Go – das japanische Kultspiel

Zwei Go-Spieler

Brettspiele

Go – das japanische Kultspiel

Von Claudia Kracht

Die meisten verbinden das Strategiespiel Go mit Japan, doch ursprünglich stammt es aus China: Aus alten Schriften und Grabfunden schließt man, dass dort vor rund 4000 Jahren die ersten Go-Steine gelegt wurden.
Um 500 nach Christus kam das Spiel nach Japan, unter dem Namen I-go. Go ist die Kurzform von I-go. Die Chinesen nennen das Spiel Weiqi, "das Spiel des Umzingelns" – und ums Umzingeln geht es auch.

Die Geschichte des Go

Erstmals dokumentiert wurde Go 625 vor Christus, und zwar in einer Handschrift von Mencius, einem Schüler des chinesischen Gelehrten Konfuzius. Etwa um Christi Geburt gelangte das Spiel nach Korea und Anfang des 6. Jahrhunderts erreichte es dann Japan.

Um die Entstehung ranken sich einige Legenden. Eine davon ist die Geschichte des Königs Yo, der seinem kriegslustigen Sohn Danju strategisches Denken beibringen wollte. Sein Minister empfahl ihm dafür das neu erfundene Go.

Doch den Königssohn langweilte das Spiel. Für ihn gewann sowieso immer der, der anfing. Dass Gewinnen beim Go wie beim Krieg von Strategie und Taktik abhing, wollte er nicht begreifen. Der König war entsetzt und ernannte seinen obersten Minister zum Nachfolger.

In der Anfangszeit war Go noch kein Spiel, sondern diente dazu, die Zukunft vorherzusagen: Man warf die schwarzen und weißen Steine auf das Brett und deutete aus dem zufälligen Muster die Zukunft.

Dabei stand die Mitte des Brettes stellvertretend für den Mittelpunkt des Himmels. Die Steine sollten die Positionen der Sterne und Sternbilder markieren. Go wurde für astrologische Deutungen verwendet, die weißen und schwarzen Steine standen symbolisch für die beiden grundlegenden Kräfte Yin und Yang.

In Japan wurde Go vor dem 11. Jahrhundert ausschließlich an den Höfen der Herrscher gespielt, und zwar nur von den Mitgliedern höherer Schichten, den Samurai, Aristokraten und Priestern. Go galt als Kunst und wurde stark gefördert. Dem Volk war das Spiel verboten.

Im Gleichgewicht der Kräfte

Große geschichtliche Bedeutung erlangte das Go-Spiel, als Heeresführer strategische Überlegungen für den Partisanenkrieg anstellten. Auch bei der Bauernarmee Mao Zedongs wurde es zu taktischen Überlegungen herangezogen.

Go trifft hier die Situation der Kriegführung viel mehr als Schach, da sich nicht zwei hierarchisch angeordnete Armeen frontal gegenüberstehen, sondern Steine oder Krieger in einem bereits sicher geglaubten Gebiet des Gegners eingesetzt werden können.

Im 13. Jahrhundert war das Spiel bei den Samurai so beliebt, dass die Bretter und Steine zur militärischen Ausrüstung gehörten. Sobald die Kämpfe beendet waren, begannen die Go-Wettbewerbe.

Um das Spiel zu fördern, wurde im 16. Jahrhundert in Japan eine Staatsakademie gegründet, die erst 1869 wieder abgeschafft wurde. Erst danach durfte jeder das Spiel spielen.

Einen großen Aufschwung erlebte Go in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts durch die großen japanischen Tageszeitungen. Die Zeitungsverleger merkten, wie durch die kommentierten Partien der großen Spieler der Absatz stieg. 1980 spielten rund zehn Millionen Mitglieder das Strategie-Spiel in japanischen Go-Vereinen.

Die Japaner legen beim Go Wert auf Schönheit, Harmonie sowie eine ästhetisch angenehme Platzierung der Steine. Schöne Formen und Spielkultur stehen im Vordergrund. Japanische Firmen schicken ihre Mitarbeiter sogar zu Go-Kursen, damit sie Selbstbeherrschung und strategisches Denken lernen.

In China dagegen herrscht eine ganz andere Spiel-Atmosphäre: Es ist laut, Zuschauer mischen sich bei Wettbewerben ein und spielen mit. Auch in Deutschland und den USA steht eher der (Wett-)Kampf im Vordergrund. Deutsche Generäle sollen im Zweiten Weltkrieg mit Go sogar die Strategie des Einkreisens geprobt haben.

Wie wird Go gespielt?

Das quadratische Spielbrett besteht aus einem Gitternetz von 19 x 19 Linien mit insgesamt 361 Schnittpunkten. Kleinere Bretter haben auch 9 x 9 oder 13 x 13 Linien. Schwarz bekommt 181 Steine, Weiß nur 180. Die Steine werden abwechselnd auf die Schnittpunkte der Linien gesetzt. Steine, die einmal gesetzt worden sind, werden nicht mehr bewegt. Ziel ist es, möglichst große Gebiete abzustecken.

Go-Spiel mit zahlreichen Spielsteinen

Einfache Grundregeln, vielfältige Taktik

Man kann einen Stein des Gegners gefangen nehmen, indem man ihm alle "Freiheiten" nimmt, das heißt alle freien angrenzenden Schnittpunkte besetzt und ihn somit einkreist. Die gefangenen Steine werden vom Brett genommen.

Neben diesem Grundprinzip gibt es noch zwei wichtige Regeln: die Ko- und die Selbstmordregel. Nach der Ko-Regel darf man einen schlagenden Stein nicht direkt im nächsten Zug zurückschlagen. Die Selbstmordregel besagt, dass man einen Stein nicht so setzen darf, dass er oder mit ihm verbundene Steine vom Spielfeld genommen werden müssten.

Gespielt wird, bis beide Spieler nicht mehr ziehen wollen. Dann werden die gefangen genommenen Steine des Gegners und die Schnittpunkte der eigenen eingekreisten Gebiete als Punkte gezählt. Sieger ist, wer mehr Punkte hat.

So einfach die Go-Grundregeln sind, so vielfältig sind die taktischen Möglichkeiten. Je weiter man in die Geheimnisse und Winkelzüge des Go vordringt, desto mehr sind Kombinationsgabe, Taktik, Planung und Übersicht gefragt. Es gilt die Jahrtausende alte Weisheit: "Go zu erlernen dauert eine Stunde, es zu meistern ein ganzes Leben."

Stand: 20.06.2018, 10:00

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