Warum wir uns falsch erinnern

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Warum wir uns falsch erinnern

Woran wir uns erinnern, ist wahr. Das denken wir. Zu Unrecht, sagt die Gedächtnisforscherin und Rechtspsychologin Julia Shaw. Unsere Erinnerungen sind nicht zuverlässig.

Falsche Erinnerungen sind schnell eingepflanzt

"Du warst elf Jahre. Da war dieser Junge, Frank, der dich gemobbt hat. Bis du ihm eines Tages auf dem Schulhof die Nase gebrochen hast. Die Polizei  kam zu dir nach Hause. Was war das für ein Gefühl?" Die Gedächtnisexpertin Julia Shaw befragt eine Testperson nach Kindheitserinnerungen. Aber die Probandin kann sich nicht erinnern. Sie soll jemanden zusammengeschlagen haben? Shaw fragt immer wieder nach, fordert sie auf, das Ereignis vor ihrem geistigen Auge ablaufen zu lassen.

Nach drei Sitzungen wird die Testperson sich erinnern: Wie das Blut spritzte, welchen Hass sie verspürte und welche Angst, als die Polizei kam. Wie entsetzt ihre Eltern waren. Dabei hat dieses Ereignis nie stattgefunden. Julia Shaw hat ihr eine falsche Erinnerung eingepflanzt.

2015 versuchte sie für eine Studie ihren Probanden falsche Erinnerungen zu suggerieren. Immerhin 70 Prozent der Teilnehmer glaubten nach einer Weile, die erfundenen Erlebnisse hätten tatsächlich stattgefunden. "Unser Gedächtnis", sagt Shaw, "ist wie eine Wikipedia-Seite: Wir können sie schreiben und verändern – aber andere können das auch."

Wie unser Gedächtnis Erinnerungen speichert

Wenn wir uns erinnern, greifen wir auf zwei unterschiedliche separate Gedächtnisstränge zurück: das semantische Gedächtnis, in dem Namen, Zahlen, Definitionen und Fakten gespeichert sind, und das episodische oder autobiografische Gedächtnis, in dem wir Erinnerungen an persönliche Ereignisse wie Urlaube, Unfälle oder den ersten Kuss ablegen.

Nur ein kleiner Bruchteil unserer Beobachtungen und Erfahrungen schafft es überhaupt bis ins Gedächtnis. Dort bilden sich zum besseren Wiederfinden Assoziations- und Erinnerungsknoten.

Shaw vergleicht diese Erinnerungsstruktur mit einem U-Bahn-Netz: Manche Stationen sind direkt miteinander verbunden, manche sind nur durch Umwege zu erreichen. Und manchmal bricht eine Strecke weg und es kann zu falschen Verbindungen und somit falschen Erinnerungen kommen.

Vier Hände setzen Puzzleteile in ein Gehirn

Menschen können unsere Erinnerung verändern

Unser superkurzes Kurzzeitgedächtnis

Unser Kurzzeitgedächtnis speichert Erinnerungen aus den letzten 30 Sekunden, danach wird gelöscht, was nicht akut wichtig erscheint. Wir müssen darum auswählen, worauf wir unsere Wahrnehmung konzentrieren wollen. Je nach Fitness und Konzentration können wir uns fünf bis neun Dinge gleichzeitig merken.

Um die Menge zu erhöhen, bilden wir Infobündel, sogenannte Chunks: Wir können etwa eine Telefonnummer in Zahlenpaare aufspalten oder uns Freunde im Doppelpack merken.

Oder wir assoziieren, um uns Zusammenhänge besser merken zu können: Wenn wir zum Beispiel Begriffe wie Uniform, Mann und Pistole vor unserem inneren Auge sehen, erinnern wir uns automatisch an einen Polizisten, ohne dass ein Polizist wirklich in der Situation gewesen sein muss.

Assoziationen sind der Grundstein für die Bildung kreativer Ideen, aber beim Erinnern können sie uns in die Irre leiten.

Haben Sie den Gorilla gesehen?

Für eine Studie der Harvard Universität sollten Testpersonen die Ballwechsel in einem Sportvideo zählen. Nach einiger Zeit taucht in dem Video ein als Gorilla verkleideter Mensch auf und geht über das Spielfeld. 40 Prozent der Teilnehmer konnten sich nicht erinnern, den Gorilla gesehen zu haben.

Wissenschaftler sprechen hier von Veränderungsblindheit: Weil wir uns nur eine sehr begrenzte Menge von Informationen merken können, fokussieren wir unsere Aufmerksamkeit auf einen Punkt und blenden Geschehnisse drumherum aus.

Darum merken wir oft nicht, dass unser Partner beim Friseur war, darum funktionieren Zaubertricks und darum können in Beobachtungen von Zeugen wichtige Details fehlen.

Neue Gesichter können wir uns schlecht merken

Auch wenn wir es im Alltag nicht wahrnehmen: Wir haben große Schwierigkeiten, uns neue Gesichter zuverlässig zu merken. Schon bei neuen Kollegen und Bekannten fällt es vielen von uns schwer, sie in einem anderen Umfeld, mit anderer Kleidung oder neuer Frisur sofort zu erkennen.

Menschen anhand eines Fotos zu identifizieren, fällt uns ebenfalls sehr schwer. In einer Studie wurde Testpersonen ein Mann vorgeführt, den sie kurz darauf in einer Fotoserie wiederfinden sollten. 40 Prozent der Teilnehmer scheiterten. Eine Woche später sollten die, die den Mann erkannt hatten, ihn erneut aus einer Fotoserie herausfiltern. Nur 65 Prozent davon konnten sich noch richtig erinnern.

Um uns Gesichter zu merken, assoziieren wir sie mit uns schon bekannten Gesichtern. In der Erinnerung können sich diese Gesichter dann vermischen und man weiß letztlich nicht sicher, ob der Mann, der eine Nase wie unser Freund hatte, auch ähnliche Augen hatte oder ganz andere.

Am leichtesten erkennen wir Menschen, die uns alters- und erscheinungsmäßig ähnlich sind. Das Wiedererkennen von sehr viel jüngeren oder älteren Personen fällt uns schwer. Ganz schwierig ist es, Menschen anderer Ethnien wiederzuerkennen: Für einen Weißen sehen alle Asiaten mehr oder weniger gleich aus – und andersherum. Andersartigkeit ist ein Problem für das Gedächtnis.

Fünf Männer bei einer fiktiven Gegenüberstellung in einem Kriminalfilm

Zeugen können Straftäter oft nur schwer identifizieren

Wir gleichen unsere Erinnerungen gerne an

Durch soziale Medien wie Facebook oder Twitter teilen wir ständig Erlebnisse und Sichtweisen anderer Menschen. Dabei kommt es manchmal dazu, dass die zahllosen Informationen und Bilder unser eigenes Erleben überschatten.

Shaw nennt diesen Vorgang "memory conformity", eine Angleichung der Erlebnisse: Es ist dann nicht mehr eindeutig, was man selbst erlebt hat, was andere übermittelt haben und was überhaupt wirklich geschehen ist.

Schilderungen unterschiedlicher Personen über dasselbe Ereignis sind darum oft erstaunlich gleichlautend – nicht nur in sozialen Netzwerken.

Eine Fortführung dessen ist das "memory borrowing", die geliehene Erinnerung: Man übernimmt fremde Erinnerungen als die eigenen – vielleicht weil man sich aufwerten oder dazu gehören will oder weil man der eigenen Erinnerung nicht traut.

Ähnlich funktioniert die Aneignung falscher Erinnerungen über Fotos: Legt man Probanden viele Urlaubsfotos mit bekannten Wahrzeichen mehrfach vor, behaupten nach einiger Zeit einige, diese Orte selbst schon besucht zu haben. Manche erinnern sich sogar an eigene Erlebnisse – zum Beispiel an einen Elefantenritt, der nie stattgefunden hat.

Zwei Jugendliche sitzen auf Elefanten und werden mit dem Rüssel mit Wasser nass gespritzt

Fotos können falsche Erinnerungen produzieren – etwa die an einen Elefantenritt

Zeugen sagen nicht unbedingt die Wahrheit

Auch Augenzeugen ist nicht zu trauen. Zeugen, die nicht die Wahrheit sagen, sind in der Regel keine Lügner. Sie erinnern sich falsch, haben wesentliche Fakten nicht mitbekommen oder sind durch die Beeinflussung Dritter zu einem falschen Bild der Situation gekommen. Manchmal, weil sie anderen eine bessere Einschätzung zutrauen als sich selbst, manchmal, weil sie eine Situation so oft durchdacht haben, dass ihre persönliche Einschätzung dem realen Hergang nicht mehr entspricht.

Wichtig für die Polizeiarbeit ist es also, jede Art von suggestiver Befragung oder eigener Bewertung bei Vernehmungen zu vermeiden, Zeugen voneinander getrennt zu halten, damit sie sich nicht mit falschen Informationen versorgen und vor allem sich immer bewusst zu machen, dass es falsche Erinnerungen gibt.

Figur der Justitia mit Waage und Augenbinde vor blauem Himmel

Wenn Zeugen sich vor Gericht falsch erinnern, tun sie das oft nicht absichtlich

Autorin: Barbara Garde

Literaturtipp

Julia Shaw
Das trügerische Gedächtnis: Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht
Carl Hanser Verlag
München
2016
ISBN: 978-3446448773

Stand: 19.03.2018, 10:31

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