Egon Bahr – Überlebensgroß im Schatten

Der Politiker Egon Bahr mit Pfeife in einer Konferenz

Willy Brandt

Egon Bahr – Überlebensgroß im Schatten

Von Beate Krol

Willy Brandt-Vertrauter, Architekt der Ostverträge und graue Eminenz – wohl kaum ein Politiker ist mit so vielen Etiketten versehen worden wie Egon Bahr. Dabei hielt sich der Außenpolitiker gern im Hintergrund. Dort bewirkte "tricky Egon" allerdings eine ganze Menge.

Egon Bahr und Willy Brandt – eine historische Freundschaft

Egon Bahrs Buch "Das musst du erzählen" beginnt mit dem letzten Besuch Egon Bahrs bei Willy Brandt. Beide wissen, dass Brandt nicht mehr lange zu leben hat, beim Rausgehen dreht sich Egon Bahr in der Tür noch einmal um und beide winken sich zu. Ein paar Tage später erfährt Bahr von einem der Söhne Willy Brandts, dass dieser auf die Frage, wer seine Freunde gewesen seien, kurz und bündig mit "Egon" geantwortet habe. Egon und niemand sonst auf der Welt.

Die Freundschaft von Egon Bahr und Willy Brandt gilt vielen als historischer Glücksfall. Tatsächlich hat sie in der Geschichte deutliche Spuren hinterlassen. Die beiden SPD-Politiker verband der tiefe Wunsch nach Frieden und einem wiedervereinigten Deutschland. Ihre daraus resultierende Ostpolitik sorgte dafür, dass der Kontakt zum damaligen Ostblock trotz des Kalten Krieges nicht abriss. Mehr noch: Die ehemaligen Kriegsgegner schlossen mit der Bundesrepublik sogar Verträge über einen gegenseitigen Gewaltverzicht und die DDR verpflichtete sich zu "gutnachbarlichen Beziehungen".

Egon Bahr und Willy Brandt

Egon Bahr und Willy Brandt: zwei auf der gleichen Wellenlänge

Bahrs Kindheit und Jugend

Wann genau der 1922 in Thüringen geborene Egon Bahr zum politischen Kopf wurde, ist nicht bekannt. Wie Willy Brandt hat auch er als Jugendlicher unter den Nazis gelitten. Weil seine Großmutter mütterlicherseits Jüdin war, forderten die Nazis seinen Vater auf, sich von Bahrs Mutter zu trennen. Die Eltern entzogen sich dem Druck, indem sie von Torgau, wo sie wohnten, nach Berlin zogen. Bahrs Vater verlor darüber seinen geliebten Beruf als Lehrer. Zwei seiner Onkel mussten zudem vor den Nazis fliehen, einer der beiden war im KZ Oranienburg inhaftiert gewesen.

Wegen seiner jüdischen Großmutter war es dem musikbegeisterten Egon Bahr auch nicht erlaubt Klavier zu studieren, was er gern gemacht hätte. "Der Führer wollte es nicht", witzelte er später etwas bitter. Daraufhin lernte er notgedrungen Industriekaufmann bei der Berliner Rheinmetall Borsig AG, die unter anderem Langrohrgeschütze, Fliegerabwehrkanonen und Maschinengewehre produzierte und mehrheitlich den "Reichswerken Hermann Göring" gehörte. Nach zwei Jahren bei der Wehrmacht wurde er 1944 dorthin als "Rüstungsarbeiter" zurückbeordert.

Wie bei Willy Brandt, der einen jüdischen Großvater hatte, wurde auch in Egon Bahrs Familie nicht über die jüdische Großmutter gesprochen. "Das Wort `jüdisch´ oder `Jude´ fiel nie", schreibt er später.

Egon Bahr wird SPD-Mitglied

Nach dem Krieg beginnt Egon Bahr in Westberlin als Journalist zu arbeiten, erst für Zeitungen, dann für das Radio. In dieser Zeit lernt er Willy Brandt kennen, der seit 1949 als Westberliner SPD-Abgeordneter im Bundestag sitzt und davor ebenfalls Journalist war.

Der SPD-Abgeordnete Willy Brandt bei einer Pressekonferenz in Westberlin

Willy Brandt ist Westberliner SPD-Angeordneter, als er den Journalisten Egon Bahr kennenlernt

Obwohl Egon Bahr in seinen Artikeln und Radiokommentaren immer wieder die Regierung Konrad Adenauers angreift, macht er schnell Karriere. Er ist noch keine 30, als er die Leitung des Bonner RIAS-Büros übernimmt und RIAS-Chefkommentator wird.

Schon damals ist sein Leib- und Magenthema die bundesdeutsche Außenpolitik. Hier sieht er sich ganz besonders als Adenauers Gegner. Über dessen Sprecher weiß er, dass Adenauer die Einheit nicht wirklich will, auch wenn er nach außen gern etwas anderes behauptet. Egon Bahr befürwortet die Einheit hingegen. Bei allen Verbrechen, die im Namen der Nation gegen andere und gegen das eigene Volk begangen worden seien, erklärte er 1957, dürfe das nicht zu "einer Negierung der Nation" führen.

In der SPD-Führung ist bekannt, dass Egon Bahr zur SPD tendiert. Aus genau diesem Grund rät der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher Bahr von einer Mitgliedschaft ab: Ihm ist es lieber, wenn Egon Bahr der SPD nicht offiziell zugerechnet werden kann. Auch Willy Brandt bremst ihn aus.

