Korruption

Mann im Anzug nimmt Geldscheine hinterm Rücken an.

Verbrechen

Korruption

Von Karin Soltani und Christoph Teves

Der Arzt bekommt neue Geräte von einer Pharmafirma und verordnet im Gegenzug die "richtigen" Medikamente. Und der Journalist schreibt einen freundlichen Bericht über das neue Auto, das er monatelang "testen" durfte. Kavaliersdelikte? Nein. Korruption schadet der Volkswirtschaft, der Demokratie – und letztlich uns allen.

Ein uraltes Problem

Der Gedanke, jemanden mit besonderen Zuwendungen auf seine Seite zu ziehen, ist so alt, dass er geradezu typisch menschlich erscheint. Wurden in grauer Vorzeit nicht Götter mit Opfergaben milde gestimmt? Eine Hand wäscht die andere – das praktizierte man schon im alten Rom.

Ab 200 vor Christus gab es in der römischen Gesellschaft zwei miteinander verwobene Systeme: Das offizielle basierte auf den festgeschriebenen Regeln für Verwaltung und Militär, das informelle auf einer neuen Art von Gefolgschaft, belebt durch den Austausch von Gefälligkeiten und Spenden.

In jener Zeit erkauften sich Generale häufig den Gehorsam ihrer Soldaten durch persönliche Zuwendungen und (Geld-)Geschenke. Doch schon die Römer wussten, dass Bestechung schädlich ist: In ihrem lateinischen Wortschatz existierte der Begriff "corrumpere", von dem das Wort "Korruption" abstammt. Es bedeutet verderben, zugrunde richten, zu Schande machen, untergraben.

Wenn Beziehungspflege kriminell wird

"Man kennt sich, man hilft sich", sagt der Kölner. "Eine Hand wäscht die andere" heißt es im Volksmund und "Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft". Die Grenze zu ziehen, wo aus der an sich positiven gegenseitigen Unterstützung, Hilfe und Kooperation kriminelle Korruption wird, ist oft gar nicht so einfach.

Wohl auch deshalb gelten Fälle von Korruption oft immer noch als Kavaliersdelikte, ist bei den Beteiligten häufig kein Unrechtsbewusstsein vorhanden.

Die Organisation Transparency International (TI), die sich der Bekämpfung von Korruption widmet, definiert Korruption als "Missbrauch von anvertrauter Macht zum eigenen Vorteil". Korruption umfasst Delikte wie Bestechung und Bestechlichkeit, Vorteilsnahme und Veruntreuung, Zahlung von Schmiergeld, ja sogar Erpressung.

Man kann unterscheiden zwischen Gelegenheitskorruption – das ist zum Beispiel der Euroschein, der bei der Verkehrskontrolle im Führerschein liegt – und struktureller Korruption. Bei letzterem geht es um die Bildung langfristiger Netzwerke und Abhängigkeiten.

Korruption findet überall dort ihren Nährboden, wo Entscheidungen getroffen werden, von denen jemand einen Vorteil haben kann. Sie gedeiht, wenn manipulatives Verhalten im Schutz der Heimlichkeit möglich ist und nicht ans Licht kommt. Kein Bereich der Bürokratie ist davon ausgeschlossen. Korruption war und ist überall möglich: in jedem Land, zu jeder Zeit.

Das illegale Dankeschön – der Bürger zahlt's

Unverfänglich werden sie gereicht, die Appetithäppchen, die beim Empfänger den Wunsch nach mehr keimen lassen. Um in den Genuss von größeren Aufmerksamkeiten zu kommen, werden als Gegenleistung Wünsche erfüllt. "Anfüttern", so bezeichnet der Fachjargon diese Art langfristiger Beziehungspflege.

Unzählige Hängeregister liegen gestapelt auf einem Schreibtisch mit Aktenordnern

Kor­rup­ti­ons­fäl­le fül­len viele Ord­ner

Am liebsten werden Gefälligkeiten weltweit mit Bargeld bezahlt. Gern genommen sind außerdem Bordellbesuche, Schmuck, Geschenke für Familienangehörige, großzügig finanzierte Reisen, Zubehör für die Hobbyausstattung und kostenlose Leistungen aller Art.

Ob in der öffentlichen Verwaltung oder im Gesundheitswesen: Die Kosten illegaler Tauschbeziehungen gehen zu Lasten der Allgemeinheit. Das schmierige Geschäft zahlen die Bürger – mit Steuern, höheren Preisen oder gestiegenen Gebühren.

Wenn ein Unternehmen besticht, um seine Umsätze zu steigern, holt es sich das dafür benötigte Geld vom Verbraucher – indem es seine Ware verteuert und das Bestechungsgeld zusätzlich als Werbungskosten steuerlich absetzt. Oder das Bestechungsgeld wird bereits in die Rechnung an die Stadt eingerechnet. Die Allgemeinheit zahlt also Leistungen, die nie erbracht wurden.

Wie hoch die Kosten tatsächlich sind, die Korruption verursacht, lässt sich nur schätzen. Zu hoch ist die Dunkelziffer der Delikte. Doch vermutlich gehen die Schäden für die deutsche Volkswirtschaft, in die Milliarden. Die Studie eines Wirtschaftswissenschaftlers von der Universität Linz in Österreich ging für das Jahr 2012 von einem Gesamtschaden für Deutschlands Wirtschaft von 250 Milliarden Euro aus.

Der Korruptionssumpf vor der Haustür

Spektakuläre Beispiele bieten nicht nur kolumbianische Drogenkartelle, die sizilianische Mafia oder Waffenschiebereien im Nahen Osten. Für reichhaltiges Anschauungsmaterial sorgen auch deutsche Bestechungsskandale: Im Korruptionsprozess um den Bau der Kölner Müllverbrennungsanlage ging es um gut elf Millionen Euro Schmiergelder, die beim Bau der etwa 400 Millionen Euro teuren Anlage in den 1990er Jahren gezahlt wurden. Eine Million davon hatte allein die Kölner SPD kassiert.

Transparency International erstellt seit 1995 den internationalen Korruptionswahrnehmungsindex, der wiedergeben soll, als wie korrupt die Amtsträger und Politiker einzelner Länder gelten. Die Bewertungsskala reicht von 0 (als sehr korrupt wahrgenommen) bis 100 (als sehr sauber wahrgenommen).

Mehr als zwei Drittel der 180 untersuchten Länder erzielten 2019 einen Index von unter 50, der Durchschnitt lag bei nur 43 Punkten. Korruption ist also ein weltweites Problem.

Deutschland stand mit einem Index von 80 auf Rang 9, während sich Dänemark und Neuseeland mit einem Index von 87 den ersten Platz teilten.

Positiv hervorgehoben wurde von TI, dass eine größere Anzeigenbereitschaft zu mehr Ermittlungsverfahren geführt habe und die Zahl der Präventionsmaßnahmen in Verwaltung und Privatwirtschaft gewachsen sei.

WDR | Stand: 10.07.2020, 11:00

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