Voodoo

Die Verbreitung des Voodoo 01:35 Min. Verfügbar bis 01.06.2020

Geister und Grusel

Voodoo

Von Barbara Garde

Voodoo, Vodun oder Vodù heißt "Gott" oder "Geist". Das sind die unsichtbaren Mächte, die der Mensch sich nicht erklären kann. Um ein glückliches Leben führen zu können, muss er deren Gunst gewinnen, heißt es.
Voodoo ist eine fremde, unheimliche Welt, von der wir hierzulande wenig mehr als die gängigen Hollywood-Klischees mit Zombies und Nadelpüppchen kennen. Für die Voodoo-Anhänger ist es aber eine gewaltige, lebendige Kraft, die ihr tägliches Leben bestimmt.

Voodoo ordnet das Chaos

Am Anfang schuf der große Gott die Welt aus dem Chaos, heißt es im Voodoo. Er schuf sie als zwei Hälften eines bauchigen Gefäßes, einer Kalebasse. Eine Hälfte für die Geister, eine Hälfte für die Menschen. Beide Hälften durchdringen sich ständig: Es gibt weder oben noch unten. Keine Schranke zwischen Leben und Tod.

Der große Gott existiert in weiter Ferne. Als Ansprechpartner für die Menschen dienen seine Kinder, die Loa. Legba vermittelt etwa zwischen den Loa und den Menschen. Ogun ist der Eisengott, Sakpata der Gott der Pocken, Erzulie ist die Fruchtbarkeitsgöttin und Mami Wata die Herrin des Wassers. Fast 400 weitere Loa kümmern sich zusammen mit den Ahnengeistern um die Geschicke der Voodoo-Anhänger oder "Voodoosi".

Die Voodoosi sind recht pragmatisch. Hilfe kommt entweder sofort – oder gar nicht. Der Kontakt zu den Götter-Kindern ist immer ein Geben und Nehmen: Wer von den Geistern erhört werden will, muss dafür Opfer bringen, darunter Tiere, Schnaps, Zigarren oder Parfüms.

Auch die Loa müssen eine Gegenleistung erbringen: Wer nicht hilft, gerät in Vergessenheit und verschwindet irgendwann.

Ein großer Torbogen am Strand von Benin: Von hier wurden die Sklaven in die neue Welt verschifft.

Das "Tor ohne Wiederkehr" in Benin

Von Afrika in die neue Welt

Etwa 60 Millionen Menschen bekennen sich heute weltweit zum Voodoo. Ihren Ursprung hat die Naturreligion in Afrika, in Benin. Seit dem 16. Jahrhundert bildete der Staat das Zentrum des Sklavenhandels.

Rund drei Millionen Menschen sollen von hier aus in die neue Welt verschifft worden sein. Vor dem Abtransport mussten die Sklaven am Strand von Oidah den magischen Baum des Vergessens umrunden, um ihre Identität, ihren Glauben und ihre Wurzeln für immer zu verlieren.

Aber der Voodoo-Glaube war stärker als der Zauber der Sklavenhändler: Die Voodoosi blieben ihren Göttern auch in der Fremde treu. Um ihre verbotenen Götter zu verstecken, nutzten die Sklaven die religiösen Symbole ihrer Herren: Marienstatuen verkörperten die Fruchtbarkeitsgöttin Erzulie, der heilige Georg wurde zum Jagdgott, und das Kreuz steht im Voodoo für die Schnittstelle zwischen der Geister- und Menschenwelt.

Heute ist Voodoo in großen Teilen Westafrikas verbreitet, darunter in Benin, Ghana, Nigeria, Togo und Kamerun. Voodoosi leben in Südamerika, in der Karibik und auch im Süden der USA. In Benin und Haiti ist Voodoo heute eine staatlich geschützte Religion.

Überall hat sich der magische Glaube mit den anderen vorherrschenden Religionen vermischt. Im Voodoo finden sich Elemente aus Christentum, Islam und Hinduismus. In Benin spricht man von Fifty-fifty-Gläubigen: tagsüber Christ oder Moslem – abends Voodoosi.

Trance: Geister reiten Menschenpferde

Um sich zu zeigen, besetzen die Loa die Menschen: Unter dem Einfluss von Trommeln und Tänzen fallen einzelne Voodoosi während der Zeremonien in Trance. Ihr Selbst schaltet sich aus, sie werden zu Menschenpferden, auf denen ein Loa reitet.

Der Ethnologe Henning Christoph berichtet, wie sich während einer Beerdigung ein Mann ein großes Messer quer durch den Kopf stieß. Der Mann war in Trance: Ogun ritt auf ihm. Oguns Menschenpferde verletzen sich häufig selbst, um die Macht ihres Gottes zu demonstrieren und Hexen fernzuhalten.

