Organisierte Kriminalität

Auf einem Tisch liegen Tütchen in denen Cannabis abgepackt ist.

Verbrechen

Organisierte Kriminalität

Von Carsten Upadek

Sie heißen Cosa Nostra, Diebe im Gesetz oder Hells Angels. Sie handeln mit Drogen, mit Menschenleben und mit allem, was verboten ist. Diese Organisationen stehen stereotypisch für das Phänomen "organisierte Kriminalität" – ein diffuser Begriff, der besonders gefährlich angesehene Kriminalitätsformen vereint. Statt verständlicher Abgrenzung und strafrechtlicher Klarheit dominiert das Klischee von dunklen Mächten, die Deutschland unterwandert haben.

"Arbeitsunfall" Mafia-Mord

Mindestens 54 Mal feuerten die Mörder auf ihre Opfer. Sechs Männer starben. Der Mord vor dem italienischen Restaurant "Da Bruno" in Duisburg im August 2007 machte international Schlagzeilen. Er gilt als Höhepunkt einer Fehde zweier Familien der kalabrischen Mafia-Organisation ’Ndrangheta.

Der Mord schreckte die deutschen Sicherheitsbehörden auf. "Denn vorher gab es angeblich keine italienische Mafia in Deutschland", sagt der ehemalige Kölner Oberstaatsanwalt Egbert Bülles. Er meint damit, dass es die Kriminellen verstanden, kaum aufzufallen.

Und das obwohl der Süden und Westen Deutschlands als Rückzugsgebiete italienischer Mafia-Organisationen gesehen werden. Sie kamen mit den Gastarbeitern in den 1970er Jahren, eröffneten Pizzerien oder Hotels und waschen das Geld, das vor allem aus dem Drogenhandel stammt.

Polizisten führen einen mit Handschellen gefesselten Mann zu einem Pkw. Der Mann gehört zu den acht Menschen, die nach Angaben der Polizei bei einem Großeinsatz gegen Drogendealer auf dem U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße in Berlin festgenommen wurden. Nach wochenlanger Videoüberwachung schlug die Polizei mit Einsatzkräften und Zivilfahndern zu.

Nach wochenlanger Überwachung: Festnahme von Mitgliedern eines Drogenrings

Allein die ’Ndrangheta soll laut italienischem Forschungsinstitut Demoskopia weltweit jährlich 53 Milliarden Euro umsetzen, mehr als die Deutsche Bank und McDonalds zusammen. Überprüfen lassen sich diese Zahlen nicht.

Nach aufwendigen Ermittlungen durch deutsche und italienische Fahnder wurde Giovanni Strangio wegen der Duisburger Morde im März 2009 festgenommen und in Italien zu lebenslanger Haft verurteilt. Seitdem ist es wieder ruhig um die ’Ndrangheta geworden. Die Duisburger Morde sieht Bülles als "Arbeitsunfall".

Mehr Schatten als Licht

Jedes Jahr im Oktober veröffentlichte das Bundeskriminalamt das sogenannte Lagebild der Organisierten Kriminalität (OK) in Deutschland. Immer für das Vorjahr werden darin die Ermittlungsverfahren statistisch ausgewertet.

2015 gab es insgesamt 566 polizeiliche OK-Ermittlungen, davon gerade acht gegen Mitglieder der 'Ndrangheta. Dabei ging es um Rauschgifthandel, Kfz-Verschiebung und Verstöße gegen das Waffengesetz.

Wesentlich mehr Aufmerksamkeit erzeugten die Rockergruppen in Deutschland: Beinahe jedes achte Verfahren steht mit ihnen in Zusammenhang. Es ging um Mord, Erpressung und Drogenhandel. "Die Rocker sind weniger subtil als die Italiener", sagt Egbert Bülles.

Die eigentliche Gefahr sieht er in der verdeckten Kriminalität – das Dunkelfeld, das das Bundeslagebild nicht zeigt. Den sogenannten Hellbereich, den das BKA auswertet, nennt selbst der Bund deutscher Kriminalbeamter die "Spitze des Eisberges".

