Psychotherapien aus dem Netz

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Psychotherapie

Psychotherapien aus dem Netz

Von Barbara Garde

Eine psychische Erkrankung wird immer noch als persönlicher Makel empfunden. Darum scheuen sich viele Betroffene, zu einem Arzt oder Therapeuten zu gehen. Das Deutsche Ärzteblatt schätzt, dass rund 75 Prozent aller Menschen mit psychischen Erkrankungen keine klassische Therapie in Anspruch nehmen möchten.

Viele suchen Hilfe im Internet. Das Angebot ist gewaltig: Viele Millionen Ergebnisse findet man bei einer Google-Suche. Oft stammen sie aus dem Ausland, das in Sachen Online-Therapie viel weiter ist als wir. In Schweden, Großbritannien und den Niederlanden gehören Online-Therapien schon zur Regelversorgung.

In den USA sind Online-Therapien schon selbstverständlich: Dort werden auch rein computergesteuerte Therapien angeboten, die aus Mimik und Tonfall des Klienten Rückschlüsse auf seine Situation ziehen und im Notfall einen realen Therapeuten einschalten.

Vorteile einer Online-Therapie

Wir leben in einer mobilen Welt. Darum ist es praktisch, therapeutische Hilfe ortsungebunden und unabhängig von Öffnungszeiten  in Anspruch nehmen zu können. Wenn Patienten durch ihre Krankheit nicht mehr in der Lage sind, das Haus zu verlassen, ist eine Online-Therapie eine gute Alternative.

Auch für die Arbeit mit Traumatisierten in Krisengebieten eignet sich eine Online-Therapie. So gab es vor einigen Jahren ein arabischsprachiges Online-Programm für kriegstraumatisierte Patienten im Irak.

Online-Therapie und direkte Psychotherapie schließen sich nicht aus: In der Überbrückungsphase zu einem Therapieplatz oder als Angebot bei der Nachsorge kann ein Online-Angebot sehr hilfreich sein.

Tablet mit Aufschrift "PTSD - Posttraumatic stress disorder".

In den USA sind Online-Therapien längst selbstverständlich

Können Online-Therapien wirklich helfen?

Die Wirksamkeit von Online-Therapien ist in zahlreichen Studien belegt. Studien aus Dänemark und den Niederlanden haben gezeigt, dass Online-Therapien selbst Patienten, die suizidgefährdet sind, gut helfen können.

Online-Therapien eignen sich besonders bei leichten bis mittleren Erkrankungen. Im Chat oder einer Video-Konferenz entsprechen sie in ihrer Wirkung durchaus einer klassischen Therapie-Sitzung. Nach neueren Forschungen der Marburger Psychotherapieforscherin Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier sind selbst Online-Gruppentherapien gut machbar und hilfreich.

Welches Angebot ist vertrauenswürdig?

Auf dem riesigen Markt der Online-Therapieangebote gibt es viel Fragwürdiges: teure, nutzlose, manchmal auch schädliche Therapien. Die Universität Lübeck hat zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde und der Gesellschaft für Psychologie Qualitätskriterien für Online-Angebote aufgestellt:

  • Eine transparente Beschreibung der Therapie, der Zielgruppe und der Kosten
  • Die Nennung mindestens einer randomisierten kontrollierten Studie (RCT) über die Wirksamkeit der Methode
  • Bei der Entwicklung der Therapie sollten Fachärzte  oder Psychotherapeuten beteiligt sein.
  • Es sollte Hinweise auf weitere Hilfen geben, falls die Behandlung nicht wirkt.
  • Der Datenschutz sollte nach EU-Richtlinien garantiert sein.

Und: Hinter jedem Therapieangebot sollte immer ein kompetenter Mensch stecken.

