"Urban Mining" – die Stadt als Rohstofflager

Verwildertes Firmenareal in Dortmund

Müllentsorgung

"Urban Mining" – die Stadt als Rohstofflager

Von Marika Liebsch

Schon bald wird es in Deutschland und anderen Ländern einen gravierenden Rohstoffmangel geben, prognostizieren Experten. Die Lösung könnten Müllhalden, Gebäuderuinen und Schrottplätze bieten: Hier liegen noch viele Rohstoffe buchstäblich auf dem Müll.

Kreislauf statt Abfall

"Urban Mining" heißt übersetzt städtischer Bergbau. Diese Strategie zur Rohstoffgewinnung unterscheidet sich ganz wesentlich vom üblichen Recycling. Bisher werden in Deutschland nur etwa zwei Drittel des Hausmülls wieder verwertet, also recycelt. Der Rest ist für immer verloren. Doch diese hohe Verlustquote können wir uns in Zeiten immer knapper werdender Ressourcen kaum noch leisten.

Mithilfe von Urban Mining soll deutlich weniger Müll ungenutzt bleiben. Hubertus Barth ist der Rohstoffexperte des Institutes der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) und prophezeit Jahrzehnte teurer Rohstoffe, die extrem steigende Preise für fast alle Güter bedeuten werden.

Dabei sind unsere Städte wahre Rohstofflager. Jahrhundertelang wurden Kupfer, Blei, Zink, Zinn, Aluminium und viele andere wertvolle Metalle verbaut. Ob Klärschlamm, 50 Jahre alter Müll, Metallträger in alten Gebäuden oder Kupferrohre in der Erde: Überall lagern wertvolle Rohstoffe, die durch Rückgewinnung wieder neu nutzbar sind.

Werden beispielsweise alte Gebäude abgerissen, sollen die wertvollen Stoffe nicht als Bauschutt entsorgt werden, sondern gleich vor Ort getrennt und neu verarbeitet werden. So können vor allem die in den Städten vorhandenen Rohstoffe wieder in Produktionsprozesse zurückgeführt werden und müssen nicht teuer importiert werden.

Urban Mining bedeutet also, weg von der Abfallwirtschaft und hin zur Kreislaufwirtschaft zu kommen.

Rohstoffe von der Müllkippe

Das wohl bekannteste Beispiel für Urban Mining ist die Nutzung alter Mülldeponien. Dies ist inzwischen auch unter dem Begriff "Landfill Mining" bekannt. Elektroschrott, Plastik, Glas, Papier, Metallreste aus den 1960er und 1970er Jahren lagern gut konserviert auf den alten Mülldeponien. Damals wurde alles sorglos einfach weggeworfen, Mülltrennung gab es noch nicht.

Wissenschaftler der Universität Gießen graben unter der Leitung von Professor Stefan Gäth in alten Mülldeponien nach dem Erbe der damaligen Wegwerfgesellschaft. Die Forscher sind erstaunt, wie gut der Müll sich ein halbes Jahrhundert lang gehalten hat. Selbst alte Zeitungen sind noch lesbar.

Die Müllproben lassen hoffen. Wenn die Rohstoffpreise weiter steigen, wird sich das Ausgraben alter Müllreserven schon bald lohnen und eine alte Halde könnte so zur wertvollen Rohstoffquelle werden.

Doch die Rückgewinnung der Rohstoffe birgt auch Probleme. Gefährliche Gifte wie Asbest, PCB und Dioxine lagern ebenfalls reichlich im Wohlstandsmüll. Auch entsteht bis heute im Inneren der Deponien klimaschädliches Methangas.

Das Sichern und Entsorgen der Gifte und Gase ist aufwendig und kostspielig. Doch vermutlich wird der Import von Rohstoffen schon bald noch teurer.

Blick auf große Mülldeponie

Nährstoffe aus der Kanalisation

Phosphor ist ein Mineral, das zur Herstellung von Düngemitteln dient und unverzichtbar für die Landwirtschaft geworden ist. Doch Phosphor wird ebenfalls knapper. Zudem sind 80 Prozent der weltweiten Phosphorgestein-Reserven auf vier Länder verteilt: Marokko mit Westsahara, China, Jordanien und Südafrika. Es gibt zwar Unterwasservorkommen, doch diese sind mit der aktuellen Technologie noch nicht abbaubar. Warum also nicht Phosphor durch Urban Mining zurückgewinnen?

