Depressionen im Spitzensport

Depressionen

Depressionen im Spitzensport

Spätestens als der Fußballprofi Robert Enke 2009 seinem Leben selbst ein Ende setzte, erfuhr die breite deutsche Öffentlichkeit, dass Depressionen auch im Sport Realität sind. Spitzensportler werden an ihren Leistungen gemessen und definieren sich darüber. Das fördert psychische Erkrankungen wie Depressionen.

Anfällig für psychische Erkrankungen

Fast die Hälfte aller Menschen leidet im Laufe ihres Lebens einmal an einer psychischen Erkrankung. Auch Leistungssportler bilden hierbei keine Ausnahme, doch es bleibt ein Tabuthema. Das zeigt eine Studie der Sporthochschule Köln in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Sporthilfe, die im Frühjahr 2013 unter dem Titel "Dysfunktionen im Spitzensport" veröffentlicht wurde.

Robert Enke.

Fußballer Robert Enke

Für diese Studie wurden Online-Fragebögen an 1150 Leistungssportler verschickt. Dabei wurden die Sportler zu drei großen Themen befragt: Doping, Match Fixing (also die Manipulation eines Spiels, weil Wetten auf ein bestimmtes Ergebnis oder Ereignis abgeschlossen wurden) und Gesundheitsgefährdungen.

Auffällig: Über 40 Prozent der Befragten äußerten sich trotz der zugesicherten Anonymität zum Thema depressive Erkrankungen überhaupt nicht. Von denen, die die Frage beantworteten, gaben 9,3 Prozent an, an depressiven Erkrankungen zu leiden. Eine besorgniserregende Zahl, da es sich bei den Befragten vor allem um Jugendliche und junge Erwachsene handelt.

Eine Erklärung: Die Betroffenen sind in einem Alter, in dem entscheidende Weichenstellungen für die Zukunft stattfinden. Neben Ausbildung oder Studium nimmt der Sport einen entscheidenden Teil ihres Lebens ein. Diese beiden zeitintensiven Dinge unter einen Hut zu bringen, ist nicht einfach. Dadurch können Ängste entstehen und depressive Erkrankungen werden gefördert.

Druck von außen und von innen

Sportpsychologe Jens Kleinert von der Sporthochschule Köln unterscheidet zwei Motive im Leistungssport, die Ängste verstärken und Depressionen zusätzlich fördern:

Enttäuschter Handballer nach einer Niederlage.

Leistungssportler stehen unter großem Druck

1. Der Druck von außen:

Medien, Sponsoren und Trainer überwachen den Sportler ständig. Der Trainer will, dass sich sein Schützling stetig verbessert und empfindet Ablenkungen vom Sport schnell als Bedrohung seines Schützlings. Die Sponsoren verlangen gute Leistungen und beste Plätze, sonst stellen sie die finanzielle Unterstützung ein.

Und auch die Medien bewerten Sportler bis ins kleinste Detail. Die Fußballzeitschrift "kicker" benotet beispielsweise die aktuellen Bundesligaspieler nach jedem Spieltag bis auf die zweite Stelle hinter dem Komma. Die Fans lesen das gerne, machen sich aber selten bewusst, welche Auswirkungen das auf das Seelenleben eines jungen Spielers haben kann.

2. Der Druck von innen:

Viele Sportler sind erfolgsorientiert. Ihnen ist jedes Mittel recht, um noch erfolgreicher zu werden. Wenn sie in einem Wettbewerb nicht das gewünschte Ergebnis erzielt haben, trainieren sie noch härter und investieren noch mehr Zeit, bis sie ihr Ziel erreicht haben. Dabei nehmen sie wenig Rücksicht auf Körper und Seele. Sie werden vom Erfolgswunsch angetrieben.

Andere Sportler dagegen sind misserfolgsorientiert. Sie werden von der Grundangst bestimmt zu versagen: Was passiert, wenn ich verliere und aus dem Kader fliege? Was ist, wenn der Sponsor abspringt? Die negativen Emotionen treiben sie an. Beide Typen sind gefährdet depressiv zu werden, der misserfolgsorientierte jedoch stärker.

