Selbsttötung

Verzweifelte Frau sitzt auf einer Bank.

Tod und Trauer

Selbsttötung

Sie werden von ihren Zeitgenossen verachtet oder bewundert. Sie finden Nachahmer oder lösen Entsetzen aus. Sie gehen allein oder mit vielen zugleich den letzten Schritt: Menschen, die sich selbst töten.
Menschlich ist es, leben zu wollen. Doch zur Kulturgeschichte der Menschheit gehört auch der Wunsch, sich das Leben selbst zu nehmen.

Selbstmord, Suizid, Freitod

Die Frage, ob ein Mensch selbst seinen Tod wählen darf, führt fast immer zu leidenschaftlichen Debatten. Sie betrifft das grundsätzliche Lebensverständnis und lässt deshalb kaum einen Menschen unberührt. Man muss geradezu Stellung beziehen – und zwar schon in der Wortwahl.

Im Mittelalter sprach man unter anderem von "Selbst-Entleibung", so als könnte sich das "Selbst" von seinem Leib trennen. Der Begriff "Selbstmord" stammt wahrscheinlich aus dem 16. Jahrhundert und geht auf eine Wendung Martin Luthers zurück. Hier wird die Tat schon im Begriff als Mord gewertet – ganz auf der vom Kirchenvater Augustin vorgegebenen Linie.

"Freitod" hingegen ist ein Ausdruck, der auf das philosophische Werk "Also sprach Zarathustra" (1884) von Friedrich Nietzsche zurückgeht. Darin heißt es: "Den freien Tod predige ich Euch, der nicht heranschleicht wie Euer grinsender Tod, sondern der da kommt, weil ich es will." Ob die Entscheidung zur Selbsttötung aber in der Realität wirklich eine freie Entscheidung ist und nicht eher eine Tat der Verzweiflung, darüber streiten sich Befürworter und Kritiker des Begriffs.

"Suizid" ist abgeleitet von dem lateinischem "sui caedere" (sich töten) und neben der Eindeutschung "Selbsttötung" eine eher neutrale Beschreibung der Handlung.

Daneben gibt es Wendungen wie "sich das Leben nehmen" oder "Hand an sich legen". "Nehmen" und "legen" klingen wie zwei eher harmlose Vorgänge im Vergleich zu "morden", "töten" oder "entleiben". Eine Möglichkeit, sich wenigstens sprachlich von der Gewalt einer Selbsttötung zu distanzieren.

Im österreichischen Sprachraum spricht man von Selbstmördern als denen, "die sich heimdrehen" – so poetisch kann man es also auch ausdrücken.

Philosophische Lebensrechnung

Der Ausdruck "stoische Gelassenheit" geht zurück auf die griechisch-römische Philosophenschule der "Stoa" (etwa 300 vor Christus bis 300 nach Christus). Sie lehrte ein Lebensgefühl des Gleichmuts ohne größere Gefühlsschwankungen, da so die Lebensqualität am größten sei.

Ein gutes Leben sei nicht unbedingt ein langes Leben. Wer unter Krankheit und Schmerzen leide, Armut, Hunger oder die Herrschaft eines Tyrannen ertragen müsse, solle lieber freiwillig aus dem Leben scheiden, lehrten die Stoiker. Sich selbst töten, weil die negative Seite des Lebens stärker wiegt als die positive – in der Soziologie nennt man das später "Bilanz-Selbstmord".

Der berühmteste Stoiker war Seneca (4 vor Christus bis 65 nach Christus), der auch Kaiser Nero erzog. Das hielt Nero später nicht davon ab, Seneca der Verschwörung zu bezichtigen und ihm die Selbsttötung zu befehlen. Seneca gehorchte angeblich in stoischer Ruhe und schnitt sich im Bad die Pulsadern auf.

Der Stoiker Hegesias trieb es in seiner Befürwortung des Suizids sogar so weit, dass man ihn "Peisithanatgos" nannte, also der "zum Tod Überredende". Hegesias vertrat die Ansicht, man könne im Leben niemals wahre Glückseligkeit erreichen. In seinen Vorträgen schilderte er das Leben in so düsteren Farben, dass sich manche seiner Zuhörer daraufhin umgebracht haben sollen.

Die Zeichnung zeigt den Philosophen Seneca in einem hölzernen Waschbottich. Aus seinen Armen fließt Blut.

Philosoph Seneca in der Badewanne

Die "Ehre" der Besiegten

Ebenso wenig Scheu vor der Selbsttötung hatten zur gleichen Zeit die Germanen – allerdings aus anderen Motiven. Drohte die Niederlage in einer Schlacht, zogen sie den Tod von eigener Hand vor. Knechte hatten ihrem Herrn "freiwillig" in den Tod zu folgen.

