Alzheimer

Zeichnung: Eine Hand radiert einen Teil des Gehirns aus

Krankheiten

Alzheimer

Von Julia Ucsnay, Andrea Wengel und Franziska Badenschier

"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können", schrieb der deutsche Dichter Jean Paul im Jahre 1812. Doch das stimmt nicht ganz: Mehr als eine Million Deutsche haben eine Alzheimer-Demenz und verlieren nach und nach ihre Erinnerung.

Alois Alzheimer, Namensgeber einer Krankheit

Als Demenz bezeichnen Ärzte eine geistige Behinderung, die entstanden ist, weil das Hirn geschädigt wurde. Alzheimer ist die wohl häufigste Form der Demenz.

Bei der Alzheimer-Krankheit bilden sich Neurofibrillen und Plaques, daraufhin sterben Nervenzellen ab. Doch das merkt man nicht. Es können Jahre vergehen, bis das erste Symptom auftaucht: Vergesslichkeit. Wo ist der Haustürschlüssel? Was wollte ich eben erzählen?

Das sind typische Situationen. Später verlieren Betroffene die Orientierung, können nicht mehr sprechen, werden bettlägerig. Zwar lassen sich manche Symptome der Erkrankung lindern oder hinauszögern. Geheilt werden kann bislang aber niemand.

1906, in der Klinik für Gemüts- und Nervenkranke an der Universität Tübingen, die heute die Universitätsklinik für Psychiatrie ist: Der Nervenarzt Alois Alzheimer hält einen Vortrag, der ihn später berühmt machen soll. Er beschreibt eine bis dahin unbekannte Form der Demenz, das "eigenartige Krankheitsbild" seiner Patientin Auguste Deter.

Dr. Alois Alzheimer um 1914 fotografiert.

Dr. Alois Alzheimer beschrieb als Erster die Erkrankung

Bei der 55-Jährigen habe sich eine rasch zunehmende Gedächtnisschwäche bemerkbar gemacht. Sie habe sich in ihrer Wohnung nicht mehr zurechtgefunden, Gegenstände hin und her geschleppt und sie versteckt. Zuweilen habe sie geglaubt, man wolle sie umbringen, und begonnen, laut zu schreien. Mehr als fünf Jahre lang hatte der Arzt seine Patientin beobachtet und den Verlauf des Verfalls akribisch in der Krankenakte notiert.

Nachdem seine Patientin gestorben war, untersuchte er das Gehirn von Auguste Deter: Alois Alzheimer vermutete, dass es eine biologische Ursache für die dokumentierten Veränderungen gegeben hatte. Und tatsächlich: Alzheimer erkannte, dass die Hirnrinde dünner gewesen war als üblich.

Er fand auch Eiweißablagerungen in Form von Plaques. Und er konnte ungewöhnliche Bündel von sogenannten Neurofibrillen nachweisen: Dabei hatten sich Fasern in Nervenzellen verknäuelt. 1909 benannte ein Kollege, der Psychiater Emil Kraepelin, die mit diesen Veränderungen einhergehende Krankheit nach ihrem Entdecker: Alzheimer-Krankheit.

Grafik: Kopf eines Mannes löst sich auf in einen wegfliegenden Vogelschwarm

Bei Alzheimer scheinen die Erinnerungen einfach wegzufliegen

Heute zählt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Alzheimer-Demenz zu den größten medizinischen Problemen weltweit. Im Jahr 2019 waren weltweit fast 47 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, schätzt der Dachverband Alzheimer's Disease International (ADI). In Deutschland waren es 1,6 Millionen Menschen.

Alzheimer mache dabei rund 65 Prozent der Fälle aus. Und die Zahlen steigen rasant: Im Jahr 2050 werde es weltweit 132 Millionen Demenz-Patienten geben, heißt es beim ADI.

Mehr als 100 Jahre sind vergangen, seit Alois Alzheimer die Krankheit entdeckt hat. Noch immer ist sie nicht vollständig erforscht. Was man aber unter anderem weiß: Von der Diagnose bis zum Tod des Patienten vergehen durchschnittlich sieben Jahre.

