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Wir sitzen und sitzen – bei der Arbeit, in der Schule, vor dem Fernseher – und die meiste Zeit sitzen wir auf Stühlen. Der Stuhl ist unser täglicher Begleiter. Manch einer ist mittlerweile sogar zum Kunstwerk geworden, das es bis ins Museum geschafft hat. Das wichtigste jedoch ist, dass man bequem darauf sitzt. Was aber für den modernen Menschen selbstverständlich ist und nach Meinung von Gesundheitsexperten viel zu ausgiebig betrieben wird, war früher ein Privileg der Herrschenden.

Die Anfänge einer Sitzgelegenheit

Filmbild: Kaiser Franz und Kaiserin Sissi auf zwei Thronen

Kaiser und Kaiserin thronen über dem Volk

Ob Thron, Bischofssitz oder Richterstuhl – lange Zeit galt: Wer auf einem Stuhl sitzt, genießt stets die Würde eines hohen Amtes. Die ältesten bekannten Stühle waren sehr niedrig, hatten gebogene Rückenlehnen und häufig Beine in geschnitzter Tiergestalt. Die Herrschenden thronten im wörtlichen Sinn über den einfachen Leuten, die oftmals nur auf dem Boden kauerten.

Aus Bequemlichkeit saß zunächst niemand auf einem Stuhl, die Menschen lagen wie die alten Römer lieber zwanglos herum. In Europa blieb ein Stuhl oder Sessel jahrhundertelang ein exklusives Möbelstück, das sich nur Menschen aus dem Stand des Adels oder des Klerus leisten konnten.

Erst im 16. Jahrhundert setzte sich der Stuhl in weiten Kreisen der Bevölkerung durch und wurde zu einem gängigen Mobiliar. Die Wandlung des Stuhls vom Machtsymbol zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand war geschafft. Die meisten Stühle fertigten Tischler aus massiver Eiche und polsterten sie meist aus. Erst im Zeitalter des Barock wollte der Adel bequemer sitzen, sodass sich Sitzpolster mit einem Samt- oder Lederbezug durchsetzten.

Vor allem die französischen Könige, die in der Zeit des Absolutismus regierten, legten viel Wert auf Design und beeinflussten den europäischen Möbelgeschmack entscheidend. Ein Jahrhundert später veränderten englische Möbeltischler die Sitzgelegenheiten. Der berühmteste unter ihnen war Thomas Chippendale, der das solide Rückenteil der Stühle durchbohrte und leichter gestaltete.

Das klassische Sitzmobiliar des Bürgertums in Deutschland im 19. Jahrhundert war der Biedermeierstuhl, der eine hohe handwerkliche Qualität besaß. Die hohen Polster der Sitzmöbel zeigen, dass die Käufer viel Wert auf Bequemlichkeit und Komfort legten. Die Polsterfüllung bestand meist aus Rosshaar. Die Rückenlehne blieb aber meist ungepolstert, was in erster Linie auf die damals steife Sitzhaltung zurückzuführen ist. Möglicherweise bedingten die ungepolsterten Rückenlehnen die steife Sitzhaltung, bzw. lösten sie gar aus.

Der Wegbereiter der Moderne – Thonet

Zeichnung: Verschiedene Thonet-Stühle

Stuhlmodelle der Gebrüder Thonet

Um 1850 begann die serienmäßige Fabrikproduktion von Stühlen. Die Vorreiterrolle übernahm die Firma der Gebrüder Thonet. Michael Thonet, der Firmengründer, machte aus Schreinerstücken industriell gefertigte Massenprodukte. Seine neue Technik bestand darin, in Leim gekochtes Holz unter Dampf zu biegen und daraus Bugholzmöbel zu fertigen.

Eine neue Ära des Stuhldesigns hatte begonnen, als Michael Thonet seinen ersten Bugholzstuhl der Öffentlichkeit präsentierte. Dieser Thonet-Stuhl aus Buchenholz mit der Typenbezeichnung "No. 14" wurde zum Wiener Kaffeehausklassiker. Das legendäre Sitzmöbel, das aus sechs Holzteilen, zehn Schrauben und zwei Muttern besteht, wurde allein bis 1930 rund 50 Millionen Mal gebaut.

Es avancierte rasch zum Inbegriff des modernen Konsumartikels und stand für die Verbindung von Ästhetik und Massenproduktion. Die Firma Thonet wollte, dass der Stuhl möglichst viele Verbraucher anspricht. In den weltweiten Dependancen der Möbelbauer Thonet, die von Moskau bis Chicago reichten, arbeiteten bis zu 10 000 Mitarbeiter, die jährlich 15 Millionen Stühle produzierten. Ihre jüngste Fabrik errichteten die Erben der Gebrüder Thonet 1889 in Frankenberg an der Eder zwischen Siegen und Kassel. Auf diesen Standort konzentriert sich heute das gesamte frühere Firmenimperium der Thonets.

