Transsexualität

Sexualität

Transsexualität

Transsexuelle sind sich sicher: Sie leben im falschen Körper. Darunter leiden die Identität und die Persönlichkeit. Der Wunsch, das andere Geschlecht anzunehmen, ist sehr groß. Doch eine Geschlechtsangleichung löst nicht immer alle Probleme.


Schon im Kindesalter spürbar

Wer transsexuell ist, spürt das in der Regel früh in seinem Leben. Schon als Vorschulkinder empfinden viele Transsexuelle das schwer zu artikulierende Gefühl, dass "etwas nicht mit ihnen stimmt".

Sie fühlen sich dem anderen Geschlecht zugehörig und äußern diese Zugehörigkeit beispielsweise im Spiel, wenn geschlechtsuntypische Rollen und Verhaltensweisen gezeigt werden: Jungen ziehen gerne Kleider an, schminken sich und wollen weiblich wirken, Mädchen schneiden sich die Haare ab und verhalten sich "männlicher" als viele Jungen.

Während Kindern ein derartiges Verhalten im gewissen Rahmen zugestanden wird, werden die Probleme mit dem Beginn der Pubertät größer. Die gesellschaftlichen Erwartungen, wie man als Junge oder Mädchen auszusehen und sich zu verhalten hat, nehmen zu. Zudem führt die Ausbildung der Geschlechtsorgane oft zu einer Verstärkung des Gefühls, auf ein Geschlecht festgelegt zu werden, das nicht dem eigenen Empfinden entspricht.

Als Cowboy verkleidetes und geschminktes Mädchen.

Kinder spielen mit Geschlechterrollen

Ursachen liegen im Dunkeln

Die meisten Mediziner und Psychologen sehen Transsexualität als Störung der Geschlechtsidentität. Manche Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Fötus im Mutterleib durch gegengeschlechtliche Hormone beeinflusst wird, andere sehen Veränderungen der Hirnstruktur als Auslöser.

Auch soziale und psychodynamische Faktoren sollen eine Rolle spielen; etwa dann, wenn Eltern lieber ein Kind des anderen Geschlechts gehabt hätten und dies das Kind bewusst oder unbewusst spüren lassen. Hinreichend belegt ist keine dieser Thesen, die Ursachen für Transsexualität liegen weiterhin im Dunkeln.

Wie viele Transsexuelle es im Vergleich zum Rest der Bevölkerung gibt, ist ebenfalls unklar. Manche Statistiker gehen davon aus, dass auf 30.000 Personen ein Transsexueller kommt, andere gehen von weitaus niedrigeren (4500) oder höheren (100.000) Werten aus. Laut Deutscher Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität sind 0,25 Prozent aller geborenen Kinder transsexuell.

Transsexualität sagt nichts über die sexuelle Orientierung aus: Es gibt heterosexuelle, homosexuelle und bisexuelle Transsexuelle. Tatsächlich lehnen viele Betroffene den Begriff der Transsexualität ab, da ihrer Ansicht nach nicht die Sexualität, sondern die Identität im Zentrum steht. Stattdessen bezeichnen sie sich als "transident".

Schwierige Phase der Pubertät

Die Pubertät ist bei den meisten Transsexuellen der Auslöser großer Probleme. Durch die Ausprägung körperlicher Merkmale wie Brüste oder Bartwuchs, die allgemein sichtbar sind, steigt der Leidensdruck und es verstärkt sich das Gefühl, den eigenen Körper nicht akzeptieren zu können.

In der Regel ist dabei die äußere Situation für Männer, die sich als Frauen fühlen, noch schwieriger. Frauen, die sich durch Kleidung oder Haarschnitt maskulin geben, werden gesellschaftlich viel eher akzeptiert als feminine Männer.

Wie die Betroffenen mit dieser einschneidenden Lebensphase umgehen, ist unterschiedlich. Sie sollten dabei aber auf keinen Fall allein gelassen werden, sondern Unterstützung von den Eltern und einem guten Therapeuten bekommen.