Alltagsbegleiter-Apps

Egal, ob man ein Kochrezept oder Navigationshilfe sucht: Apps erleichtern unser Leben und sind über das Smartphone immer schnell zur Hand. Auch bei psychischen Störungen können sie hilfreich sein, insbesondere bei leichten bis mittelschweren Depressionen. Therapeuten und Krankenkassen empfehlen sie als Überbrückung der Wartezeit auf einen Therapieplatz oder auch als Nachsorgebegleitung, um neu erlernte Denk- und Verhaltensmuster zu festigen und Rückfälle schneller zu erkennen.

Zeichnung: Frau sitzt im Sessel, gegenüber ein Therapeut.

Hinter dem Therapieangebot sollte ein ausgebildeter Therapeut stecken

Was können die Apps?

"Arya", "Happify", "moodgym", "Get.On" & Co sind in erster Linie Protokollbücher, in denen die aktuelle Stimmungslage und das körperliche Befinden dokumentiert und überwacht werden. Zusätzlich gibt es, je nach App, Informationen über die Erkrankung, Vorschläge für Aktivitäten, Anleitungen zu Entspannungsübungen oder Erinnerungsfunktionen zur Einnahme von Medikamenten. Sie können von den Usern allein genutzt werden oder sie werden mit Therapeuten vernetzt, die die App-Nutzung überwachen und gegebenenfalls reagieren.

Einige Beispiele

  • Apps ersetzen keine Therapie, aber sie können unterstützender Bestandteil einer Therapie sein, wie zum Beispiel "iFightDepression". Über dieses Online-Tool kann der behandelnde Therapeut die Stimmungslage seines Patienten mit verfolgen. "iFightDepression" kann kostenlos über den behandelnden Therapeuten eingerichtet werden.
  • "Moodpath" ist eine App gegen Depressionen, aber auch gegen Stress und Burnout, die nach wissenschaftlichen Standards von Medizinern, Therapeuten und Betroffenen  entwickelt wurde und ständig weiterentwickelt wird. Hier werden drei Mal täglich anonym Daten zur aktuellen Stimmungslage gesammelt und die Ergebnisse in einer Art Arztbrief zusammengestellt; sie können eine Grundlage für die Behandlung beim Therapeuten sein. Hinzu kommen praktische Übungen und Videos. Moodpath ist kostenlos.
  • Mehr als eine App, eher schon ein kleines Therapieprogramm, ist das von Ärzten häufig empfohlene "Depraxis24". Rund 300 Euro kostet das Programm, das von einigen Krankenkassen, zum Beispiel der DAK, als Überbrückung der Wartezeit auf einen Therapieplatz bezahlt wird. Die Wirksamkeit von Depraxis24 ist in klinischen Studien nachgewiesen worden.

Viele Apps, zum Beispiel die  Enke-App der Robert-Enke Stiftung, sind kostenlos. Bei manchen müssen Zusatzfunktionen bezahlt werden, einige bieten monatliche Abos an, die zwischen drei und neun Euro liegen.

App der Robert-Enke-Stiftung.

Die kostenlose App der Robert-Enke-Stiftung möchte depressive Menschen unterstützen

Angebote der Krankenkassen

Fast jede Krankenkasse hat heute ihr eigenes Programm: Die AOK hat für ihre Mitglieder "Moodgym" im Programm, die Barmer bietet "Get.On" an, die Techniker setzt den "DepressionsCoach" ein, die AXA, Gothaer und Barmenia arbeiten mit "Novega". All diese Programme sind studienerprobt. Ärzte und Wissenschaftler fordern eine Vereinheitlichung über den Hilfsmittelkatalog, damit auch Apps wie Medikamente unabhängig von der jeweils bezahlenden Kasse genutzt werden können.

Über die Apps hinaus bietet die Barmer Online-Kurse zur psychischen Gesundheit kostenlos an. Techniker Krankenkasse und die DAK führen Coachings bei Stress und Burnout-Gefahr, Depressionen und Schlafproblemen durch. Auch Video-Sprechstunden sind bei einigen Krassen möglich.

Stand: 17.09.2019, 10:00

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