Welche Psychotherapien bezahlt die Krankenkasse?

Ein gezeichneter Kopf in dem eine wirre Schnur verläuft..

Psychotherapien

Welche Psychotherapien bezahlt die Krankenkasse?

Von Lothar Nickels

Die Behandlung seelischer Störungen ist Teil der Leistungen aller Krankenkassen. Die Psychotherapierichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen legt fest, welche Behandlungen die Kassen übernehmen. Bisher sind drei Verfahren anerkannt: Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Verhaltenstherapie. Ab Mitte 2020 soll auch die Systemische Therapie dazugehören.

Psychoanalyse

Eine Psychoanalyse ist für Menschen geeignet, die unter starken Depressionen, Zwängen oder Süchten leiden, deren Ursachen in der frühen Kindheit liegen. Auf der Couch liegend soll der Patient völlig frei und unzensiert seine Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringen. Der Analytiker dient ihm dabei als Projektionsfläche für die inneren Konflikte. Ziel der Therapie ist es, diese unbewussten Konflikte aufzudecken und zu deuten. Die Therapie ist langfristig angelegt. Damit der innere Konflikt sichtbar wird, muss sich der Patient über einige Jahre hinweg drei- bis fünfmal wöchentlich der Psychoanalyse unterziehen.

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Wie in der Psychoanalyse geht man in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie davon aus, dass aktuelle Symptome oder Störungen von Patienten zurückzuführen sind auf unbewältigte Konflikte, die häufig unbewusst sind. Im Gespräch wird die Vergangenheit beleuchtet, um mögliche Ursachen von aktuellen Beschwerden aufzudecken. Doch es geht nicht darum, die gesamte Persönlichkeit zu analysieren und zu verändern, sondern aktuelle Konflikte zu lösen. Diese Therapieform dauert wesentlich kürzer als die Psychoanalyse. Angewendet wird die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie beispielsweise bei leichten bis mittleren Depressionen, Angstzuständen und Posttraumatischen Belastungsstörungen.

Kognitive Verhaltenstherapie

Die am häufigsten angewandte Therapie ist die Kognitive Verhaltenstherapie. Sie ist besonders effektiv bei Depressionen, Angststörungen und psychosomatischen Erkrankungen. Dabei geht es nicht darum, durch Aufarbeitung der Vergangenheit die aktuellen Probleme zu beseitigen. Bei der KVT geht es um ein konkretes Problem. In der Therapie soll sich der Patient seine Sichtweisen und Gefühle bewusst machen und sie hinterfragen. Er soll erkennen, dass diese der Grund für seine Erkrankung sind. Im Zuge der therapeutischen Sitzungen erlernt der Patient Techniken, mit denen er seine seelischen Probleme und psychische Erkrankung bewältigen kann.

Spinne auf dem Fußboden im Wohnzimmer

Spinne im Haus? Für Phobiker ein furchtbarer Gedanke

Derzeit umfasst die Verhaltenstherapie über 50 verschiedene Einzelverfahren. Dazu zählt auch die Konfrontationstherapie. Mittels dieser Methode baut der Patient seine Angst - beispielsweise vor Spinnen oder großen Plätzen - durch schrittweise Gewöhnung an die auslösenden Reize ab, indem er sich ihnen immer wieder und immer intensiver aussetzt.
Im Rahmen dieser anerkannten Psychotherapieverfahren können auch weitere Techniken ergänzend angewendet werden:

Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)

Die DBT gilt als das am besten wissenschaftlich abgesicherte Therapieverfahren zur Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD). Im Zusammenhang mit Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) erzielt die Dialektisch-Behaviorale Therapie ebenfalls sehr gute Ergebnisse. Sie basiert auf der Kognitiven Verhaltenstherapie, die um Methoden aus der Gestalttherapie, Hypnotherapie und Meditation erweitert wurde. Die dialektische Strategie des Therapeuten besteht darin, den Patienten in seinem Verhalten anzunehmen wie er ist – dabei aber gleichzeitig eine Veränderung dieses Verhaltens anzustoßen.

