Wie die Dunkelfeldforschung verborgene Straftaten sichtbar macht

Portrautaufnahme Dina Hummelsheim-Doss.

Kriminalistik

Wie die Dunkelfeldforschung verborgene Straftaten sichtbar macht

Von Frank Drescher

Für Straftaten, von denen die Polizei nichts erfährt, führten Kriminalstatistiker in Deutschland 1928 den Begriff der Dunkelziffer ein. Bis die Forschung hierzulande Methoden zu deren Bestimmung einsetzte, verging aber noch fast ein halbes Jahrhundert. Im Interview mit Planet Wissen erklärt die Soziologin Dina Hummelsheim-Doß vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht in Freiburg i. Br., wie die Wissenschaft das Dunkelfeld ausleuchtet und welche Erkenntnisse das liefert.

Wie kann man Straftaten, die nicht angezeigt werden, auf die Spur kommen?

Dazu gibt es verschiedene Methoden. Eine besonders wichtige besteht in einer allgemeinen Bevölkerungsbefragung, die repräsentative Zahlen über die Kriminalitätserfahrungen der Menschen in Deutschland und ihr Anzeigeverhalten liefert. Damit diese Zahlen auf nationaler Ebene repräsentativ sind, müssen sie auf die gesamte Bevölkerung hochrechenbar sein. Dazu ist eine sehr große Stichprobe notwendig. Im Deutschen Viktimisierungssurvey 2012 und 2017 wurden beispielsweise mehr als 30.000 Personen befragt.

Was weiß die Forschung über die Gründe, aus denen Menschen eine Straftat nicht anzeigen?

Die Gründe sind vielfältig. Über alle Delikte hinweg kann man summa summarum sagen, dass der Schweregrad einer Straftat einen Ausschlag dafür gibt, ob sie angezeigt wird oder nicht. Beispielsweise bei Diebstählen mit eher geringem Schaden oder weil die geschädigte Person davon ausgeht, den Schaden nicht ersetzt zu bekommen. So sieht man umgekehrt, dass bei Versicherungsfällen die Anzeigebereitschaft groß ist, weil eine Anzeige Voraussetzung für die Schadensregulierung ist. Außerdem kann die Beziehung zwischen Täter und Opfer eine wesentliche Rolle spielen, ob es zur Anzeige kommt oder nicht, zum Beispiel bei Gewalt- und Sexualdelikten, bei denen der Täter dem Opfer bekannt ist und oft eine persönliche Beziehung besteht. Dies ist ein Grund, weshalb im Bereich der familiären Gewalt das Dunkelfeld groß ist.

Welche Erkenntnisse hat die Dunkelfeldforschung zutage gefördert?

Dunkelfeldforschung ist sehr wichtig, um festzustellen, welche Straftaten der Polizei nicht bekannt werden, und somit auch das tatsächliche Ausmaß der Kriminalität abschätzen zu können. Aber auch für die Überprüfung von theoretischen Annahmen liefert die Dunkelfeldforschung empirische Evidenz. Die Dunkelfeldforschung widerlegt zum Beispiel die Annahme, dass in erster Linie Opfererfahrungen Kriminalitätsfurcht auslösen. Das war eine frühe Erkenntnis, schon vor Jahrzehnten in anderen Ländern. Trotzdem sind auch heutzutage noch viele überrascht, wenn man ihnen erklärt: Kriminalität ist nicht die Hauptursache von Kriminalitätsfurcht.

Die Dunkelfeldforschung zeigt bei den einzelnen Delikten auch, wer ein größeres Risiko besitzt, Opfer einer Straftat zu werden und woran das liegt. Junge Männer sind beispielsweise häufiger Opfer von Gewaltdelikten als andere Personengruppen; sie fürchten sich jedoch gar nicht so sehr, denn sie sind oft auch selbst als Täter in Schlägereien involviert. Frauen und ältere Menschen, die wesentlich seltener Opfer von Körperverletzungen werden, fürchten sich dagegen deutlich stärker. Insofern gibt es vielleicht nicht die eine bahnbrechende Erkenntnis. Vielmehr trägt die Dunkelfeldforschung generell dazu bei, das Aufkommen, die Verteilung und Ursachen von Kriminalität besser zu erfassen und damit auch Maßnahmen zur Prävention zu entwickeln.

Ermöglicht die Dunkelfeldforschung auch Aussagen, wie viele nicht angezeigte Straftaten eines bestimmten Delikts auf eine angezeigte kommen?

Das ist nicht ganz einfach, weil die Vergleichbarkeit zwischen den Ergebnissen von Dunkelfeldbefragungen mit der Polizeilichen Kriminalstatistik eingeschränkt ist. So ist etwa die Polizeiliche Kriminalstatistik nach Delikten sehr ausdifferenziert. Eine so starke Differenzierung ist in Dunkelfeldbefragungen aber nicht möglich. Die Befragungspersonen können in der Umfragesituation zum Beispiel mit juristischen Fachbegriffen oft nicht viel anfangen. Wer Opfer einer Körperverletzung wurde, kann häufig nicht einschätzen, ob das im strafrechtlichen Sinne eine schwere oder eine leichte Körperverletzung war. Trotzdem würde ich behaupten, dass man für viele Delikte gute Näherungswerte erhalten kann. Letztlich besteht darin auch ein wichtiges Anliegen der Dunkelfeldforschung.

Stand: 09.03.2020, 09:00

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