Kastensystem

Grafik eines Kastensystems in Indien

Indien

Kastensystem

Von Geburt an bis zum Tod bleibt ein Hindu an seine Kaste gebunden. Die Einteilung der Menschen in Gruppen und eine strenge Rangordnung sind die Merkmale des indischen Kastensystems. Nach der indischen Verfassung von 1950 darf zwar kein Inder wegen seiner Kaste diskriminiert werden. Die Realität jedoch ist eine andere.

Varna: Die Kaste nach Farben

Die klassische Ordnung des Kastensystems gliedert sich in vier "Hauptkasten", sogenannte Varnas. Jede dieser Varnas ist mit einer Farbe verbunden.

Die Brahmanen als oberste Kaste sind besonders hoch angesehen und haben die Farbe weiß. Darunter rangiert die Kriegerkaste der Kshatriyas (rot). Darauf folgen die Vaishyas (gelb), traditionell Bauern und Kaufleute. An unterster Stelle der vier Varnas stehen die Shudras (schwarz), die meist Diener, Knechte oder Tagelöhner sind.

Außerhalb dieser Varnas stehen die "Unberührbaren", die auch Paria und Harijans genannt werden. Viele Menschen, die zu den Unberührbaren gezählt werden, lehnen diese Bezeichnung ab. Sie nennen sich selbst "Dalits" und sind Nachfahren der indischen Ureinwohner.

Dalits werden im Westen häufig als "Kastenlose" bezeichnet, was nicht genau zutrifft: Die Dalits oder Unberührbaren sind eine Kaste, die allerdings nicht zu den Varnas in der Pyramide zählt.

Vater mit Tochter aus der Dalit-Kaste

Die "unberührbaren" Dalits stehen außerhalb der vier Varna-Kasten

Von "reinen" und "unreinen" Gesellschaftsgruppen

Nach hinduistischem Glauben werden Dalits als "unrein" angesehen. Als Unberührbare sind sie noch heute in vielen Bereichen vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Zur Kaste der Unberührbaren gehören Menschen, die "unreinen" Berufen nachgehen – wie Wäscher, Friseur und Müllbeseitiger.

Besonders in ländlichen Regionen ist die Diskriminierung der Dalits noch sehr verbreitet. Amtlich werden die Dalits in Indien als "Scheduled Castes" (Registrierte Kasten) bezeichnet. Nach einer Volkszählung von 2011 gehören 16,6 Prozent der Bevölkerung dieser Kaste an. Die meisten von ihnen leben in Armut.

Die Brahmanen der oberen Kaste gelten dagegen als "rein". Sie sind bestrebt, sich von den Unreinen fernzuhalten.

So müssen die Dalits häufig in Siedlungen leben, die getrennt von den anderen Wohngebieten liegen. Auch wird ihnen verboten, Tempel zu betreten oder Brunnen zu nutzen. Das Heiraten über die Kasten hinweg ist gerade in ländlichen Gebieten ein absolutes Tabu.

Eine Reihe Frauen waschen an einem Fluss Wäsche

Wäscher gelten in Indien als "unrein"

Woher kommt das Kastensystem?

Die genaue Herkunft des Kastenwesens in Indien ist nicht geklärt. Es gibt Ansichten, wonach sich die Kasten durch die Einteilung der Menschen nach ihrer Hautfarbe entwickelten: je heller die Haut, desto höher die Kaste.

Andere Meinungen gehen davon aus, dass die Varna auf eine "geistige" Farbgebung verweist. Die Farben sollten die Qualitäten und Eigenschaften des Menschen beschreiben.

Die Religion des Hinduismus, die in Indien ihren Ursprung hat und der über 80 Prozent der indischen Bevölkerung angehören, bezieht sich stark auf die Varnas und die rituelle Reinheit, die einzelnen Kasten zugewiesen wird. Die Hindus ordnen auch Menschen anderer Religionen in dieses System ein.

Jati, Varna und Kaste

Von Geburt an gehört jeder Inder zu einer bestimmten sozialen Gruppe, einer sogenannten Jati. Diese Gruppe lässt sich häufig an den Namen ablesen. Der Name "Dhobi" zum Beispiel bedeutet Wäscher, "Gandhi" heißt Parfümverkäufer.

Nach Schätzungen gibt es in Indien rund 2000 solcher Jatis. Je nach Jati wird der Mensch bereits mit der Geburt einer Varna, also einer Kaste, zugeordnet.

Gibt es eine Chance, dem Kastensystem zu entkommen?

In den Städten verliert das Kastenwesen an Bedeutung. Zwar ist das Denken in Kasten, zum Beispiel bei der Partnerwahl, auch in der Stadt noch sehr verbreitet, aber das System wird durchlässiger.

An Stelle der Kasten treten inzwischen soziale Unterschiede. Wer über ein gutes Einkommen verfügt, fühlt sich der entsprechenden sozialen Gruppe verbunden und weniger seiner Kaste.

Seit den 1930er Jahren gewähren öffentliche Einrichtungen eine bestimmte Anzahl an Mandaten und Positionen den Dalits. Auch Plätze an Universitäten werden nach einem bestimmten Schlüssel an Dalits vergeben. Solche Begünstigungen führen in der Regel zu Auseinandersetzungen mit Angehörigen der höheren, "reinen" Kasten.

Dennoch haben es einige Dalits zu hohen Ämtern gebracht: Mit Meera Kumar hat eine "Ex-Unberührbare" seit 2009 das Amt der Parlamentspräsidentin inne. Der amtierende Staatspräsident Ram Nath Kovind ist nach K.R. Narayanan sogar schon der zweite Dalit, der es bis zum Staatsoberhaupt Indiens gebracht hat.

Indiens Staatspräsident Ram Nath Kovind empfängt den deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier

Ram Nath Kovind ist bereits der zweite Dalit-Staatspräsident Indiens

Autorin: Ana Rios

Stand: 19.04.2018, 11:00

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