Erkennen und bekämpfen

Antidepressiva: Ein junger Mann schaut auf Pillen, die vor ihm liegen.

Depressionen

Erkennen und bekämpfen

Noch immer verdrängen viele Menschen die Krankheit Depression, das Umfeld nimmt sie nicht ernst oder der Hausarzt erkennt sie nicht. Sie gilt als eine der häufigsten, doch auch als eine der am häufigsten missverstandenen seelischen Erkrankungen. Dabei sind Depressionen schwere und oft auch lebensbedrohliche Erkrankungen. Und: Depressionen können gut behandelt werden, je früher – desto besser.

Angehörige und Freunde

Depressionen werden häufig nicht einmal von Medizinern erkannt – kein Wunder, dass Betroffene mit ihrem Leiden bei Angehörigen und Bekannten nicht immer auf Verständnis treffen. Hinzu kommt, dass gerade depressive Menschen meinen, an ihrer Lage Schuld zu sein, unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden und sich deshalb stark von ihrer Außenwelt abkapseln. Obwohl ihr Leiden oft sehr groß ist, bleibt es Außenstehenden meist unzugänglich.

Eine alte Frau sitzt nachdenklich in einem Sessel

Eine Depression bestimmt oft den ganzen Alltag

Die typischen Reaktionen von nahestehenden Menschen reichen von übergroßer Fürsorge bis zu Ungeduld und Wut. "Das geht schon wieder vorbei!" oder "Lass dich nicht so hängen!" sind schlechte Tipps, wenn man vermutet, dass ein Bekannter, Freund oder Angehöriger unter einer depressiven Störung leidet. Besser ist es, den Betroffenen dazu zu ermutigen, zum Arzt zu gehen.

Für Angehörige ist es wichtig zu wissen, dass sie die Betroffenen zwar unterstützen, aber nicht heilen können. Depressive Menschen brauchen den Beistand von Freunden und professionelle Hilfe.

Wo bekomme ich Hilfe?

Betroffene können sich an verschiedene Anlaufstellen wenden. Für die erste Hilfe in Krisensituationen können sie bei der Telefonseelsorge immer einen Ansprechpartner anrufen. Meist führt der erste Weg zum Hausarzt. In der Regel ist er es, der eine depressive Störung diagnostiziert. Er wird auch Untersuchungen durchführen, um auszuschließen, dass körperliche Krankheiten die Ursache für die Depression sind.

Das Bild zeigt das Hinweisschild der psychiatrischen Abteilung einer Klinik. Im Hintergrund steht ein Mensch im Flur.

Oft ist eine stationäre Behandlung sinnvoll

Bei leichteren Formen der depressiven Störung kann die hausärztliche Behandlung ausreichen. Häufig fehlt dem Hausarzt aber die Zeit für längere Gespräche oder das fachspezifische Wissen für eine ausreichende Behandlung. Kein Patient sollte den Weg zum Psychiater, Psychologen oder Psychotherapeuten scheuen, wenn er sich beim Hausarzt nicht ausreichend versorgt fühlt.

Behandlungsmöglichkeiten

Antidepressiva: Je nach Schwere der Erkrankung behandelt ein Psychotherapeut eine Depression ambulant oder er empfiehlt dem Betroffenen, sich in ein Krankenhaus oder ein Therapiezentrum einweisen zu lassen. Auch die Art der Behandlung richtet sich nach der Schwere und der Art der Depression.

Für die meisten Menschen findet sich ein wirksames Medikament, sie werden von ihrer Depression geheilt, sagt Professor Ulrich Hegerl, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Es sei aber wichtig, die Medikamente als Teil eines Gesamtbehandlungsplans zu verstehen.

Die Betroffenen müssen sich mit ihrer Krankheit auseinandersetzen und nicht einfach in die Apotheke gehen und in Eigenregie eine Therapie starten.

Die medikamentöse Behandlung einer Depression gilt weltweit als sehr wirksame Methode. Vorbehalte dagegen sind zwar weit verbreitet, Experten weisen sie aber zurück: Antidepressiva machen nicht abhängig und verändern auch nicht die Persönlichkeit.

Ihre angstlösende und stimmungsaufhellende Wirkung setzt erst nach einigen Wochen ein. Allerdings kann es eine Weile dauern, bis der Arzt das richtige Medikament gefunden hat.

Johanniskraut ist das einzige pflanzliche Antidepressivum auf dem Markt. Es ist in jeder Apotheke und sogar in vielen Supermärkten erhältlich. Bei leichten Depressionen wird es von vielen Experten empfohlen. Ihre angstlösende und stimmungsaufhellende Wirkung setzt erst nach einigen Wochen ein.

Bei schweren Depressionen konnte keine positive Wirkung nachgewiesen werden. Einige Wissenschaftler zweifeln allerdings auch die positive Wirkung bei leichten Depressionen an, da sie den Studien methodische Mängel nachsagen.

Das Bild zeigt die gelben Blüten der Johanniskrautpflanze.

Johanniskraut hat eine antidepressive Wirkung

Psychotherapie: Bei der Behandlung von Depressionen versprechen verschiedene psychotherapeutische Verfahren eine Besserung: Die tiefenpsychologisch-psychoanalytische Psychotherapie soll Patienten helfen, unbewusste, oft aus der Kindheit stammende Konflikte zu verarbeiten.

Eine Verhaltenstherapie versucht gezielt, krankhafte Verhaltensweisen abzubauen und erwünschte aufzubauen. Mit Hilfe von Selbstkontrollverfahren lernt der Patient, aus dem depressiven Kreislauf auszubrechen.

Die kognitive Psychotherapie will die (Selbst-)Wahrnehmung des Patienten verändern. Er wird dazu angehalten, Tagesprotokolle zu führen. So sollen Widersprüche in seiner Wahrnehmung aufgezeigt werden.

Welche dieser Therapieformen geeignet scheint, lässt sich nur individuell entscheiden.

Schlafentzug: Eine Nacht ohne Schlaf kann zu einer deutlichen Verbesserung der Krankheit führen. Dies hängt vermutlich damit zusammen, dass während der REM-Phasen – der Tiefschlafphasen mit "Rapid Eye Movement" (schnellen Augenbewegungen unter geschlossenen Augenlidern) – vermehrt wichtige Botenstoffe wie Serotonin verbraucht werden. Schlafforscher haben festgestellt, dass diese REM-Phasen bei Depressiven häufiger auftreten als bei Gesunden.

Elektrokrampftherapie: In sechs bis zwölf Einzelbehandlungen werden bei dem Patienten unter Vollnarkose durch Stromimpulse Krampfanfälle im Bereich der Schläfenregion ausgelöst. Diese Therapieform ist in Deutschland lange Zeit unpopulär gewesen. Viele Experten sehen sie bei schweren Depressionen, vor allem bei großer Suizidgefahr, aber als Mittel der Wahl an.

Vagusnervstimulation: Ein elektrischer Pulsgenerator, den Ärzte dem Patienten in einer Operation unter den Brustmuskel implantieren, reizt den sogenannten Vagusnerv. Er beeinflusst so jene Prozesse, die die Depression auslösen. Er soll funktionieren wie ein "Schrittmacher für die Seele". Die Wirksamkeit dieser Methode ist noch umstritten.

Autorinnen: Annette Holtmeyer/Britta Schwanenberg

Stand: 22.08.2018, 09:40

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