Die anderen Voodoosi trugen den Mann eine Stunde um das Grab. Der ist tot, dachte Christoph. Dann zogen sie dem Mann das Messer aus dem Kopf. Die Wunden verklebten sie mit einer Paste. Der Mann erwachte, trank ein Bier und gab Christoph ein Interview. Er war gesund, konnte sich nicht daran erinnern, was kurz zuvor geschehen war.

In Trance zu fallen – das muss ein Voodoosi erst lernen. Priester unterrichten die angehenden Voodoosi über Monate in einer Art Kloster. In dieser Zeit lernen sie, sich in den Trancezustand zu versetzen. Schlägt eine Trance fehl, kann das der Psyche schaden. Vor allem Traumatisierte sind empfänglich für Trancezustände. Die Trance hilft ihnen, ihr Trauma zu verarbeiten.

Eine Frau in Trance.

Im Griff der Götter: Voodoosi in Trance

Das Fa-Orakel

Um Fragen zu klären, benutzen die Priester das Fa-Orakel: Zwei Ketten mit insgesamt 16 Nussschalen oder Muscheln werden ausgeworfen. Aus der Lage dieser 16 Schalen lassen sich 256 Zeichen kombinieren, die Aufschluss über die Situation und Aussichten des Fragenden geben.

Die ganzen Zeichen zu erlernen und zu verstehen dauert Jahre. Mit Hilfe des Fa-Orakels werden Krankheitsursachen bestimmt, Beziehungsprobleme analysiert, Schuldfragen untersucht und Vertragsabschlüsse oder Fußballergebnisse vorausgesagt.

Das Orakel sagt dann beispielsweise, dass eine Zeremonie nötig sei, um die Schmerzen eines Menschen zu lindern. So eine Zeremonie ist aber nicht billig.

Der Schmerzleidende zahlt mit Opfergaben, etwa mit einem Tier. Das Blut der Opfertiere wird über den Altar und die Loa-Figuren gespritzt, um sie zu tränken. Auch der Ratsuchende wird damit eingerieben, um ihn zu reinigen.

Ein Verkaufstisch mit Tierkadavern auf einem Fetischmarkt.

Was das Heilerherz begehrt

Medizin und Gifte

Voodoo – das ist vor allem Heilzauber, sagt Henning Christoph. Die Grundlage der Heilkunst ist die Kräuterkunde. Der Verkauf der Pflanzen ist ein lukratives Geschäft: "Mama Benz" werden die Sammlerinnen und Händlerinnen von Heilkräutern in Benin genannt.

Die Kräuter zu verarbeiten und anzuwenden, ist den Priestern, Heilern und Hexern (Azetos) vorbehalten. Diese sind in den Voodoo-Gebieten Afrikas nach wie vor häufig für die Versorgung der Kranken zuständig. Die Rezepte werden von Generation zu Generation weitergegeben.

Die Priester nutzen die Kräuter auch in den Zeremonien. Die Pflanzen sind der Stoff, mit dem die Geister und Symbole spirituell aufgeladen werden, darunter die Loa-Götterfiguren, die Amulette und die Bocios – das sind die Figuren mit Zauberwirkung.

Um die Medizin herzustellen, verwenden die Priester noch weitere Zutaten, etwa Knochen oder Blut. Die berühmteste Mixtur ist das "Zombiegift" aus Haiti, das angeblich scheintodähnliche Lähmungen hervorrufen soll: ein Pulver aus atropinhaltigen Pflanzen wie Stechapfel und Tollkirsche, geraspelten Menschenknochen, gekochten Kröten und Teilen des Kugelfisches.

Wer aus der Lähmung erwacht, ist danach nicht mehr er selbst, sondern nur noch ein seelenloses Geschöpf – ein Zombie. Das Zombiegift wurde verwendet, um Schwerkriminelle ruhigzustellen, vermuten Anthropologen.

Während einer Zeremonie wird das Blut eines geopferten Huhns verspritzt.

Das Blut ist eine magische Kraftquelle im Voodoo

"Krankheit beginnt im Kopf"

"Krankheit beginnt im Kopf", sagen die Voodoo-Heiler. In ihren Zeremonien arbeiten sie mit Elementen, die auch in der Psychotherapie angewendet werden. Viele ihrer Erfolge lassen sich wissenschaftlich mithilfe des Nocebo-Effekts erklären: Wer Schmerz, Krankheit oder Tod erwartet, könnte demnach aufgrund seiner negativen Gedanken tatsächlich erkranken.

Die Voodoo-Heiler versuchen Ängste mithilfe sogenannter Impfungen zu heilen. Sie ritzen den Körper des Patienten und reiben ihre Medizin in die Wunden. Die Narben, die sich danach bilden, sollen vor bösen Geistern schützen. Die positive Wirkung einer solchen Behandlung lässt sich mit dem Placebo-Effekt erklären: Wer daran glaubt, dem soll der Zauber helfen können.