Vorbild für die germanischen Kämpfer war der Kriegsgott Odin, der sich mit seinem Schwert umgebracht haben soll. Die Krieger glaubten, dass sie mit Odin im Totenreich Walhalla an einer Tafel speisen und diejenigen höchste Achtung genießen würden, die im Krieg gestorben waren.

Die Selbsttötung in der Niederlage – um die Ehre zu retten – war und ist weit verbreitet. Die Bibel berichtet von König Saul, der nach verlorener Schlacht seinem Diener befahl, ihn zu erstechen. Als sein Diener zögerte, stürzte sich Saul selbst in sein Schwert.

Römische Politiker der Antike schnitten sich die Pulsadern auf, freiwillig oder auf Befehl des Herrschers, dessen Vertrauen sie verloren hatten. Die ägyptische Königin Kleopatra (69 bis 30 vor Christus) ließ sich von einer Viper beißen, als sie ihre Macht endgültig verloren hatte. Sie war erst 39 Jahre alt.

Gemälde: Der Tod der Kleopatra

Die ägyptische Königin Kleopatra (69 bis 30 vor Christus) ließ sich von einer Viper beißen

Auch im 20. Jahrhundert wählten Herrscher in der Niederlage den Tod. Viele Befehlshaber der Nazi-Diktatur entzogen sich dem Gericht der Alliierten durch Selbsttötung, wie etwa Hermann Göring, dem das Todesurteil drohte. Er wollte nicht von den Siegern erhängt werden, sondern wählte eine Todesart, die ihm würdiger erschien: In seiner Nürnberger Gefängniszelle zerbiss Göring eine Zyankali-Kapsel.

Die edelste Pflicht des Samurais

In Japan entstand im späten Mittelalter eine Ritterschaft, deren Mitglieder sich "Samurai" nannten. Zu deren edelsten Pflicht gehörte es, sich im Falle einer Niederlage selbst zu töten – und zwar in der vorgeschriebenen Form des "Seppuku", umgangssprachlich auch "Harakiri" genannt.

Mit einem kleinen Schwert, das nur für diesen Zweck bestimmt war, schlitzten sie sich kniend den Bauch auf und zwar von links nach rechts und von oben nach unten. Der darauf folgende lange Todeskampf wurde manchmal von einem Freund abgekürzt, der dem blutenden Selbstmörder mit einem Hieb den Kopf abtrennte.

1868 wurde Harakiri in Japan verboten. Trotzdem hielten viele Japaner den Atem an, als Kaiser Hirohito am 10. August 1945 die Kapitulation im Krieg gegen die USA erklärte. Aufgrund der verlorenen Ehre durch diese Niederlage wurde befürchtet, der Kaiser könnte trotz des Verbotes zum Harakiri auffordern. Viele seiner treuen Untertanen hätten sich verpflichtet gefühlt, dem Kaiser zu gehorchen.

Der vorerst letzte Bewahrer dieser blutigen Tradition war der japanische Schriftsteller Yukio Mishima. Vor Journalisten beging er 1970 einen angekündigten Harakiri und wurde von einem Freund enthauptet.

Darstellung eines Samurai um 1791, farbiger Holzschnitt

Für einen Samurai ist die Selbsttötung nach einer Niederlage Pflicht

Massenselbsttötungen

Nach einem verlorenen Krieg töten sich nicht nur unterlegene Soldaten oder Befehlshaber, um ihre Krieger-Ehre zu retten. Auch Zivilisten wählen oft die Selbsttötung. Sie handeln nicht aus verletztem Ehrgefühl, sondern aus Verzweiflung und Angst – weil sie sich vor der Rache der einmarschierenden Sieger fürchten.

Als römische Truppen die germanischen Krieger besiegten, töteten deren Frauen erst ihre eigenen Kinder und dann sich selbst. Sie wollten nicht in die Hände des römischen Feindes fallen.

Die berühmteste Massenselbsttötung in der Geschichte fand in der Festung Masada in Israel statt. Im Jahre 73 nach Christus hatten sich Juden in einem aussichtslosen Kampf gegen römische Truppen auf diesen Felsvorsprung zurückgezogen. Kurz vor der drohenden Eroberung befahl ihr Anführer Eleazar in einer flammenden Rede die kollektive Selbsttötung. An einem einzigen Tag starben 960 Menschen von eigener Hand. Der Staat Israel erklärte Masada zur nationalen Gedenkstätte.