Der Patient wird in Einzel- und Gruppensitzungen behandelt. In Notfallsituationen steht der Therapeut auch telefonisch zur Verfügung. Für die Einzeltherapie ist es notwendig, dass der Betroffene ein Tagebuch über seine inneren Spannungszustände führt. In der Reflexion darüber werden die Auslöser und die eigenen Handlungsstrategien analysiert. Auf dieser Grundlage kann der Patient dann versuchen, bestimmte Fähigkeiten (Skills) einzusetzen. Die werden in der Gruppe beim sogenannten Fertigkeitentraining erlangt. Diese Skills helfen dabei, in schwierigen Situationen gewohnte Muster im Verhalten, Fühlen und Denken zu verändern. Dadurch wird es unter anderem möglich, die starken inneren Spannungszustände besser zu kontrollieren und Emotionen in den Griff zu bekommen.

Insgesamt besteht das Fertigkeitentraining aus fünf Modulen:

  • Innere Achtsamkeit: Die eigenen Empfindungen wahrnehmen, beschreiben und ihnen vertrauen, ohne sich von starken Emotionen und Gedanken überwältigen zu lassen.
  • Stresstoleranz: Erlernen von Fertigkeiten, Krisensituationen mit hoher Anspannung zu meistern und auszuhalten, ohne sich selbst Verletzungen beizubringen.
  • Umgang mit Gefühlen: Wahrnehmen und Interpretieren der eigenen Gefühle. Erkennen, dass diese durch das eigene Denken und Handeln veränderbar sind.
  • Zwischenmenschliche Fertigkeiten: Erlernen von Kompetenzen zum Knüpfen und Pflegen von Beziehungen. Und zum Formulieren und Vertreten der eigenen Bedürfnisse, ohne das Gegenüber dadurch zu verletzen.
  • Selbstwert: Das negative Selbstbild ablegen und einen fairen Umgang mit sich selbst erlernen.

Eye Movement Desensitization and Reprocessing-Methode (EMDR) – Desensibilisierung und Aufarbeitung durch Augenbewegungen

Seit Januar 2015 bezahlt die Krankenkasse innerhalb eines Richtlinienverfahrens die EMDR-Therapie bei Erwachsenen zur Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen. Bei der EMDR-Methode wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch eine natürliche Fähigkeit zur Informationsverarbeitung hat, mit der belastende Erfahrungen verarbeitet werden können. Entwickelt wurde EMDR für die Behandlung traumatischer Erlebnisse von Kriegsveteranen. Im Zentrum der Methode steht die bilaterale Stimulation.

Dabei ruft der Patient in der sicheren Therapieumgebung die nicht verarbeitete Erinnerung wieder auf, während er gleichzeitig mit seinen Augen den Fingern des Therapeuten folgt – einem rhythmischen Wandern, abwechselnd von rechts nach links. Die Augen des Patienten bewegen sich dadurch ähnlich wie in der REM-Schlafphase, in der wir träumen und die Ereignisse des Tages sortieren, die anschließend im Langzeitgedächtnis abgelegt werden.

Alternativ zur Fingerbewegung kann der Therapeut auch akustische oder taktile Reize setzen – etwa durch Töne oder kurze Berührungen des Handrückens. Die bilaterale Stimulation, bei der beide Gehirnhälften aktiviert werden, dient dazu, die bedrohlichen Erinnerungen der Vergangenheit mit neutralen Reizen zu verknüpfen. Eben solchen Reizen, die der Therapeut während der Behandlung gibt. So kann die Erinnerung an das traumatische Erlebnis als eine nicht bedrohliche Erinnerung abgespeichert werden. Das gelingt, weil unser Gedächtnis alles miteinander verbindet, was zusammen auftritt.

Menschen in einer Gruppentherapie.

In der Gruppentherapie kann an der Patient sein soziales Verhalten üben und verändern.

Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) – kognitiv-verhaltenstherapeutisch-analytisches Psychotherapie-System

Entwickelt im Jahr 2000 ist dieser therapeutische Ansatz ein relativ neues Verfahren. Es findet Anwendung speziell zur Behandlung chronisch Depressiver. Hier wird die chronische Depression auf eine Entwicklungsblockade zurückgeführt. Sie beruht auf frühen negativen Erfahrungen, wie etwa Verlusterfahrungen, emotionaler Vernachlässigung oder Misshandlung. Die Patienten haben im Alltag immer wieder Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen. Um diesen Problemen aus dem Weg zu gehen, ziehen sie sich in sich zurück und vermeiden soziale Kontakte.

Zusätzlich verfestigt sich in ihnen die Überzeugung, daran nichts ändern zu können. Der Therapeut unterstützt den Patienten, diese Negativhaltung zu überwinden. Er gibt ihm Rückmeldung, wie er den Patienten in dessen sozialer Interaktion wahrnimmt. So wird ihm bewusst, dass sein unpassendes Verhalten der Grund für die Konflikte mit anderen Menschen ist. In der Therapie lernt der Patient, dass er durch entsprechende Verhaltensänderungen sehr wohl positiven Einfluss auf das Gelingen seiner zwischenmenschlichen Beziehungen nehmen kann. Das wiederum zieht eine Verbesserung der chronisch depressiven Stimmung nach sich.

Systemische Therapie

Die Systemische Therapie ist aus der Familientherapie entstanden und wird deshalb auch als Systemische Familientherapie bezeichnet. Sie begreift nicht mehr nur die Familie, sondern auch andere Lebensbereiche, wie das Arbeitsumfeld oder die Schule, als einzelne Systeme. Darin wird jeder Mensch als ein Teil gesehen, das in wechselseitiger Beziehung mit den anderen steht. Alle Teile hängen unmittelbar miteinander zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Kommt es zu Veränderungen innerhalb des Systems, sind alle Mitglieder davon betroffen. Gestörte Beziehungen untereinander oder schwierige Kommunikationsmuster können zu psychischen Schwierigkeiten beim Einzelnen führen.

Diese werden dann aber auf das System, nicht auf den Betroffenen, zurückgeführt. Es geht auch bei der systemischen Therapie – im Gegensatz zu anderen – nicht darum, die negativen Einflüsse ausfindig zu machen. Vielmehr sucht der Therapeut mit dem Patienten nach dem Zweck, den die Störung innerhalb des Systems erfüllt, damit er aufrechterhalten bleibt. Dazu lässt der Therapeut den Patienten beispielsweise die Mitglieder des Systems im Raum zu einer sogenannten Skulptur aufstellen. Aus ihrer Positionierung zueinander werden die Beziehungen untereinander und damit die Konflikte sichtbar. Eine andere Methode sind zirkuläre Fragen des Therapeuten, die vom Patienten einen Perspektivwechsel verlangen. So könnte eine Mutter beschreiben, wie der Sohn die Beziehung zwischen ihr und dem Vater sieht. Mithilfe dieser und anderer Techniken werden einerseits die Zusammenhänge für die Probleme in einem System aufgedeckt. Das "ganze Bild" wird sichtbar. Gleichzeitig offenbaren sich aber auch mögliche Lösungsansätze.

Nachdem das Verfahren bereits 2008 vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie wissenschaftlich anerkannt wurde, sollen die Kosten der Systemischen Therapie voraussichtlich ab Mitte 2020 auch von den Krankenkassen getragen werden.

Musik- und Kunsttherapie

Beide sind keine psychotherapeutischen Verfahren. Somit werden die Behandlungskosten auch nicht von den Krankenkassen übernommen. Es ist aber möglich, dass ein Psychotherapeut Musik und Kunst innerhalb einer anderen Therapieform als Medium einsetzt, durch das der Patient seinen Seelenzustand zum Ausdruck bringen kann.

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