Zum Vergleich: Laut Lagebild summierte sich der Schaden durch organisierte Kriminalität 2014 auf 424 Millionen Euro.

Dagegen sagt Sandro Gaycken, einer der führenden Experten im Bereich IT-Security: "Allein durch Industriespionage entstehen in Deutschland pro Jahr Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe."

Globalisierung der Kriminalität

Ermittlungen sind langwierig, kompliziert und führen häufig zu unbefriedigenden Ergebnissen. Organisierte Kriminalität ist in Deutschland kein eigener Straftatbestand wie etwa in Italien oder den USA.

In der Bundesrepublik regelt Paragraf 129 des Strafgesetzbuches "Bildung einer kriminellen Vereinigung" die Rechtsprechung. Er ist so formuliert, dass eine Gruppe Krimineller sich einem einheitlichen Gruppenwillen unterwerfen muss mit dem Ziel, Straftaten zu begehen.

Das vor Gericht nachzuweisen ist schwer. So wird der Anfangsverdacht einer kriminellen Vereinigung dazu benutzt, umfangreiche Ermittlungen einzuleiten. Verurteilt werden Kriminelle dann aber oft nur wegen "normaler" Delikte. Wenn es überhaupt so weit kommt – in Zeiten, in denen sich Cyberkriminelle im Internet anonym verabreden, um Kreditkarten zu klonen oder Börsendaten zu manipulieren.

Die Polizeibehörden sind an organisatorische und territoriale Grenzen gebunden, während die meisten Straftaten über die Ländergrenzen hinweg geschehen, seien es Menschenhandel, Drogenverkauf oder Betrugsfälle.

"Wir hatten mal den Fall eines Kriminellen, den man 'Milliardär' nannte", berichtet der ehemalige Oberstaatsanwalt Egbert Bülles. "Der hatte zwei Ferrari, mehrere Mercedes und hohe Geldbeträge. Wir mussten ihm für jedes Auto nachweisen, dass er es mit Geldern aus Straftaten bezahlt hat."

In Italien dagegen müsse der Verdächtige belegen, dass sein Geld aus legalen Quellen stammt.

In einer Werkhalle stehen Luxuswagen.

Bei einem Abschleppservice findet die Polizei sieben Luxuswagen

Reproduzierte Mafia-Klischees

Weil sich organisierte Kriminalität zum großen Teil im Dunkelfeld abspielt, wird ihr Bild von Stereotypen bestimmt, die seit Al Capone beständig durch Filme und Serien reproduziert werden:

Männer einer straff strukturierten und global organisierten Mafia-Organisation verabreden in Hinterzimmern finstere Machenschaften.

Professor Klaus von Lampe forscht zum Thema organisierte Kriminalität – er beklagt ein "diffuses, klischeehaftes Verständnis", das wichtige Entscheidungen im Bereich der inneren Sicherheit beeinflussen könnte.

Zum Beispiel waren die Ermittler bei der NSU-Mordserie lange auf einer falschen Fährte, weil sie von "Mafia-Morden" ausgingen.

Es ist auch deshalb einfacher, sich eine hochgradig organisierte Bande vorzustellen, weil der Begriff "organisierte Kriminalität" schwer zu greifen ist. Die deutschen Behörden haben sich 1990 auf eine etwas abstrakte Definition geeinigt.

Demnach ist organisierte Kriminalität eine "von Gewinn- oder Machtstreben bestimmte planmäßige Begehung von Straftaten, […] wenn mehr als zwei Beteiligte auf längere oder unbestimmte Dauer arbeitsteilig" zusammenwirken und entweder gewerbliche oder geschäftsähnliche Strukturen benutzen oder Gewalt ausüben beziehungsweise Menschen einschüchtern oder wenn sie Einfluss nehmen auf Politik, Medien, öffentliche Verwaltung, Justiz oder Wirtschaft.

Fachleute kritisieren diese Definition als unterschiedlich interpretierbar und schwammig in ihrer Abgrenzung zu nicht-organisierter Kriminalität. Selbst der ehemalige BKA-Präsident Hans-Ludwig Zachert sagte im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages:

"Diese Definition ist selbst Eingeweihten nur in glücklichen Stunden verständlich, und man tut sich da sehr schwer."