1956 tritt Egon Bahr dann doch in die Partei ein. Bereits in seiner ersten Rede stellt er seine außenpolitischen Grundlinien vor. Wenn die osteuropäischen Staaten die amerikanische Anwesenheit auf dem Kontinent akzeptierten, komme jede Form eines Sicherheitsabkommens unter Einschluss der osteuropäischen Staaten infrage, erklärt er und fügt hinzu: "Die begonnene Phase deutscher Nachkriegspolitik heißt jedenfalls Ostpolitik."

Egon Bahr als Architekt der Ostpolitik

Ab 1960 gestaltet Egon Bahr diese Phase maßgeblich mit. Willy Brandt, der inzwischen Bürgermeister Weltberlins ist, macht ihn zum Leiter seines Presseamts. In dieser Zeit wird aus den beiden ein Team, das sich nahezu blind versteht. Sie schreiben Reden und Texte zusammen und duzen sich schließlich, was lange nicht auffällt, weil sie sich offiziell brav siezen.

Als Willy Brandt 1965 Außenminister der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger wird und 1969 schließlich im dritten Anlauf die Wahl zum Bundeskanzler gewinnt, bleibt Egon Bahr an seiner Seite. Erst wird er Leiter des Planungsstabs, dann Chef des Bundeskanzleramts.

Willy Brandt unterzeichnet den Moskauer Vertrag

August 1970: Willy Brandt unterzeichnet in Gegenwart von Egon Bahr den Moskauer Vertrag

Gemeinsam setzen er und Willy Brandt den von Bahr so getauften "Wandel durch Annäherung" Schritt für Schritt um. Über zwei geheime Kanäle steht Bahr in direktem Kontakt zum US-amerikanischen Außenminister Henry Kissinger und KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew. Wie in einem Agententhriller trifft er sich immer wieder heimlich mit zwei sowjetischen Verbindungsleuten. Auf diese Weise hoffen sie, die Gegner einer Entspannungspolitik im Kreml auszuschalten.

Der geheime Kanal in die Sowjetunion Planet Wissen 07.12.2020 03:05 Min. Verfügbar bis 07.12.2025 SWR

Tatsächlich hat der geheime Kanal großen Anteil daran, dass die Sowjetunion und die Bundesrepublik am 12. August 1970 den "Moskauer Vertrag" unterzeichnen. Darin verpflichten sie sich zum gegenseitigen Gewaltverzicht und der Unverletzlichkeit der Grenzen. Bereits am 7. Dezember 1970 folgt der "Warschauer Vertrag" mit der Volksrepublik Polen. Sieben weitere Verträge folgen, darunter das "Viermächteabkommen" über Berlin und der "Grundlagenvertrag" mit der DDR.

Die Zeit nach den Ostverträgen

Für Egon Bahr ist die Hochphase der Ostpolitik erhebend und erschöpfend zugleich. Der "Architekt der Ostverträge" ist derart in die Arbeit an den heiklen Verträgen vertieft, dass die 68er Revolution in Deutschland weitgehend an ihm vorbei geht. Auch sonst bekommt er kaum etwas von der bundesrepublikanischen Innenpolitik mit. Als schließlich alles unter Dach und Fach gewesen sei, sei er zu müde gewesen, um sich darüber zu freuen, erinnert er sich.

Nach dem Rücktritt Willy Brandts als Bundeskanzler am 7. Mai 1974 legt auch Egon Bahr seine Ämter notgedrungen nieder. Er wechselt vom Bundeskanzleramt in den Bonner Bundestag, wo er den Wahlkreis Flensburg-Schleswig vertritt, den er mehrmals direkt gewinnt. Im Juli 1974 wird er noch einmal für zwei Jahre Interims-Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Anschließend arbeitet er von 1976 bis 1981 als SPD-Bundesgeschäftsführer.

Menschenmenge vor der Berliner Mauer am Brandenburger Tor

Der Fall der Mauer ist auch Bahrs Ostpolitik "Wandel durch Annäherung" zu verdanken

Als am 9. November 1989 die Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten fällt, tritt Egon Bahr zusammen mit Willy Brandt die Reise nach Berlin an. Wie gewohnt bleibt er auch da im Hintergrund. Dabei sehen den Mauerfall viele auch als Bahrs Verdienst, hatte er doch mit den Verträgen und der Ostpolitik dafür gesorgt, dass die Regierungen im Gespräch geblieben waren und daher auch über die Zukunft der beiden deutschen Staaten sprechen konnten.

Auch nach dem Fall der Mauer treibt Egon Bahr der Wunsch nach Verständigung und Entspannung an. Bis zu seinem Tod am 19. August 2015 warnt er vor den neuen Waffensystemen, die die Digitalisierung mit sich bringe und die es erlauben, grenzenlos zu töten. Auch die drohende Klimakrise macht Egon Bahr in Vorträgen, Aufsätzen und Interviews zum Thema. Für ihn ist klar: "Sicherheit und Stabilität sind die Kernfragen, von denen die Zukunft unserer Welt abhängt." Und: "Keines der großen globalen oder regionalen Probleme ist militärisch wirklich lösbar."

Unsere Quellen:

SWR | Stand: 08.12.2020, 11:30

Darstellung: