Beine für die Dritte Welt

Beinstumpf eines Mannes neben der Prothese.

Prothesen

Beine für die Dritte Welt

Keine Frage – eine Amputation ist immer ein schwerer Schicksalsschlag. Aber hier in Deutschland ist für jeden Patienten eine gute medizinische Versorgung garantiert. Doch wie ergeht es Amputierten in den Entwicklungsländern? Sie können sich keine teuren Hightech-Prothesen leisten. Und doch kann ihnen geholfen werden.

Viele arme Menschen brauchen Prothesen

Junge mit Prothese sitzt auf einer Steintreppe, hat einen Teller mit Essen auf dem Schoß und lacht.

Prothesen sind für Opfer von Kriegen sehr wichtig

Bei der Lektüre eines Kataloges für Prothesen kann man leicht einen falschen Eindruck bekommen. Viele der Ersatzteile für den menschlichen Körper wirken, als wären sie eigentlich für Cyborgs (Mischwesen aus lebendigem Organismus und künstlichen Körperteilen) gedacht. Es wimmelt in diesem Katalog von wahren Hightech-Konstruktionen. Da finden sich computergesteuerte Beinprothesen und hydraulikgetriebene Ersatzhände.

Der Einsatz moderner Technik hat natürlich ihren Preis. Bis zu 20.000 Euro kann eine hochmoderne Beinprothese locker kosten. In Deutschland könnte jeder Patient dank seiner Krankenversicherung eine solche Prothese bekommen. Aber was ist mit den Patienten in den armen Ländern? Für Menschen in der Dritten Welt sind diese hochwertigen Produkte unbezahlbar.

Doch gerade in den Entwicklungsländern brauchen viele Menschen eine Prothese. Die Vereinten Nationen schätzen, dass es weltweit jedes Jahr ungefähr 200 Millionen Amputationen gibt. Und viele davon eben in der Dritten Welt.

Oft steht nach so einer Operation die Existenz der gesamten Familie auf dem Spiel. Selbst einfachste Prothesen könnten dann helfen. Doch selbst diese sind für die Betroffenen häufig völlig unerschwinglich. Deshalb hat es sich eine ganze Reihe von Hilfsorganisationen zur Aufgabe gemacht, genau diesen Menschen zu helfen.

Im Krieg verstümmelt

Eine dieser Organisationen ist das "Internationale Rote Kreuz" (IKRK). Dieses hat sich vor allem die Hilfe für die Opfer von bewaffneten Konflikten und Kriegen auf die Fahne geschrieben. Das sind häufig auch Menschen, die einen Arm oder ein Bein durch eine Landmine verloren haben. Diese heimtückischen Waffen lauern oft noch lange nach dem Ende eines Krieges im Boden.

Seriöse Schätzungen sprechen von 24.000 Minenopfern in jedem Jahr. Rein statistisch tritt somit alle 22 Minuten irgendwo auf der Welt ein Mensch auf eine Mine! In den vergangenen Jahren gab es die meisten Opfer in Kolumbien, Kambodscha und Afghanistan.

Billig und trotzdem gut

Mann läuft mit Prothese aus Kunststoff.

Einfach, aber zuverlässig

Für das "Internationale Rote Kreuz" ist das eine große Herausforderung. Um viele Menschen versorgen zu können, sollten die Prothesen möglichst wenig kosten. Gleichzeitig müssen sie aber absolut zuverlässig und auch noch bequem sein. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis die Hilfsorganisation eine zufriedenstellende Lösung gefunden hat. Inzwischen kann sie auf viele Jahre Erfahrung zurückgreifen.

1979 richtete sie die ersten beiden orthopädischen Zentren ein. Zunächst importierte sie die Prothesen aus dem Ausland. Doch das wäre auf Dauer zu teuer gewesen. So entwickelte die Hilfsorganisation ein eigenes Herstellungsverfahren und stellt nun seit 1993 alle Komponenten der Prothesen aus einem wirklich preiswerten Kunststoff her – Polypropylen.

Einzelteile reisen um die Welt

Zwei angolanische Kinder mit Krücken.

Arme können Prothesen nicht selbst bezahlen

Alle Einzelteile für die kompletten Prothesen werden in einer einzigen Fabrik hergestellt. In Coppet, einem kleinen Ort ganz in der Nähe von Genf, entstehen Füße, Kniegelenke, Ober- und Unterschenkel - alles aus Polypropylen. Diese Einzelteile machen sich dann auf die meist lange Reise in 24 verschiedene Länder.

Erst dort werden sie von ausgebildeten Einheimischen ganz individuell für jeden Patienten zusammengebaut. Exakt zugeschnitten auf die persönlichen Bedürfnisse eines jeden Einzelnen. So bekommen viele Menschen in den armen Ländern Prothesen, die sie lange nutzen können und die nicht teuer sind. Weniger als 150 Euro kostet eine solche Prothese. Diese finanziert das "Internationale Rote Kreuz" mit Spendengeldern.

Mehr als nur Prothesen

Junge im Rollstuhl zieht eine Prothese an.

Hunderttausenden wurde bisher geholfen

Im Laufe der Jahre hat die Hilfsorganisation viele Projekte ins Leben gerufen. 1979 begann alles mit zwei orthopädischen Zentren. Seitdem hat sie mehr als 100 Projekte in knapp 40 Ländern aufgebaut oder wenigstens unterstützt. Hunderttausenden konnte in dieser Zeit mit Krücken, Prothesen oder Rollstühlen geholfen werden.

Doch die orthopädischen Zentren des IKRK sind mehr als bloße Montagewerkstätten für Prothesen. Vielmehr werden dort die Patienten über lange Zeiträume begleitet. Denn mit einer neuen Prothese ist die Behandlung lange nicht abgeschlossen. Deshalb ist es immens wichtig, dass auch Rehabilitationsmaßnahmen und eine individuelle physiotherapeutische Betreuung angeboten werden.

Besonders wichtig ist das für betroffene Kinder. Denn sie benötigen alle sechs Monate eine neue Prothese. Da kommen im Laufe der Jahre häufig 30 oder mehr Prothesen für ein Kind zusammen.

Das Konzept des IKRK hat auch viele andere überzeugt. Über 70 verschiedene Hilfsorganisationen bestellen die Prothesen für ihre Projekte in der kleinen Fabrik in der Nähe von Genf.

Autor: Silvio Wenzel

Weiterführende Infos

Stand: 30.08.2016, 12:03

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