in den vergangenen Jahren stark an, durchschnittlich um fünf Prozent. Dennoch hat die indische Wirtschaft gravierende Probleme.

Wolkenkratzer in Indien neben Slum

Armut steht oft direkt neben Wohlstand

Wolkenkratzer neben Slums

In innovativen Branchen wie der Informations- oder Biotechnologie gehört Indien zu den führenden Staaten der Welt. Eine gut ausgebildete Elite hat den sozialen Aufstieg geschafft. In den Städten hat sich eine immer größer werdende Mittelschicht mit einem guten Auskommen entwickelt. Neben den Wolkenkratzern der Großkonzerne wuchern dagegen die überbevölkerten Slums, die Armut und das Elend der Menschen wachsen. Die hygienischen und sozialen Bedingungen in indischen Slums – vor allem in Neu-Delhi und Kalkutta – sind miserabel.

Arbeitslosigkeit und Armut

Indien ist nach China und Japan der wichtigste Wirtschaftsraum Asiens. Trotz dieser wirtschaftlichen Erfolge gibt es kein anderes Land auf der Erde, in dem so viele Menschen in Armut leben. Ein Drittel der Bevölkerung muss im Schnitt mit umgerechnet 1,90 US-Dollar und weniger am Tag auskommen.

Jedes Jahr drängen 8 bis 12 Millionen junge Inder und Inderinnen auf den Arbeitsmarkt. Dies stellt die Regierung vor eine große Herausforderung, da die Zahl der neuen Stellen nicht die Arbeitsplatznachfrage der wachsenden erwerbsfähigen Bevölkerung deckt. Die erhofften Beschäftigungseffekte des Wirtschaftswachstums bleiben aus - von "Jobless Growth" ist die Rede.

Not auf dem Land

Im Zentrum Indiens kämpfen viele Bauern ums nackte Überleben. Auch heute beziehen Expertenschätzungen zufolge noch etwa 42 Prozent der Bevölkerung ihr Einkommen direkt oder indirekt aus der Landwirtschaft. Aufgrund der niedrigen Produktivität ist dort die Armut weit verbreitet. Das führt zu einer starken Landflucht auf dem Subkontinent - die Jugend sucht meist Beschäftigung in den urbanen Zentren.

Baumwollbauern verarbeiten Baumwolle

Harte Zeiten für Baumwollbauern

Selbstmorde unter Baumwollbauern

Die Abhängigkeit der indischen Bauern vom Weltmarkt hat in den letzten Jahren immer wieder zu menschlichen Tragödien geführt. Für die Landbevölkerung ist der Anbau von Baumwolle oft die einzige Chance, um aus der extremen Armut heraus zu kommen. Baumwolle ist aber auch anfällig für Schädlinge und Trockenheit.

Darum werden heute rund 90 Prozent der Baumwollanbauflächen mit gentechnisch verändertem Saatgut angebaut. Steigende Preise für gentechnisch verändertes Saatgut oder Düngemittel und fallende Preise für Baumwolle auf dem Weltmarkt führen jedoch immer wieder zur Aufnahme von Schulden, die viele Bauern nicht mehr zurückzahlen können. Auch der Klimawandel und die damit verbundene zunehmende Trockenheit spielen eine Rolle. So kam es 2016 nach einer langen Dürre zu tausendfachen Selbstmorden unter Baumwollbauern. Doch die Tragödie reicht länger zurück: Schätzungen zufolge haben sich seit dem Jahr 1995 etwa 300.000 Bauern und landwirtschaftliche Hilfskräfte das Leben genommen. Die Dunkelziffer ist hoch.

Fünf Kinder in einem Slum

Viele Menschen leben ihren Alltag in Armut

Landflucht und Binnenmigration

Die schwierigen Lebensverhältnisse auf dem Land führen dazu, dass Millionen von Saisonarbeitern und Tagelöhner vom Land in die Großstädte ziehen. Laut Weltbank gibt es in Indien knapp 40 Millionen Wanderarbeiter. Sie haben keinen festen Wohnsitz, sondern ziehen dahin, wo es gerade Arbeit für sie gibt. Besonders die Trockenheit auf dem Land treibt Millionen von Menschen in die Städte, wo sie sich als Saisonarbeiter in den einfachen Dienstleistungen ihre Existenz sichern. Die meisten arbeiten in Mumbai, Neu-Delhi, Chennai und Ahmedabad. Viele von ihnen hausen in Verschlägen oder schlafen einfach auf der Straße.

Covid-19 führt zu Flucht aus den Städten

Indien ist eines der am stärksten vom Coronavirus betroffenen Länder weltweit. Um die Ausbreitung des Virus zu stoppen, hatte es auch hier einen harten Lockdown mit Ausgangssperre gegeben. Die Maßnahmen trafen besonders die Ärmsten der Gesellschaft, die ihr Glück in den großen Städten suchten. Nachdem die meisten Fabriken geschlossen hatten, flüchteten Millionen von Wanderarbeitern und Tagelöhnern aus den Zentren. Ohne Arbeit und ohne Geld zogen sie zurück in ihre Heimatdörfer – Hunderte von Kilometern weit und oft zu Fuß.

Indische Wanderarbeiter mit Masken stehen in einer Reihe.

Nach dem Lockdown in Indien versuchen Millionen von Wanderarbeitern in ihre Heimat zurückzukehren

Weiterführende Infos

Unsere Quellen:

  • https://www.bpb.de/internationales/asien/indien/189174/landwirtschaft-in-der-krise
  • https://blogs.worldbank.org/peoplemove/internal-migration-india-grows-inter-state-movements-remain-low
  • https://www.zdf.de/nachrichten/heute/selbstmorde-indischer-bauern-102.html
  • https://www.rnz.de/wissen/wissenschaft-regional_artikel,-Wissenschaft-Regional-Der-Kampf-von-Baumwollbauern-ums-Ueberleben-Heidelberger-Ethnologe-im-Intervi-_arid,243728.html
  • https://www.gtai.de/gtai-de/trade/wirtschaftsumfeld/urbanisierung-wirkt-dynamisch-auf-indiens-konsummaerkte-9578.pdf
  • https://www.bmz.de/de/laender_regionen/asien/indien/index.jsp
  • COVID-19 Crisis Through a Migration Lens, World Bank, Washington D.C., 2020
  • https://www.derstandard.de/story/2000062056354/wie-in-indien-klima-und-suizid-zusammenhaengen
  • https://www.pnas.org/content/114/33/8746

SWR | Stand: 16.07.2020, 10:00

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