Die Festungsruine von Masada

Masada – Schauplatz einer berühmten Massenselbsttötung

Auch im 20. Jahrhundert kam es zu solchen Tragödien. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Mai 1945, begingen in Demmin in Mecklenburg-Vorpommern innerhalb von drei Tagen 900 Menschen Selbsttötung. Sie erhängten sich an Bäumen, ganze Familien gingen in den Fluss, Erwachsene erwürgten ihre Kinder und Enkel.

Die Selbsttötungshysterie entstand aus Angst vor der einmarschierenden Roten Armee. Fluchtmöglichkeiten gab es nicht, weil alle Brücken, die aus Demmin herausführten, gesprengt waren. Man wusste, dass die Stadt von der russischen Heeresleitung zur Zerstörung freigegeben war – aus Rache: Eine Gruppe Demminer Nationalsozialisten hatte 20 russische Soldaten getötet.

Der christliche Kampf gegen den Suizid

Im frühen Christentum war die Stellung zur Selbsttötung zunächst unentschieden. Es gab unter anderem christliche Sekten, die die Kreuzigung Jesu und das Sterben seiner Apostel für ihren Glauben als freiwilligen Tod ansahen. Um ihnen nachzufolgen, suchten sie für sich auch den Märtyrertod.

Schon bei der geringsten Strafe durch römische Provinzregierungen nahmen sie sich das Leben oder sie provozierten die weltliche Verwaltung, wie zum Beispiel in Nordafrika, wo sie Plünderzüge durch Dörfer veranstalteten und Tempel fremder Religionen schändeten – alles nur, um am Ende zum Tode verurteilt zu werden.

Diese christliche Selbsttötungshysterie stoppte der nordafrikanische Bischof Augustin am Ende des 4. Jahrhunderts. Das Gebot "Du sollst nicht töten" bezog er auch auf diejenigen, die sich selbst das Leben nahmen. Er stellte sie auf eine Stufe mit Mördern, denen ewige Verdammnis drohte.

Sein Urteil prägte die Kirchengeschichte. Jetzt konnten sich die Selbstmörder nicht mehr auf den Tod Jesu berufen, sondern sie wurden mit dem Verräter Judas verglichen, der ewig schuldig bleibt, weil er sich erhängte. Für Selbstmörder durfte keine Totenmesse mehr gelesen werden. Sie durften auch nicht in geweihter Erde und vom 7. Jahrhundert an gar nicht mehr kirchlich beerdigt werden.

Die kirchliche Ächtung der Selbsttötung wurde im Mittelalter von der weltlichen Obrigkeit übernommen. Suizid zog in Europa ähnliche Strafen nach sich wie Mord, soweit man diese Strafen an einem Leichnam vollziehen konnte.

So wurden Suizid-Opfer nach ihrem Tod zum "nochmaligen" Tod am Strang verurteilt. Die Leichen wurden ausgepeitscht, durch die Straßen geschleift und dann aufgehängt. Oft beschlagnahmte der Staat das Vermögen der Verstorbenen, was die Angehörigen neben der öffentlichen Schande besonders hart traf.

Friedhof in Berlin-Grunewald mit namenlosen schlichten Holzkreuzen, die dicht beieinander stehen.

"Schandacker": Berliner Friedhof für Selbsttötung

Die Kirchen und die aktive Sterbehilfe

Die Frage, ob Selbstmörder auf ewig verdammt seien, wird mittlerweile von vielen christlichen Geistlichen Gott überlassen. Man verurteile die Tat, nicht den Täter, so hieß es in der katholischen Kirche 1983 (im Codex Iuris Canonici), als Beerdigungen von Selbstmördern auch offiziell wieder zugelassen und empfohlen wurden.

Trotzdem hat sich an der grundsätzlichen Position der christlichen Kirchen nichts verändert. Das zeigen immer wieder Debatten um aktive Sterbehilfe.

Christliche Theologen und Kirchenführer lehnen die aktive Sterbehilfe ab: Wenn ein Todkranker selbst entscheiden muss, ob er seinen Angehörigen und Pflegenden zu sehr zur Last fällt und deshalb überlegt, die aktive Sterbehilfe einzufordern, dann sei das ein unmenschlicher Gewissensdruck. Man solle die Entscheidung über den eigenen Tod nicht dem Kranken überlassen und ihn damit allein lassen. Menschen gehörten in eine Gemeinschaft, in der man füreinander einstehe und einander begleite.

Die Kirchen fördern deshalb die ehrenamtliche Hospizarbeit – eine intensive und persönliche Begleitung von Sterbenden. Auch gehörten Sterbende in eine Gemeinschaft mit Gott, und ihm sollten sie die Verantwortung für ihr Lebensende überlassen, argumentieren christliche Theologen.

Autor: Jürgen Dreyer

Stand: 05.01.2015, 12:00

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