In unserem Abwasser sind 40 bis 50 Prozent des Minerals gebunden, denn der Mensch scheidet Phosphor mit dem Urin aus. Klärschlamm aus der Kanalisation oder auch von alten Deponien enthält also reichlich Phosphor. Durch Kristallisation des Klärschlamms kann das Mineral von den anderen Bestandteilen getrennt und als Rohstoff wieder gewonnen werden. Pilotanlagen gibt es bereits.

An der TU Wien forscht Helmut Rechberger, Professor für Ressourcenmanagement. "Würde unsere Technik in Österreich flächendeckend eingesetzt, so könnten wir mit dem Recycling-Phosphor bis zu 30 Prozent unseres gesamten Bedarfs decken", ist er überzeugt. Der restliche Klärschlamm kann nach den Kristallisationsprozessen zu Brennmaterial getrocknet werden und als Ersatz für Kohle dienen.

Hand hält schwarzen, getrockneten Klärschlamm

Getrockneter Klärschlamm wird zum Ersatz für Kohle

Leben ganz ohne Müll

Das Nutzen alten Mülls und bereits verbauter Rohstoffe ist nur ein Aspekt von Urban Mining, findet der Umweltexperte und Chemiker Michael Braungart. Er forscht unter anderem an der Rotterdamer Erasmus Universität zu Urban Mining und ist überzeugt, dass Abfall erst gar nicht entstehen muss.

Michael Braungart hat das "Cradle to Cradle"-Prinzip erfunden. Übersetzt bedeutet "Cradle to Cradle" von der Wiege bis zur Wiege, also ewiger Kreislauf. Jedes Produkt wird so entwickelt, dass es möglichst keine Schadstoffe enthält und nach Gebrauch zu 100 Prozent wieder in neue Kreisläufe geht.

Bereits im Handel erhältliche sind etwa kompostierbare T-Shirts oder Turnschuhe. Einige Produkte sind nicht komplett ohne Schadstoffe herstellbar: etwa Handys, Teppiche, Waschmaschinen oder Computer. Sie sollen nach dem Kreislaufgedanken des "Cradle to Cradle"-Prinzips nur noch mit ihrer Funktion als Dienstleistung für eine bestimmte Zeit an die Verbraucher vermietet werden. Ist die gemietete Funktion erbracht – etwa 30.000 mal Wäsche waschen oder 10.000 Stunden telefonieren –, gehen die Geräte zurück zum Hersteller, der sie dann komplett wieder verwendet.

Der entscheidende Vorteil dieses Prinzips ist, dass die Hersteller selbst die Verantwortung tragen: nicht nur für die Entwicklung, sondern auch für die Wiederverwertung ihrer Geräte. Deshalb werden sie diese so entwickeln und bauen, wie sie für den idealen Kreislaufprozess benötigt werden. Soweit jedenfalls die Idee.

Michael Braungart.

Michael Braungart

Strategie für die Zukunft

In Deutschland gibt es zu viele Müllverbrennungsanlagen für den anfallenden Müll. Damit diese teuren Anlagen dennoch besser ausgelastet sind, wird die Müllverbrennung so konkurrenzlos günstig angeboten, dass das Land inzwischen Europas größter Müllimporteur geworden ist. Die Nachbarn Österreich, Polen, Niederlande, Frankreich und Italien entsorgen ihren Müll gerne und günstig in deutschen Müllverbrennungsanlagen.

Eine dramatische Ressourcenverschwendung findet so tagtäglich vor unserer Haustür statt. Abfall ist ein gewinnbringender Wirtschaftszweig, weshalb der Weg von der Abfall- zur Kreislaufwirtschaft hindernisreich ist.

Aber es gibt vielversprechende Projekte, beispielsweise in der Schweiz: Damit verbaute Rohstoffe in den Städten im Fall eines Abriss oder einer Sanierung zukünftig gar nicht erst auf dem Müll landen, soll ein flächendeckender Gebäudeplan erstellt werden. In Zürich läuft ein großes Modellprojekt, in dem alle verbrauchten Rohstoffe in Gebäuden registriert werden, damit sie auch wieder gefunden werden können.

Auch für Deutschland wird ein solcher Infrastrukturplan von Experten schon lange gefordert. Denn Urban Mining ist ein Konzept, das in die Zukunft plant und deshalb auch eine langfristige Strategie benötigt.

Großbaustelle mit Rohbauten und Kränen

Rohstoffe müssten schon beim Bau vermerkt werden

WDR | Stand: 08.10.2019, 15:01

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