Schauspieler Marlon Brando in seiner Rolle als Mafiaboss Don Vito Corleone.

Prägendes Stereotyp: Marlon Brando als Vito Corleone im US-Epos "Der Pate"

Das Wesen der organisierten Kriminalität

Der Jurist und Politologe Klaus von Lampe, der Kriminologie und internationale Strafjustizlehre am John Jay College of Criminal Justice in New York lehrt, unterscheidet drei grundsätzliche Bereiche, um das Wesen von organisierter Kriminalität zu verstehen:

den Organisationsgrad der Straftraten, den Organisationsgrad der Straftäter sowie Ausübung von Macht, etwa durch Regulierung illegaler Märkte oder Milieus.

Das Klischeebild sei die Vorstellung einer linearen Entwicklung von nicht-organisierter zu organisierter Kriminalität. Aber alle drei Faktoren könnten sich unterschiedlich entwickeln.

"Typischerweise wirken Einzelpersonen und kleine Gruppen auf Grundlage kurzfristiger Absprachen zusammen." Im Kern bestehe organisierte Kriminalität also aus Netzwerken krimineller Kontakte, die unterschiedliche Strukturen entwickelten.

Selbst die italienischen Mafia-Organisationen entsprächen nicht dem Klischee einer Unterweltregierung. Die ’Ndrangheta besteht aus 380 Familien, die ihre kriminellen Geschäfte größtenteils unabhängig voneinander betreiben.

"Die Art und Weise der Strafbegehung wird in erster Linie von der inhärenten Logik des jeweiligen Delikts bestimmt und in zweiter Linie von den verfügbaren Ressourcen", schreibt von Lampe. Die Herstellung von Drogen unterliege also vor allem der Verfügbarkeit der Rohstoffe sowie den Fachkenntnissen.

Der Forscher unterscheidet fünf Grundbedürfnisse von Kriminellen: "Zugang zu Ressourcen, eine Ideologie zur Rechtfertigung kriminellen Verhaltens, sozialer Status, Sicherheit vor Strafverfolgung und Sicherheit vor anderen Kriminellen."

Aus diesen Grundbedürfnissen könne sich ein "schwer zu entwirrendes Beziehungsgeflecht" ergeben. Dabei unterscheidet er ökonomisch-orientierte kriminelle Strukturen, also Zusammenschlüsse, die Straftaten ermöglichen oder erleichtern.

Zudem ergeben sich sozial-kriminelle Strukturen, deren Funktion es ist, Konflikte unter Kriminellen zu minimieren. Das trifft auf Mafia-Organisationen wie die ’Ndrangheta zu.

Und das Geflecht könne bis hin zu quasi-staatlichen Strukturen gehen, in denen die kriminelle Organisation regelt, wer welche illegalen Aktivitäten ausüben dürfe.

Eine Prostituierte in Reizwäsche wartet in einem Bordell auf einen Freier.

Verbrechen kennen keine Grenzen. Die Befugnisse der Polizei schon

Kriminelle mit weißem Kragen

Nach der Hysterie um die Morde von Duisburg gründete eine Gruppe italienischer Migranten einen Verein. Die Mitglieder fühlten sich gebrandmarkt und wollten auf Mafia-Sterotype mit Aufklärung antworten.

Statt vornehmlich auf stereotype Netzwerke zu achten, sollte die Gesellschaft sich mehr auf integrierte kriminelle Gruppen konzentrieren, fordert auch Klaus von Lampe. Damit meint er Menschen aus der Mitte der Gesellschaft oder Führungspositionen, die Umwelt- und Wirtschaftsverbrechen begehen.

Einen Anhaltspunkt für die Bedeutung von "white collar crimes" bietet das Bundeslagebild 2013: Demnach wurde mehr als die Hälfte des finanziellen Gesamtschadens durch organisierte Kriminalität der Wirtschaft zugefügt – 407 Millionen Euro. Doch bei den Ermittlungen bezogen sich darauf nur 13,1 Prozent – nicht mal jedes achte Verfahren.

Stand: 31.01.2018, 09:20

Darstellung: