John Bayleys "Elegie für Iris"

John Bayley und seine Frau Iris Murdoch.

Alzheimer

John Bayleys "Elegie für Iris"

Von Franziska Badenschier

Die englische Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch führte ein intensives geistiges Leben – bis sie an Alzheimer erkrankte. Das Leiden veränderte nicht nur ihren eigenen Alltag, sondern auch den Alltag ihres Mannes, des Literaturprofessors John Bayley. Was zwischen ihnen blieb, waren Humor und Zärtlichkeit. John Bayleys Biographie über Iris Murdoch liest sich wie eine Anleitung zum würdigen Umgang mit Alzheimer-Patienten.

Die Worte werden knapp

Im Frühjahr 1994 ist Iris Murdoch eingeladen, an der University of the Negev über ihr Werk zu sprechen. Doch sie druckst herum, findet keine Worte. Der anfangs wohlgesonnene Diskussionsleiter fühlt sich sichtlich unbehaglich, einige Zuhörer verlassen peinlich berührt den Konferenzraum.

Murdochs Ehemann John Bayley ahnt, dass dieser Gedächtnisausfall seiner Frau nicht der letzte sein wird. Allerdings ist ihm klar, dass dies an seiner Liebe zu Iris nichts ändern kann: "Ein Teil von mir wusste, dass ich mir, was die Zukunft anging, ernsthafte Sorgen machen sollte – und der andere Teil wusste, dass weder Zukunft noch Vergangenheit von Belang waren."

Einige Jahre später sitzt John Bayley mit seiner Schreibmaschine im Ehebett. Iris Murdoch, die neben ihm schläft, weiß schon längst nicht mehr, dass sie neben ihren philosophischen Werken 26 gefeierte Romane geschrieben hat.

Vergessen ist, dass ihr bedeutende Universitäten die Ehrendoktorwürde verliehen haben. John Bayley übernimmt von nun an für sie, was die Alzheimer-Krankheit ihr geraubt hat: Er erinnert sich an ihr gemeinsames Leben und schreibt seine "Elegie für Iris".

Das Wesen des Menschen

John Bayley ist 28, als er sich in die sechs Jahre ältere Iris Murdoch verliebt. Die junge Philosophiedozentin ist eine umschwärmte Figur im Oxford der frühen 1950er Jahre.

Zu ihren Freunden gehören der Philosoph Isaiah Berlin, der Schriftsteller Elias Canetti und die Schriftstellerin Elizabeth Bowen. Iris Murdoch hat viele Verehrer. Der schüchterne Bayley macht schließlich das Rennen: Iris und er werden ein Paar.

Sehr viel später, Iris ist schon über 70, beobachtet Bayley an seiner Frau das erste beunruhigende Zeichen der heraufziehenden Krankheit: Murdoch, sonst disziplinierte Schreiberin, kommt mit ihrem neuen Roman nicht recht voran.

Die Schreibkrise entpuppt sich als Alzheimer. Bayley muss hilflos zusehen, wie die reiche schöpferische und intellektuelle Welt seiner Frau immer kleiner wird.

Bald jedoch entdeckt er, dass sich seine Frau zwar verändert, in ihrem Wesen aber die Gleiche bleibt, ja manche Eigenschaften nun sogar stärker hervortreten. Da ist zum Beispiel ihre skurrile Liebe zu unbelebten Dingen.

Schon früher hatte Iris Murdoch um aufgerissene Briefumschläge und verschlusslose Plastikflaschen ernsthaft getrauert. Nun beobachtet Bayley, wie sie sich "wie eine alte Stadtstreicherin bückt, um Fetzchen Bonbonpapier oder Zigarettenstummel vom Bürgersteig aufzuheben. Sie ist mit ihnen im Einklang und wird ihnen, wenn sie kann, ein Zuhause geben".

John Bayley sitzt vor einem Fenster und hält ein Buch in der Hand.

Das Buch "Elegie für Iris" wurde 2001 verfilmt

Was bleibt, ist Humor

Bayleys Selbstironie und sein Gespür für komische Momente helfen ihm, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Humor bleibt auch das Verständigungsmittel zwischen ihm und der kranken Iris.

Bayley erkennt, dass seine Frau immer noch unterscheiden kann "zwischen der Unbekümmertheit eines Scherzes oder einer normalen Neckerei und dem Ton der Zuneigung und liebevollen Fürsorge, der, wie ernst und aufrichtig er auch gemeint ist, immer unecht klingt".

So locker und optimistisch Bayley plaudert: Er verkleinert dadurch den Schrecken der Krankheit nicht. Bayley kennt die allgegenwärtige Angst der Alzheimer-Patienten. Eine Angst, die sich auf ihre Bezugspersonen überträgt.

Auch Iris Murdoch leidet unter ihr und somit auch Bayley. Die meisten Tage, so Bayley, seien für Iris eine einzige Verzweiflung, die sie als eine Leere erlebt, die "durch das Fehlen jeder Dimension erschreckt".

Immer noch einzigartig

Auch wenn Iris Murdoch völlig von ihrem Mann abhängig ist, gelingt es ihm, sie nicht nur als Patientin zu sehen. Ihre Krankheit akzeptiert er als eine weitere Variante der Verschrobenheit, die sie ihr ganzes Leben hindurch miteinander gepflegt haben.

Seine Partnerin bleibt für ihn auch als Alzheimer-Kranke zu jeder Zeit einzigartig: "Sie ist nicht in den allen Kranken gemeinsamen Symptomen untergegangen."

Ein Pressefoto von Iris Murdoch aufgenommen 1970.

Iris Murdoch 1970

Vom Bett aus erzählt Bayley das Leben seiner Frau, ohne dabei Vergleiche anzustellen zwischen der gesunden und der kranken Iris. "Es ist wunderbar friedlich, hier so im Bett zu sitzen, während Iris neben mir beruhigend schläft und leise schnarcht.

Ich werde selber wieder ganz schläfrig und mir ist, als ob ich den Fluss hinabtriebe und zusähe, wie das ganze Zeug hier aus dem Haus und aus unserem Leben – das gute wie das schlechte – langsam im dunklen Wasser versinkt, bis es in der Tiefe nicht mehr zu sehen ist."

Anfang 1999 stirbt Iris Murdoch im Alter von 79 Jahren.

Stand: 24.06.2019, 11:00

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