Auch Prominente kann es treffen

Auch erfolgreiche und finanziell abgesicherte Sportler erkranken an Depressionen. Der tragische Suizid von Fußballprofi Robert Enke im Jahr 2009 hat eine Diskussion zum Umgang mit Depressionen im Spitzensport neu entfacht. "Auch Leistungssportler können psychische Erkrankungen erleiden, die adäquat diagnostiziert und behandelt werden müssen.

Für diese Erkrankungen kann man gar nichts, sie kommen oft wie eine Grippe", schreibt der Psychiater Frank Schneider in seinem Buch "Depressionen im Sport".

Sebastian Deisler.

Fußballstar Sebastian Deisler erkrankte an Depressionen

Gemeinsam mit Teresa Enke, der Witwe von Robert Enke, hat er einen Ratgeber für Sportler, Trainer, Betreuer und Angehörige geschrieben. "Allerdings hängt ihr Auftreten eng mit Stressoren zusammen wie beruflichen oder privaten Konflikten, Trennung vom Partner, Schlafmangel, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen", schreibt Schneider weiter.

Auch Ex-Skisprungstar Sven Hannawald hat eine depressive Erkrankung hinter sich, allerdings in einem anderen Ausmaß als Robert Enke. Die Krankheit bedeutete zwar das Karriereende, aber Hannawald wurde behandelt und ist nun seit vielen Jahren beschwerdefrei. Er bewegt sich wieder in der Öffentlichkeit und genießt sein Leben. Mit seiner Geschichte will er anderen Menschen helfen und erzählt deswegen öffentlich von der dunklen Zeit in seinem Leben.

Auch der ehemalige Fußballprofi Sebastian Deisler beendete seine Karriere 2007 wegen Depressionen. In einem Interview sagt er: "Am Ende war ich leer, ich war alt, ich war müde." Er tritt bis heute nicht öffentlich auf und will mit dem Profifußball nichts mehr zu tun haben.

Depressionen äußern sich individuell

Drei prominente Beispiele mit der gleichen Diagnose, aber ganz unterschiedlichen Geschichten. Sie zeigen die große Bandbreite der Krankheit Depression: Es handelt sich auf der einen Seite um eine gut behandelbare Krankheit, mit der Betroffene ein normales Leben führen können. Auf der anderen Seite können Depressionen auch zum Tod führen und müssen deshalb von den Sportlern, aber vor allem von deren Umfeld sehr ernst genommen werden.

Ralf Rangnick.

Fußballtrainer Rangnick machte seine Krankheit öffentlich

Glücklicherweise ist in den letzten Jahren eine leichte Veränderung im Spitzensport spürbar. Mehr Verständnis und weniger Vorbehalte führen dazu, dass sich mehr Sportler, wie der Fußballprofi Markus Miller oder der Fußballtrainer Ralf Rangnick, trauen, ihre Krankheit öffentlich zu machen.

Depressionen können jeden Menschen treffen. Psychiater Frank Schneider beschreibt es so: "Es handelt sich dabei nicht um vorausgegangenes Fehlverhalten oder Versagen, sondern um Erkrankungen des Gehirns, die aufgrund einer gewissen biologischen Verletzlichkeit im Zusammenwirken mit äußerem Stress auftreten." Jeder depressive Mensch muss deshalb auch individuell behandelt werden. Das gilt ebenso für Spitzensportler.

Schneider empfiehlt Sportlern mit Anzeichen einer depressiven Erkrankung deshalb, nicht den Vereins- oder Verbandsarzt aufzusuchen, sondern zu einem externen Arzt oder Psychologen zu gehen.

Denn nur hier kann sich der Sportler ganz öffnen, weil der Arzt keinem Verein zu irgendeiner Stellungnahme verpflichtet ist. Das stärkt das Vertrauen. Und Vertrauen in die behandelnde Person und das engste Umfeld ist ein ganz wichtiger Faktor der Behandlung einer Depressionserkrankung im Spitzensport.

Autor: Daniel Schneider

Stand: 22.08.2018, 09:41

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