Resilienz

Kind auf einer Schaukel.

Psychologie

Resilienz

Es gibt Menschen, die nichts aus der Bahn zu werfen scheint. Was unterscheidet diese Menschen von denjenigen, die mit Schicksalsschlägen hadern und manchmal sogar daran zerbrechen? Das Zauberwort lautet: Resilienz.

Resilienz – was ist das?

Der Schauspieler Arnold Schwarzenegger wurde täglich von seinem Vater verprügelt. Der Sänger Ray Charles wuchs in größter Armut auf und erblindete mit sieben Jahren. Der Physiker Stephen Hawking erkrankte als Student an der Nervenkrankheit ALS, die heutige Schmuckdesignerin Natascha Kampusch wurde als Kind entführt und acht Jahre in einem Keller gefangen gehalten. Sie alle haben Schweres erlebt, sind aber nicht daran zerbrochen.

In Fachkreisen bezeichnet man Menschen, die sich von traumatischen Ereignissen und Schicksalsschlägen wieder gut erholen, als resilient. Der Begriff stammt aus der Materialkunde und bezeichnet Stoffe, die auch nach extremer Spannung wieder in ihren Ursprungszustand zurückkehren, wie etwa Gummi. Bei resilienten Menschen funktioniert das Prinzip ähnlich. Dank ihrer großen inneren Widerstandskraft richten sie sich nach einer gewissen Zeit wieder auf und gestalten ihr Leben weiter. Ganz so, als hätten sie eine geheime Kraftquelle und einen unerschütterlichen inneren Kompass.

Menschen lieben Resilienz-Geschichten

Dass es so etwas Wunderbares wie Resilienz gibt, wissen die Menschen schon lange. Viele Märchen sind Geschichten über resiliente Menschen, wie Aschenputtel und die Bremer Stadtmusikanten. Auch die Bibel und der Koran enthalten Resilienz-Geschichten. So tötet David den ihm eigentlich überlegenen Goliath, und Josef, der von seinen Brüdern als Sklave nach Ägypten verkauft wird, macht Karriere als Minister.

Es war einmal …: Viele Geschichten, die wir Menschen uns erzählen, handeln von Resilienz Planet Wissen 11.09.2018 01:41 Min. Verfügbar bis 11.09.2023 SWR

Mit dem bekanntesten modernen Helden haben Millionen Menschen gebangt: Harry Potter. Auch Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf, Emil Kästners Emil und Oliver Twist von Charles Dickens sind widerstandsfähige, von vielen Generationen geliebte Helden.

Was resiliente Menschen ausmacht

Die Wissenschaft entdeckte die Resilienz in den 1950er Jahren. Damals startete die US-amerikanische Psychologin Emmy Werner eine 40 Jahre währende Langzeitstudie auf der hawaiianischen Insel Kauai, bei der sie 686 Kinder auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben begleitete. Dabei stellte sie fest, dass arme und vernachlässigte Kinder als Erwachsene keineswegs automatisch scheitern müssen, wie es damals viele annahmen. Immerhin ein Drittel der Risikokinder führte trotz schwerer Startbedingungen ein gutes und erfülltes Leben.

Diese Gruppe lieferte der Wissenschaft die ersten Anhaltspunkte dafür, was Menschen mit einer guten Resilienz auszeichnet. Heute gilt als gesichert, dass resiliente Menschen  ihr Leben als sinnvoll erachten und erlebt haben, dass sich etwas verändert, wenn man handelt. Außerdem verfügen sie über stabile soziale Kontakte und ein realistisches Selbstbild, das ihnen hilft, Lebensträume und Ziele besser einschätzen und Wege finden zu können, um sie zu erreichen. Auch ein guter Zugang zu seinen Gefühlen und Zuversicht macht Menschen resilient. Nach dem Motto: Jetzt ist es schwer, aber es wird besser.

Wie die Gene Resilienz beeinflussen

Welche Rolle die Gene für die Resilienz spielen, erforschen die Wissenschaftler noch. Ein wichtiges Gen scheint das "5-HTTLPR" zu sein, das es in einer längeren und einer kürzeren Variante gibt. Das 5-HTTLPR regelt zum einen, wie gut das Glückshormon Serotonin im Gehirn an- und abtransportiert wird. Zum anderen steuert es das Enzym, das das Stresshormon Nor-Adrenalin abbaut. In der längeren Variante wirkt 5-HTTLPR effektiver, was Menschen widerstandsfähiger gegen Stress macht und sie gleichzeitig häufiger Glücksgefühle erleben lässt – zwei wichtige Faktoren für Resilienz. Die gute Nachricht: 99,5 Prozent der Bevölkerung besitzen die lange Variante.

Gene und Neurobiologie haben Einfluss auf unsere Resilienz Planet Wissen 11.09.2018 01:51 Min. Verfügbar bis 11.09.2023 SWR

Außerdem gibt es Indizien dafür, dass die Resilienz auch vom Wachstum der Nervenzellen im Gehirn abhängt. Dafür sind hochspezialisierte Proteine zuständig, deren Produktion ebenfalls Gene steuern. Läuft die Produktion der Proteine gut, ist das Gehirn plastischer und das Denken flexibler. Die Vermutung liegt daher nahe, dass Menschen mit einem guten Nervenwachstum besser mit Schicksalsschlägen umgehen können. Dann scheint noch entscheidend zu sein, wie Menschen Stress und potenziell traumatisierende Ereignisse im präfrontalen Kortex bewerten. Den genauen Ablauf erforschen die Neurobiologen noch.

Die meisten Menschen sind resilient

Es kann also tatsächlich sein, dass manche Menschen gegenüber schweren Lebensereignissen und Schicksalsschlägen aufgrund ihrer Gene weniger gut als andere geschützt sind. Die Mehrheit der Menschen weist aber eine gute Resilienz auf. Eine Langzeitstudie von 2009 ergab, dass von 1400 untersuchten Kindern lediglich ein Bruchteil diagnostizierbare Traumareaktionen aufwies, obwohl mehr als zwei Drittel von ihnen mindestens ein potenziell traumatisches Ereignis erlebt hatten. Auch bei den Hinterbliebenen des Terroranschlags vom 11. September 2001 überwogen laut einer vielbeachteten Studie des Trauerforschers George A. Bonanno die resilienten Menschen deutlich.

Die gute Nachricht lautet also: Der Mensch kann schwere Zeiten überstehen. Andererseits bedeutet Resilienz nicht, dass man in Drachenblut gebadet und immun gegen das Schicksal ist. Manche Erlebnisse sind so entsetzlich, dass auch resiliente Menschen daran zerbrechen. Und es kann auch sein, dass ein Mensch, der einen Unfall gut verkraftet hat, mit einer schweren Erkrankung eines Angehörigen oder dem Tod des Partners sehr viel schlechter umgehen kann. Außerdem muss Resilienz gefördert werden. Wer sich zu sehr schont, Konflikten aus dem Weg geht und meint, im Leben müsse immer alles leicht laufen, schwächt seine innere Widerstandskraft.

Autorin: Beate Krol

Stand: 10.09.2018, 15:39

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