Henning Christoph erzählt von einem jungen Mädchen, das mit hohem Fieber und völlig abgemagert zum Heiler gebracht wurde. Der warf ein Fa-Orakel und bekam das Zeichen "Todeswunsch": Das Mädchen war unglücklich verliebt und wollte nun sterben.

Die Voodoosi versetzten das Mädchen in Trance, umwickelten es mit Kräutern und nähten es in Leinentücher ein. Anschließend begruben sie die Todgeweihte. Nach zwei Stunden holten die Voodoosi das Mädchen aus der Erde und weckten es aus seiner Trance. "Ich habe den Tod gesehen – ich will leben", soll es gesagt haben.

Fetischpuppen – die Grundlage für schwarze und weiße Magie.

Fetischpuppen – die Grundlage für schwarze und weiße Magie

Schwarze Magie

Schwarze Magie widerspricht dem Voodoo, sagen Oberpriester in Benin. Und dennoch gibt es sie. Das Volk der Holi im Osten des Landes ist bekannt und gefürchtet für seine Schadenszauber.

Kein Zauber ohne den Zauberer: Und das sind die Azetos, die Hexer. Ihr Beruf wird meist innerhalb der Familie vererbt. Azeto sein – das ist gefährlich: Ein Hexer kann sich mit einem Schadenszauber selbst schaden, wenn dieser ungerechtfertigt ist.

Alt werden nur wenige der Hexer. In manchen Gebieten ersetzen die Azetos die Justiz: Sie zeigen, wo die Grenzen liegen oder verhängen Strafen. Sie gliedern auch Kriminelle wieder ein, indem sie diese etwa von bösen Geistern befreien.

Ein Beispiel aus dem Alltag eines Azetos: Ein Klient beantragt einen Schadenszauber gegen seinen Nachbarn. Dieser weigert sich, seine Schulden zu begleichen. Ob die Klage gerechtfertigt ist, prüft der Azeto mithilfe des Fa-Orakels.

Ist der Angeklagte schuldig, spricht der Azeto einen Schadenszauber aus. Zum Beispiel: Wenn der Schuldner nicht in zehn Tagen zahlt, soll er an Bauchkrämpfen leiden. Der Nachbar erhält diese Nachricht in Form magischer Zeichen. Das sind etwa Talismane oder Hühnerkrallen, die an seiner Tür hängen.

Sobald der Angeklagte zahlt oder sich mit dem Schuldner einigt, wird der Zauber außer Kraft gesetzt. In vielen Landesteilen ersetzen die Azetos sowohl die Polizei als auch das Gericht.

Eine Waffe der Azetos ist die afrikanische Pistole: Ein Mensch wird verflucht und bricht tot zusammen – wo auch immer er sich gerade auf der Welt befindet. Eine andere Variante: Im Körper des Verfluchten finden sich Fremdkörper wie Nägel, Rasierklingen oder Scherben.

Auch im Voodoo auf Haiti ist schwarze Magie offiziell verpönt. Einen Liebespartner gewinnen, einen Konkurrenten ausschalten oder einen kräftigen Reibach machen – wer die schwarze Magie nutzen will, fährt besser zu einem weit entfernten Hexer, damit niemand was davon mitbekommt.

Ein Geistertänzer in einem bunten Gewand.

Ein Geistertänzer in einem bunten Gewand

Voodoo im Alltag

Ob im Unternehmen oder in der Politik, im Beruf oder zu Hause: Orakelbefragungen und Opferzeremonien sind Alltag in den Voodoo-Gebieten. Der Diktator François Duvalier in Haiti behauptete von sich selbst, ein Voodoo-Geist zu sein. Politiker in Afrika beschäftigen teilweise eigene Voodoo-Priester, um sich vor Gegnern zu schützen.

Im Fußball gehört neben dem Trainer auch ein Hexer zum festen Personal vieler Vereine. So soll der Nationaltorwart von Togo zur WM 2006 Voodoo-Medizin mit nach Deutschland gebracht haben, um unbesiegbar zu sein.

Legendär ist der Katzenfluch von Buenos Aires: Ende der 1960er Jahre sollen Fans des Lokalrivalen Independiente die Kadaver sieben schwarzer Katzen im Stadion des Meistervereins Racing Club de Avellaneda vergraben haben. Mehr als 30 Jahre blieb der Verein erfolglos. Bis im Jahr 2000 das Stadion umgepflügt und die sieben Katzenskelette aufgespürt wurden. In der folgenden Saison gewann der Verein die Meisterschaft in Argentinien.

Voodoo-Priester verhext einen Fußball bei einer Zeremonie.

Togo bei der WM 2006: Voodoo als Schützenhilfe

Stand: 19.07.2019, 13:20

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