Mütter

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Mütter

Mütter sind Frauen, die ein Kind oder mehrere Kinder haben – so weit, so klar. Gänzlich unklar dagegen ist die Rolle, die eine Mutter einzunehmen hat: Madonna oder Superweib, Rabenmutter oder Heimchen am Herd? Im Lauf der vergangenen gut 100 Jahre hat sich das Mutterbild in den Köpfen der Menschen mehrfach gewandelt. Heute existieren mehrere mögliche Rollenmodelle parallel nebeneinander.

Gehorsam und tugendhaft – Königin Luise

Wesentlich geprägt wurde das Mutterbild in Deutschland durch Königin Luise von Preußen (1776-1810). Im Gegensatz zu Verbindungen in anderen Königshäusern führte sie mit ihrem Gatten Friedrich Wilhelm keine auf Staatsräson fußende Zweckehe, sondern eine Liebesbeziehung.

Ihre Kinder überließ Königin Luise keinem Heer von Erziehern und Gouvernanten, sondern sie befasste sich viel selbst mit ihnen. Außerdem propagierte sie Gehorsam und Unterordnung unter den Ehemann.

Noch weit über ihren Tod hinaus beeinflusste sie in den Köpfen das Bild der Frau und Mutter. Ihre 1896 erschienene bebilderte Biografie durfte in keinem Mädchenzimmer fehlen. Auch verschiedene Dichter wie Heinrich von Kleist oder Novalis rühmten ihre Mütterlichkeit und Tugend.

Mit ihrer Haltung war Luise Vorbild für das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie, in dem der Vater als Erwerbstätiger die Familie versorgt und die Mutter zu Hause ein gemütliches angenehmes Heim schafft und sich um Haushalt und Kinder kümmert.

Die neue Mütterlichkeit um 1900

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann in Deutschland die Frauenbewegung. Dabei gab es zwei sehr unterschiedliche Strömungen. Die radikale Richtung propagierte eine Gleichheit der Geschlechter, forderte gleiche politische Rechte und berufliche Chancen wie für Männer.

Der moderatere Flügel betonte eher die Unterschiedlichkeit der Geschlechter. Die Mutterschaft wurde als höchste Erfüllung der Weiblichkeit gepriesen, die Mutter-Kind-Beziehung als wichtigste Liebesbeziehung.

Mädchenschulen sollten zu "Fraulichkeit" erziehen. Haushaltsfachschulen wurden als Vorbildung für den anspruchsvollen Beruf der Mutter und Hausfrau gegründet.

Dabei galt die sogenannte "geistige Mütterlichkeit" als Korrektiv der von Männern geprägten Kälte der Gesellschaft. Frauen durften aus diesem Antrieb heraus durchaus in der Öffentlichkeit wirken, etwa um sich für das Wohl anderer einzusetzen.

Die deutsche Mutter im Nationalsozialismus

Die nationalsozialistische Politik setzte den von den bürgerlichen Frauenverbänden begonnenen Trend zur Professionalisierung der Hausfrau konsequent fort.

Wollte beispielsweise ein SS-Mann heiraten, musste seine zukünftige Frau nachweisen, dass sie an einem Mütterschulungslehrgang teilgenommen hatte, damit die beiden die Heiratsgenehmigung vom Rassen- und Siedlungshauptamt bekamen.

Haushalts- und Gesundheitsführung, Kochen, Nähen, Säuglings- und Krankenpflege waren Bestandteile eines solchen Kurses.

Hatte vorher die Einheit von Mutter und Kind als etwas zutiefst Privates gegolten, so war jetzt die Fortpflanzung der deutschen Rasse die Aufgabe der Mutter. Frauen, die sich bewusst gegen die Mutterschaft entschieden, galten als entartet und krank.

Die Rolle des Vaters schrumpfte auf die des Erzeugers. Wichtig war nicht mehr, ob ein Kind ehelich geboren wurde oder nicht, sondern, ob es von reiner Abstammung war.

Das Plakat vom 'Hilfswerk Mutter und Kind' zeigt eine stillende Frau im blauen Kleid, die vor einem von der Sonne gelb erleuchteten Himmel steht.

Mutterschaft war nichts Privates mehr

Mutterschaft als Lebenserfüllung

In den 1950er und 1960er Jahren rückte im Westen Deutschlands die Mutterschaft wieder in den privaten Bereich. Sie galt gewissermaßen als Essenz der Weiblichkeit, aus der Frauen eine tiefe Befriedigung ziehen könnten.

Mütter sollten verheiratet sein und ihren Beruf zugunsten der Kinder aufgegeben haben. Den Bedürfnissen ihrer Kinder sollten sie höchste Priorität einräumen.

Diese Grundeinstellung wurde mit Erkenntnissen aus der klassischen Psychoanalyse, der Bindungstheorie und anderen Forschungsansätzen untermauert.

Der Vater hatte lediglich die Rolle des Ernährers inne, seine Bedeutung in der kindlichen Entwicklung wurde fast vollständig ignoriert. An die Frauen stellte dieses Ideal hohe Ansprüche: Viele hatten ein schlechtes Gewissen, weil sie dieses rosige Bild der Mutterschaft in der Praxis nicht leben konnten.

Wer nicht in das Schema der glücklichen Kleinfamilie passte - zum Beispiel Alleinerziehende, berufstätige Mütter, Stieffamilien – wurde gesellschaftlich ausgegrenzt.