In manchen Fällen stellt sich während der Therapie heraus, dass das Gefühl, im falschen Geschlecht zu leben, verschwindet und die Akzeptanz des eigenen Körpers steigt. Die vermutete Transsexualität war eine vorübergehende Phase.

Wenn dies aber nicht der Fall ist, sind die Probleme oft noch größer als vorher. Denn die Veränderungen, die der Körper in der Pubertät macht, sind oft nur schwer oder auch gar nicht mehr rückgängig zu machen.

Geschlechtsangleichung

Aus diesem Grund gehen immer mehr Mediziner dazu über, nach eingehenden psychologischen Tests eine Hormonbehandlung zu verschreiben, die den Beginn der Pubertät unterdrückt. Bleibt der Wunsch, im anderen Geschlecht zu leben, bestehen, kann nach einer gewissen Zeit eine weitere Behandlung mit den Hormonen des Wunschgeschlechts durchgeführt werden.

Bei Jungen wird durch Östrogene der Stimmbruch verhindert und das Wachstum der Brüste angeregt, Mädchen wächst dank Testosteron-Behandlung ein Bart, die Stimme wird tiefer, die Brust bleibt flach.

Dank der Fortschritte in der plastischen Chirurgie gibt es heute eine Möglichkeit, von der Transsexuelle jahrtausendelang nur träumen konnten: eine Operation der Geschlechtsorgane. Der Begriff "Geschlechtsumwandlung" wird heute nicht mehr verwendet, da das (biologische) Geschlecht durch die Chromosomen vorgegeben ist und nicht verändert werden kann. Stattdessen spricht man von einer "geschlechtsangleichenden" Operation.

Operation zur Geschlechtsangleichung in China.

Die Operation als letzter Schritt

Männer, die sich als Frauen fühlen, haben es hier leichter, da sich eine Vagina einfacher modellieren lässt als ein Penis. Allerdings sind beide Operationen schwere Eingriffe, die mit einem gewissen Risiko verbunden sind. Auch warnen Ärzte vor zu hohen Erwartungen: Patienten müssen immer damit rechnen, dass ihr biologisches Geschlecht auch nach der OP "durchschimmert".

Längst nicht alle Transsexuelle lassen eine Geschlechtsangleichung durchführen. Schätzungen gehen davon aus, dass die Quote unter 50 Prozent liegt. Besonders Transmänner schrecken oft vor der komplizierten und folgenreichen Operation zurück.

Akzeptanz in der Gesellschaft

Transsexuelle erleben Diskriminierungen, werden gewalttätig angegangen oder ausgegrenzt. Ihre Lebensweise ruft bei manchen Mitmenschen Unverständnis hervor, gleichzeitig stehen sie nahezu immer im Mittelpunkt des Interesses, werden heimlich oder offen beobachtet und sind Gesprächsthema bei den Nachbarn, in Freizeit und Beruf.

Dazu kommt die offizielle Einschätzung als "Krankheit": Transsexuelle empfinden sich selbst als anders, aber nicht als krank. Tatsächlich ist man aber gezwungen, diese Zuschreibung zumindest indirekt zu akzeptieren, wenn man von den Krankenkassen eine Behandlung finanziert bekommt.

Andererseits hat sich das Leben für Transsexuelle im Gegensatz zu früher deutlich verbessert. Viele Transsexuelle können offen ihre Solidarität zeigen, es gibt Vereinigungen, Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen, eigene Medien und Online-Foren.

Prominente Transsexuelle wie Sängerin Lorielle London, "Matrix"-Regisseurin Lana Wachowski oder der ehemalige Stabhochspringer und heutige Autor und Coach Balian Buschbaum tragen dazu bei, dass Transsexualität zunehmend als normaler empfunden wird.

Hollywood-Regisseurin Lana Wachowski.

Ihre ersten Filme drehte sie als "Larry": Lana Wachowski

Auch rechtlich ist es für Transsexuelle inzwischen leichter geworden, zu ihrem gefühlten Geschlecht zu wechseln und beispielsweise den Namen oder Personenstand zu ändern.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 21.08.2018, 09:35

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