Die Moderne – kühle Ästhetik

Der Stahlrohrsessel Wassily von Marcel Breuer, 1925

Marcel Breuer kreierte 1925 den "Wassily Chair"

Die Geschichte des modernen Stuhldesigns beginnt mit dem rotblauen Stuhl von Gerrit Rietveld, der Mitglied der berühmten holländischen Designergruppe “De Stijl“ war. Er führte den Stuhl auf seine geometrischen Elemente zurück und schuf so eine Ikone der klassischen Moderne.

Auch in Deutschland, besonders im Umfeld des Bauhauses, waren Möbeldesigner zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr experimentierfreudig. Sie schufen mit unkonventionellen Materialien völlig neue Formen. Marcel Breuer kreierte 1925 den "Wassily Chair". Breuer war der Erste, der es verstand, Stahlrohr zu biegen.

Einer der bekanntesten Stühle von Marcel Breuer ist der Freischwinger "B64 Cesca", mit dem er auch seinen größten kommerziellen Erfolg hatte. Die Idee des Freischwingers, des hinterbeinlosen Kragstuhls, geht auf den Niederländer Mart Stam zurück. Doch dessen erster Entwurf war noch kein Freischwinger, denn er federte nicht.

Mies van der Rohe griff die Idee des hinterbeinlosen Stuhls im Modell “MR 10“ auf und entwickelte sie weiter. Er führte die beiden Kufen in einem Bogen zur Sitzfläche und verwendete federndes Stahlrohr – der erste wirkliche Freischwinger war geboren.

Stahlrohr wurde bald zum beliebtesten Material unter den Designern und Architekten, da es Kühle ausstrahlte, was dem Zeitgeist der Avantgarde entsprach. Die Designer der klassischen Moderne hatten den Anspruch, preiswerte Möbel für Jedermann zu bauen. Aber es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis sich weitere Teile der Bevölkerung für das Design der klassischen Moderne begeistern konnten.

Neue Ästhetik aus den USA – Plastik ist fantastisch

Ein roter Bofinger-Stuhl

Der Bofinger-Stuhl

In den USA herrschte bereits in den 1940er Jahren ein großes öffentliches Interesse an organischem und stromlinienförmigem Design. Die Designer dort distanzierten sich so von den rechtwinkligen Entwürfen der europäischen Avantgarde. Aus einem Wettbewerb des "Museum of Modern Art" (MoMa) in New York ging ein Stuhltyp von Charles & Ray Eames hervor, der einen weltweiten Siegeszug antreten sollte.

Es war eine Sitzschale aus Kunststoff. Durch die industrielle Produzierbarkeit der Sitzschale wollte das Designerehepaar ästhetisch anspruchsvolle Stühle für viele erschwinglich machen und so gerade nach dem Zweiten Weltkrieg das Niveau privater Einrichtungen erhöhen. Charles & Ray Eames entwickelten den Gedanken dieses Stuhldesigns, des “Organic Armchair“, immer weiter und schufen eine Serie von Schalenstühlen- und Sesseln.

Dabei machten sie sich die Ergebnisse der Kriegsforschungen auf dem Gebiet des Kunststoffes für ihre Entwürfe zunutze. Die Kunststoffe wie Polyester ließen sich leicht färben und hatten darüber hinaus ein geringes Gewicht. Ausgehend von der Sitzschale aus Kunststoff bauten sie den ersten Stuhl aus verschweißten Stahldrähten – den "DKR Wire Chair".

In den 1960er Jahren entwickelten deutsche Designer den Plastikstuhl weiter. 1964 entwarf der deutsche Architekt und Tischler Helmut Bätzner den ersten stapelbaren Stuhl und schrieb damit Designgeschichte. Denn sein sogenannter "Bofinger-Stuhl" war weltweit der erste Kunststoffstuhl, der aus einem Stück bestand und sich bestens für die Massenproduktion eignete.

Ein bestimmtes Druckgussverfahren machte es möglich, dass der Stuhl bereits nach fünf Minuten hergestellt war und so gut wie keiner Nachbehandlung bedurfte. Der "Bofinger-Stuhl" wurde 1966 auf der Kölner Möbelmesse vorgestellt und diente als Vorbild für zahllose andere Plastikstühle.

Zum Beispiel für den "Aurora Plastik-Stuhl", der heute in quasi allen Baumärkten zu finden ist und weltweit am häufigsten verkauft wurde. Er ist bequem, preisgünstig und man kann ihn problemlos stapeln. Das macht ihn nach wie vor für Restaurants oder Gärten äußerst geeignet, auch, wenn sich viele bereits an ihm sattgesehen haben mögen.

Autorin: Sabine Kaufmann

Stand: 12.08.2014, 13:00

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