Afghanistan

Afghanistan: Schäfer auf der Weide

Naher und Mittlerer Osten

Afghanistan

In Afghanistan herrscht nicht erst seit dem Kampf gegen das Taliban-Regime 2001 Krieg. In den vergangenen 30 Jahren wurde die halbe Bevölkerung vertrieben, ein Drittel floh ins Ausland, und mehr als eine Million Menschen wurde bei Kämpfen getötet.

Landeskunde

Afghanistan ist flächenmäßig doppelt so groß wie Deutschland, jedoch leben dort nur etwa 30 Millionen Menschen. 80 Prozent der Bevölkerung leben auf dem Land, nur 20 Prozent in den Städten. Großstädte gibt es nur wenige: Kabul, Herat, Kandahar, Mazar-e-Scharif, Dschalalabad und Kunduz haben mehr als 100.000 Einwohner.

Etwa drei Viertel des Landes bestehen aus teilweise sehr schwer zugänglichen Gebirgen. Die Klimazonen entsprechen denen vom kalten Skandinavien bis zur sengenden Hitze der Sahara. Es gibt ständig Wassermangel und gleichzeitig Überschwemmungen.

Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat mit vier dominierenden Stämmen. Die Paschtunen (übersetzt die "Afghanen", also Namensgeber des Landes) sind mit 40 Prozent die größte Ethnie. Sie leben im Süden, Westen und Osten, also in den Aufstandsgebieten. Im Norden leben die Tadschiken und die Usbekischstämmigen, im Zentrum Afghanistans haben sich die schiitischen Hazara niedergelassen.

Magnet für Invasoren

Afghanistan ist eingeschlossen von sechs Ländern und ohne Zugang zum Meer, doch gerade seine geografische Lage macht die Region strategisch interessant. Von hier aus lässt sich der fragile und nuklear bewaffnete Nachbar Pakistan mit seinen extremistischen Gruppen beobachten.

Im Westen befindet sich der ölreiche Mullah-Staat Iran, der dabei ist, zur Nuklearmacht aufzusteigen. Im Osten der ebenfalls atomar gerüstete Wirtschaftsriese China. Nördlich schließen sich die zentralasiatischen Republiken mit ihren gigantischen Gas- und Ölvorkommen an, welche durch Afghanistan zum Indischen Ozean und zum Arabischen Meer geleitet werden könnten.

Ohne Afghanistan kann man ganz wenig in diesem Raum machen – mit dem Land könnte man eine Menge erreichen.

Ein alter asiatischer Spruch lautet: "Wenn Gott eine Nation bestrafen will, dann lässt er sie in Afghanistan einmarschieren." Und tatsächlich: Afghanistan erlebte im Laufe seiner Geschichte immer wieder Invasionen.

1838 stritten sich bereits die russischen und britischen Kolonialmächte um das strategisch wichtige Land, über das man einen Zugang zum Indischen Ozean – eine wichtige Handelsroute – erreichen wollte.

Es folgten drei blutige Anglo-Afghanische Kriege, die mit einer Niederlage für die Briten und 1919 mit der Unabhängigkeit für Afghanistan endeten. Seit dem ersten britisch-afghanischen Krieg heißt die Gegend "Graveyard of the Empires" – Friedhof der Großmächte.

Karte mit Afghanistan und angrenzenden Staaten

Seine geographische Lage macht das Land strategisch interessant

Scheitern der Sowjetunion und die Folgen

Auch die Sowjetunion bekam das zu spüren. Sie unterstützten Ende 1979 die afghanischen Kommunisten, die sich eher schlecht als recht seit 1978 an der Macht hielten.

Durch die Entsendung sowjetischer Truppen nach Afghanistan internationalisierte sich die Auseinandersetzung. Sie wurde zu einem Krieg zwischen den Sowjets und ihren afghanischen Verbündeten auf der einen Seite und Mudschaheddin-Gruppen – die von den USA militärisch und finanziell unterstützt wurden – auf der anderen Seite.

Die sowjetischen Truppen, die bis zu 100.000 Mann stark waren, scheiterten nach zehn Jahren in Afghanistan. 1989 zogen die letzten sowjetischen Soldaten ab.

Aufnahme von sowjetischen Truppen

Ende 1979 kam die Sowjetunion den afghanischen Kommunisten zu Hilfe

Doch am Hindukusch wollte kein Frieden einkehren. Im April 1992 beseitigten die Mudschaheddin mit dem Sturz der kommunistischen Regierung unter Präsident Nadschibullah auch den letzten sowjetischen Einfluss. Auch die Amerikaner ließen ihre Geheimdienst-Aktivitäten ruhen, und die Gelder für Afghanistan wurden gestoppt.

Der Rückzug der Sowjetunion und auch das Ende des amerikanischen Engagements hinterließen ein Machtvakuum. Nach Nadschibullahs Sturz geriet der Machtkampf zwischen den nunmehr zerstrittenen Mudschaheddin-Gruppen des ehemaligen afghanischen Widerstandes außer Kontrolle.

Viele Gebiete des Landes verfielen in Anarchie und gelangten unter die Kontrolle sogenannter Warlords. Plünderungen, Vergewaltigungen und andere Gewalttaten waren an der Tagesordnung. Was folgte, waren jahrelange ethnische Konflikte unter den verschiedenen Mudschaheddin. Es herrschten grauenhafte Zustände, kaum einer traute sich noch aus dem Haus – jahrelang.

Herrschaft der Taliban

In dieser Zeit gründeten sich die Taliban – ursprünglich eine regionale Bürgerwehr – unter Mullah Omar im Süden des Landes, in der Nähe Kandahars. Ihre Gründung wurde von Pakistan und den USA finanziell und materiell unterstützt. Unter strenger Auslegung der Scharia sorgten sie für Ordnung, wo es schon lange keine mehr gab. Zunächst wurden sie von der Bevölkerung Afghanistans willkommen geheißen.

Schnell marschierten sie voran und nahmen bereits 1996 die Hauptstadt Kabul ein. Aber mit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan begann für die Bevölkerung ein Schreckensregime, das sie nahezu ins Mittelalter zurückwarf. Das Land geriet international ins Abseits, Handel und Wirtschaft kamen zum Erliegen, und die Bevölkerung litt unter Hunger und Krankheit.

Zusätzlich hatten der international gesuchte Top-Terrorist Osama Bin Laden und seine Terrororganisation Al Qaida Unterschlupf in Afghanistan gefunden. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 wurde das Land aufgefordert, Osama Bin Laden auszuliefern. Dem verweigerte sich die Taliban-Regierung jedoch, und so wurde Afghanistan erneut zum Kriegsschauplatz.

Die USA erklärten Al Qaida und den Taliban den Krieg und schickte seine Armee nach Afghanistan. Den US-Soldaten folgte kurze Zeit später auch die NATO, um den internationalen Terrorismus zu bekämpfen und Afghanistan von der Herrschaft der Taliban zu befreien.

Aufnahme von Osama Bin Laden.

Afghanistan weigerte sich, Osama Bin Laden auszuliefern

Im Dezember 2014 endete die NATO-Kampfmission in Afghanistan. Seitdem fühlen sich die Taliban in vielen Provinzen ermutigt: 31 von 34 Provinzen waren nach UN-Angaben in 2015 von Gewalt betroffen. Vor allem junge Menschen und solche mit Schulbildung sehen keine Zukunft in ihrer Heimat.

Für die NATO-Trainingsmission Resolute Support (RS), die Anfang 2015 die langjährige Vorgängermission ISAF (Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe) abgelöst hat, stellt Deutschland bis zu 980 Mann, davon etwa Berater.

Autorin: Kerstin Zeter

Stand: 22.10.2018, 15:04

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