Eine Frau in Schürze und mit Hocksteck-Frisur präsentiert auf dieser Schwarzweiß-Fotografie stolz ihre Drillingsmädchen. Alle drei tragen Zöpfe, weiße Rüschenblusen und identische Strickjacken.

Eine Drillingsmutter im Jahr 1966

Das Drei-Phasen-Modell in den 1970er und 1980er Jahren

Das Drei-Phasen-Modell suchte einen Kompromiss zwischen dem traditionellen Mutterbild und dem zunehmenden Wunsch vieler Frauen nach Berufstätigkeit. Danach sollten junge Frauen durchaus eine gute Schul- und Berufsausbildung anstreben und diesen Beruf auch ausüben, bis das erste Kind geboren war.

Anschließend sollte die Frau zu Hause bleiben und sich um die Familie kümmern. Erst wenn das Kind oder die Kinder sie nicht mehr dringend bräuchten, könnte sie wieder einer Berufstätigkeit nachgehen.

Das Drei-Phasen-Modell wurde zwar vorwiegend in den 1970er und 1980er Jahren propagiert, es gibt jedoch bis heute Vertreter dieser Linie. Politisch zementiert wurde das Modell durch die gesetzliche Möglichkeit, während eines dreijährigen Erziehungsurlaubes den Anspruch auf den alten Arbeitsplatz zu behalten.

Die Schwarzweiß-Fotografie zeigt eine junge Frau, die in der Küche hantiert. Dabei steht ein kleiner Junge in kurzen Hosen. Alles ist im Stil der 70er Jahre eingerichtet.

Mit Kind blieb auch die gebildete Mutter daheim

Mütter in der DDR

Die DDR setzte ganz auf die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Mutterschaft. Für die Kinder gab es Kinderkrippen, Ganztagskindergärten und Ganztagsschulen. Finanzielle Zuwendungen und Förderungen bekamen Mütter unabhängig davon, ob sie verheiratet waren oder nicht.

Die Berufstätigkeit der Frauen wurde ideologisch angestrebt und konsequent gefördert, auch wenn Frauen - ähnlich wie in der Bundesrepublik - selten in Führungspositionen gelangten.

Auf die Kinderzahl hatte diese Politik keine erkennbaren negativen Auswirkungen, im Gegenteil: Während in der Bundesrepublik im Jahr 1980 eine Frau statistisch nur 1,4 Kinder bekam, hatte die DDR-Frau im selben Jahr im Schnitt immerhin 1,9 Kinder.

Lebensformen im 21. Jahrhundert

Die Geburtenrate in der Bundesrepublik stagniert seit Jahren auf niedrigem Niveau: Im Jahr 2014 lag die durchschnittliche Kinderzahl je Frau bei 1,47. Dabei gibt es etwa seit den 1990er Jahren kein vorherrschendes Mutterbild mehr. Verschiedene Lebensformen existieren parallel nebeneinander.

So gibt es zum einen die "Supermütter", die scheinbar spielend Karriere, Kinder und Haushalt unter einen Hut bringen. Zahlreiche Frauen arbeiten in Teilzeit, gewissermaßen eine Abwandlung des Drei-Phasen-Modells aus früheren Jahren.

Eine junge Frau im Hosenanzug schiebt einen Buggy.

Nur Supermütter schaffen alles zusammen

Wieder andere – vor allem Frauen aus der Mittelschicht – verzichten ganz bewusst auf eine Berufsausübung, weil sie sich nicht weiter dem Druck von Konkurrenz und Fremdbestimmung im Arbeitsleben aussetzen wollen. Sie erhoffen sich durch das Ausleben der Familienrolle eine bessere Selbstverwirklichung als im Beruf.

Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Alleinerziehende oder Frauen aus den unteren sozialen Schichten, für die sich diese Frage gar nicht stellt: Sie sind aus finanzieller Notwendigkeit heraus gezwungen, trotz Kindern zu arbeiten.

Die Kinderbetreuung übernehmen hier oft Großeltern, Geschwister, Nachbarn oder Bekannte, besonders wenn die Frauen in Schichtdiensten arbeiten. Viele Kinder bleiben auch zeitweise sich selbst überlassen.

Rechtlich gesehen war die bedeutendste Neuerung für Mütter in jüngster Zeit die Einführung des Elterngeldes mit Beginn des Jahres 2007. 2011 und 2013 gab es einige Änderungen, die Grundstruktur ist jedoch gleichgeblieben.

Das Elterngeld wird bis zu 14 Monate lang gezahlt und beträgt in der Regel 67 Prozent des Nettoeinkommens. Dabei liegen die Grenzen bei mindestens 300 und maximal 1800 Euro pro Monat. Hat man vor der Geburt mehr als 1200 Euro netto verdient, sinkt das Elterngeld auf bis zu 65 Prozent.

Kein Elterngeld bekommen Paare, die zusammen über 500.000 Euro im Jahr verdient haben, oder Erziehungsberechtigte, die alleine auf 250.000 Euro kamen.

Bis 2007 war das Elterngeld in Höhe von 300 Euro anrechnungsfrei für jene, die Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe oder den Kinderzuschlag erhalten. Nun wird das Elterngeld vollständig als Einkommen angerechnet. Um die vollen 14 Monate bezahlt zu bekommen, müssen gemeinsam erziehende Paare die Elterngeld-Zeiten untereinander aufteilen.

Autorin: Christina Lüdeke

Stand: 18.08.2017, 10:00

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