Verfall in mehreren Stufen

Mit leichter Vergesslichkeit beginnt es: Die Betroffenen verlegen ihre Brille oder finden ihre Geldbörse nicht. Sie erkennen Orte nicht wieder, an denen sie schon einmal waren. Beim Reden verlieren sie den Faden. Vor allem kurz zurückliegende Ereignisse werden vergessen.

Zunächst können viele Patienten ihre Gedächtnisprobleme vertuschen: Sie notieren sich alles auf kleine Zettel oder sie tragen eine Zeitung mit sich herum, um den Wochentag und das aktuelle Datum parat zu haben.

Hilft Muskeltraining gegen Demenz? Planet Wissen 27.02.2020 05:13 Min. Verfügbar bis 27.02.2025 WDR

Je weiter die Alzheimer-Demenz fortschreitet, je weiter das Gehirn geschädigt wird, umso mehr Fähigkeiten verlieren die Betroffenen: So können immer weniger assoziieren, zum Beispiel dass Schuhe und Socken an die Füße gehören oder was mit Messer, Gabel und Löffel zu tun ist. Selbst vertraute Personen werden von den Dementen nicht mehr immer wiedererkannt, und die eigene Wohnung wird ihnen fremd.

Die Alzheimer-Patienten vernachlässigen mitunter auch ihr Äußeres. Und Verfolgungswahn oder Halluzinationen können sich einstellen. Es fällt ihnen immer schwerer, alltägliche Dinge zu meistern. Und nun lässt auch die Erinnerung an weit zurückliegende Dinge nach: Sie können sich zum Beispiel nicht mehr daran erinnern, welchen Beruf sie früher ausübten.

Patienten, die das Stadium der schweren Demenz erreichen, sind völlig pflegebedürftig. Sie werden zunehmend inkontinent, müssen gefüttert werden. Nach und nach verschwindet auch die Fähigkeit zu gehen, die Gefahr von Stürzen steigt.

Wenn dann jene Areale im Gehirn versagen, die für die Bewegung zuständig sind, wird der Patient bettlägerig und immer schwächer. Oft stirbt er dann an einer Lungenentzündung oder einem Herzinfarkt.

Demenzkranke Frau

Mit leichter Vergesslichkeit fängt es an...

Biologische Ursache: Der Tod der Nervenzellen

Wenn die ersten Symptome auftreten, dann hat das Gehirn des Betroffenen schon einen jahrzehntelangen Veränderungsprozess hinter sich. Unbemerkt sind zahlreiche Nervenzellen mit ihren Verbindungen untereinander abgestorben.

Ein Leben lang haben Milliarden von Kontakten zwischen den Nervenzellen alle Erinnerungen gespeichert. Die Erinnerungen machen die komplexe Persönlichkeit eines Menschen aus – nun gehen sie unwiederbringlich verloren.

Der Verfall der Nervenzellen beginnt an Stellen im Gehirn, die mit dem Gedächtnis und mit der Informationsverarbeitung zu tun haben: Hirnregionen, in denen sich Erlerntes mit neuen Sinneseindrücken verbindet.

Die Hirnaufnahme aus einer Positronen-Emissions-Tomographie.

Das rechte Gehirn ist gesund, das linke gehört einem Alzheimer-Patienten

Wenn Nervenzellen und ihre Verbindungen verloren gehen, dann können die eintreffenden Sinnesreize und Informationen nicht mehr richtig verarbeitet werden – und auch nicht mehr mit dem Erlernten verknüpft werden. Warum die Nervenzellen sterben, dafür gibt es wohl zwei Gründe: Plaques und kaputte Neurofibrillen.

Die Plaques sind Eiweiß-Ablagerungen: In den Hüllen von Nervenzellen befindet sich ein Eiweiß, das normalerweise fortlaufend hergestellt und abgebaut wird. Bei der Alzheimer-Krankheit lagern sich Bruchstücke dieses Eiweißes, sogenanntes Amyloid, zusammen. Diese Verklumpungen wachsen und schieben sich zwischen die Nervenzellen. Zudem wirken sie wie Gift auf die Nervenzellen und die Kontaktstellen zwischen Nervenzellen.

Hinzu kommt: In den Nervenzellen wird das sogenannte Tau-Protein ein wenig umgebaut. Dann kann dieses Protein nicht mehr die Nervenzelle stützen – die Stützfasern verkleben zu Knäueln und legen so die Vorgänge in der Nervenzelle lahm.

