Materialkenntnisse und Werkzeuge

Jungsteinzeitliche Handmühle aus Mahlplatte und Läufer. Darauf liegen Körner.

Jungsteinzeit

Materialkenntnisse und Werkzeuge

Ohne gutes Werkzeug lässt es sich schlecht arbeiten. Das weiß jeder Handwerker. Noch schlechter als schlechtes Werkzeug ist es wohl, überhaupt kein Werkzeug zu haben. Und dazu noch, nicht einmal zu wissen, mit welchem Gerät eine bestimmte Tätigkeit leichter von der Hand gehen könnte. Ganz einfach deshalb, weil es dieses Gerät noch nicht gibt. Und der Grund, weshalb man es überhaupt braucht, ist ebenfalls noch relativ neu – etwa um Getreidekörner zu mahlen oder die Ähren zu schneiden. Das war die Situation für die ersten Menschen in der Jungsteinzeit.

Zeitalter des neuen Steins

Denn neu war nicht nur, dass Feuersteine zu Pfeilspitzen, Messern, Bohrern und so weiter zugeschlagen wurden, sondern auch zähe Felsgesteine zu Steinbeilen und Lochäxten geschliffen. Steinbeile sind typisch für das Neolithikum, brauchte man sie doch zum Roden, um Baumaterial zu beschaffen, Brennholz zu schlagen und allfälligen Feinden über den Kopf zu hauen.

Die gute Funderhaltung in den Feuchtbodensiedlungen zeigt aber, dass die Mehrzahl der Gerätschaften in der Steinzeit gar nicht aus Gesteinen bestand, sondern aus Knochen, Geweihen, Holz, Leder, Textilfasern und Keramik. Eigentlich müsste man nicht von der Stein-, sondern von einer Holzzeit oder Lederepoche reden.

Andere Steine wurden ebenfalls geschliffen, zusätzlich aber noch durchbohrt und mit einem Stiel versehen. Bis heute hat sich diese Grundidee einer Axt gehalten. Mit ihr konnte der Mensch ein anderes wichtiges Rohmaterial erobern: Holz. Es war ebenfalls in großen Mengen vorhanden.

Und hier gilt das Gleiche wie beim Stein – es kommt darauf an, wofür es gebraucht wird. Für Schüsseln oder Löffel brauchte man nicht gleich einen ganzen Baum zu fällen. Um ein Haus zu bauen, mussten dagegen eine ganze Menge Bäume gehauen werden.

Materialkenntnisse

Dabei leistete die Axt hervorragende Dienste. Aber nicht nur beim Abholzen, sondern auch beim weiteren Verarbeiten der Stämme. Die wurden auf einer Seite angespitzt und dann als tragende Stützen in den Untergrund versenkt. Das war zumindest die Methode der Steinzeitmenschen, die vor 5000 Jahren am Bodensee ihre Behausungen gebaut haben.

Farbzeichnung einer Axt aus der Steinzeit

Bis heute hat sich diese Grundidee einer Axt gehalten

Meistens wurden solche Pfahlbauten in Wassernähe errichtet, weil dort der Boden verhältnismäßig weich war. Um alle Holzpfähle einer solchen Konstruktion zusammenzuhalten, brauchte man etwa 1000 Meter Bindematerial aus Lindenbast, der zu Stricken verdreht wurde.

Abgesehen davon, dass es wohl ziemlich lange dauert, bis genügend Lindenbast gesammelt ist – vorher muss man überhaupt erst einmal auf die Idee kommen, ausgerechnet aus Lindenbast ein Seil zu fertigen. Die Menschen damals wussten also ziemlich genau über die Eigenschaften sämtlicher Materialien Bescheid, die in der Natur vorkamen – und für welchen Zweck sie geeignet waren.

Das wird auch deutlich, wenn man sich mit der Kleidung von damals beschäftigt. Archäologische Funde wie der Gletschermann Ötzi belegen, wie viele unterschiedliche Stoffe allein an und in seinen Schuhen verarbeitet wurden: Heu im Innenschuh für den Schutz gegen Kälte, der Außenschuh war aus Hirschleder, und für die Sohlen schien Bärenleder das Richtige zu sein.

Geschnürt hat Ötzi seine Schuhe mit Lindenbast. Bis er wirklich zufrieden war mit dem, was er am Fuß trug, hat es sicherlich ziemlich lange gedauert. Vermutlich hat er immer wieder Schwachstellen gefunden, die er verbessert hat.

Lederschuhe aus der Steinzeit

Lederschuhe aus der Steinzeit

Das trifft auch auf sämtliche Waffen, Werkzeuge und anderen Alltagsgegenstände aus der Jungsteinzeit zu. Denn immer wieder hat es Situationen gegeben, in denen das vorhandene Gerät ungeeignet war, um das gewünschte Ziel damit zu erreichen. Dann waren Kreativität und Fantasie gefordert.

Und wie sich gezeigt hat, scheint etwas dran zu sein an der Redewendung: "Not macht erfinderisch." Wäre dem nicht so, hätte sich der Mensch nicht über so viele Jahrtausende hinweg entwickeln können.

Autor: Lothar Nickels

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Stand: 30.07.2018, 08:52

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