Schichtaufnahme eines menschlichen Gehirns mit Alzheimerkrankheit.

Ablagerungen von Plaque außerhalb der Gehirnzellen

Risikofaktor Alter

Warum Menschen an Alzheimer erkranken, ist noch nicht vollständig geklärt. Bei jedem Menschen verändert sich das Gehirn mit der Zeit – mehr oder weniger. Die Alzheimer-Demenz taucht vor allem im Alter auf: Von den Menschen, die 60 bis 69 Jahre alt sind, hat etwa jeder Zehnte Alzheimer, bei Menschen, die 85 Jahre alt oder älter sind, etwa jeder Vierte.

Zu Alois Alzheimers Zeiten starben die meisten Menschen, noch ehe sie eine Demenz erleben konnten. Dank guter Hygiene und medizinischer Versorgung von Kindheit an ist die Lebenserwartung in Deutschland rapide gestiegen. Alzheimer ist also gewissermaßen der Preis, den wir für die hinzugewonnenen Lebensjahre zahlen.

Es gibt aber noch eine andere Form von Alzheimer – eine, bei der die Krankheit oft schon früher auftaucht: Hier verursacht ein genetischer Fehler – eine Mutation – die Krankheit.

Die Mutation sorgt dafür, dass mehr Amyloid aus den Hüllen der Nervenzellen herausgeschnitten wird. Mehr Amyloid-Klumpen führen dann zu Plaques und das nicht erst im Alter.

Isländische Wissenschaftler haben zudem eine andere Mutation entdeckt, die das Gegenteil bewirken kann: Wer diese Genveränderung hat, bei dem entstehen weniger Amyloid-Klumpen als üblich und schützen so vor Alzheimer. Das war das Ergebnis einer Studie, die im Jahr 2012 in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" erschien.

Behandlung: Das Wohlbefinden erhalten

So oder so: Die Alzheimer-Krankheit lässt sich nicht heilen, weil bei dieser Erkrankung Nervenzellen geschädigt und zerstört werden. Experten sprechen auch von einem "neuro-degenerativen Prozess".

Allerdings können Betroffene versuchen, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen – indem sie jene Faktoren meiden oder beheben, die das Gehirn zusätzlich schädigen: erhöhten Blutdruck, ungesunde Cholesterin-Werte, zu viel Blutzucker, Fettleibigkeit, Bewegungsmangel und Depressionen.

Junge Frau legt einer õlteren Frau von hinten die Hand auf die Schulter

Zuspruch erleichtert den Betroffenen das Leben

Außerdem gibt es Medikamente, die helfen können, das Gedächtnis ein wenig länger aufrechtzuerhalten. Und gegen andere Symptome von Alzheimer – etwa Schlafstörungen, aggressives Verhalten oder Sinnestäuschungen – gibt es auch Medikamente.

Zusätzlich sollten Ärzte und Angehörige versuchen, das Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl der Erkrankten so lange wie möglich zu erhalten. Eine Maxime lautet: Fordern, aber nicht überfordern! So kann sich ein Alzheimer-Patient als Versager fühlen, wenn straffes Gedächtnistraining nicht klappt.

Besser ist es, über die geschaute Fernsehsendung zu sprechen, ein Fotoalbum anzusehen, Anekdoten aufzufrischen oder Handtücher zu falten. So können die Alzheimer-Kranken ihre noch vorhandenen Fähigkeiten sanft fördern; zugleich werden sie in den Alltag einbezogen und haben das Gefühl, nützlich zu sein.

Das ist wichtig, weil Alzheimer-Patienten zwar intellektuell nicht mehr so leistungsfähig sind, aber ihre Gefühle wahrnehmen. Bis zu ihrem Tod sind sie sehr empfänglich für atmosphärische und emotionale Eindrücke.

Wenn man also mit Alzheimer-Patienten spricht, ist der Tonfall wichtig, die Stimme – und weniger das Gesagte. Der Patient spürt genau, ob man ihn mag oder vielleicht unbewusst ablehnt. Kleinkinder und Haustiere können da wahre Seelentröster sein: Sie gehen völlig unbeschwert mit dem Erkrankten um und vermitteln ihm Wärme und Zuneigung.

WDR/SWR | Stand: 29.06.2020, 10:15

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