Macau

Luftaufnahme der Macau-Halbinsel

Hongkong

Macau

Von Tobias Aufmkolk

Nur knapp eine Stunde von Hongkong mit dem Schiff entfernt liegt eine weitere ehemalige europäische Kolonie auf chinesischem Boden: Macau. Seit jeher steht die portugiesisch geprägte Insel in engem Kontakt mit dem östlich gelegenen Hongkong. Diente sie früher als Sommerresidenz reicher Kaufleute oder Fluchtziel britischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg, so kommen heute vor allem Millionen von Touristen auf das kleine Eiland. Diese haben zumeist nur das eine Ziel: ihr Glück in den in Hongkong und China verbotenen Casinos zu suchen.

Erste europäische Kolonie in Asien

So klein und unbedeutend Macau im Gegensatz zu Hongkong auch erscheinen mag, die Insel hat eine weitaus längere europäische Vergangenheit als die benachbarte Insel der Superlative.

Bereits 1513 betritt mit dem portugiesischen Seefahrer Jorge Alvarez der erste Europäer Macau. Zu diesem Zeitpunkt beherrschen die Portugiesen die Weltmeere östlich von Afrika, während die Spanier sich eher gen Westen nach Südamerika orientieren.

Die portugiesischen Seefahrer möchten gerne mit dem reichen China Handel treiben, stoßen im Reich der Mitte aber auf Widerstand. Die chinesischen Kaiser haben nur wenig Interesse an irgendwelchen Einflüssen von außen und schotten ihr Reich lieber ab.

Doch die Chinesen sind militärisch bei Weitem nicht so stark wie ihre europäischen Gegner. So müssen sie die Insel Macau 1557 an Portugal, das dort einen Handelsstützpunkt errichten möchte, förmlich abtreten.

Die Portugiesen vereinbaren in einem Vertrag einen jährlichen Pachtzins, den sie dem chinesischen Kaiser zahlen. Dies erweist sich als kluger Schachzug, bewahrt China damit doch sein Gesicht und ist dem Handel mit Europa in Zukunft nicht von vornherein abgeneigt.

Die Portugiesen beginnen alsbald mit dem Ausbau der Infrastruktur auf Macau. Im Gegensatz zu anderen europäischen Kolonialmächten wie den Briten und Holländern, sind die Portugiesen nicht nur am reinen Profit interessiert, sondern wollen auch ihre Kultur in dem fernen Land etablieren. Sie bauen zahlreiche Kirchen, Festungen und prächtige Kolonialbauten.

Der Handel mit Seide, Gewürzen und Tee floriert in den folgenden Jahrzehnten und bringt der ersten europäischen Kolonie in Asien großen Wohlstand.

Blick auf die Frontfassade einer alten Kirche. Der Rest der Kirche ist zerstört.

Die Portugiesen bauten viele Kirchen

Wirtschaftlicher Niedergang

Der wirtschaftliche Erfolg der Portugiesen bleibt anderen aufstrebenden europäischen Handelsnationen nicht verborgen. Vor allem Briten und Holländer zieht es ab Anfang des 17. Jahrhunderts nach Asien.

Portugal verliert in der Folgezeit fast seine gesamten asiatischen Kolonien an die neuen Mächte, kann Macau aber noch halten. Briten und Holländer sind den Südeuropäern militärisch überlegen und übernehmen den lukrativen Handel. Macaus Bedeutung schwindet zunehmend.

Ende des 18. Jahrhunderts erfährt die Insel einen kurzen Aufschwung. Europäische Kaufleute dürfen sich zu dieser Zeit auf chinesischem Festland nur noch während der Wintermonate aufhalten. So wählen sie kurzerhand das vorgelagerte Macau als Sommerresidenz.

Dazu kommt der immer mehr an Bedeutung gewinnende Handel mit Opium, der hauptsächlich von Macau aus stattfindet. Spätestens mit der Niederlage der Chinesen 1842 im Opiumkrieg gegen die Briten ist diese kurze Blütezeit für Macau vorbei. Der Opiumhandel wird fortan über Hongkong abgewickelt.

Blick auf einen alten abendlich beleuchteten Leuchtturm. Daneben eine kleine alte Kapelle.

Macaus Hafen war lange sehr bedeutend

Ungeliebte portugiesische Kolonie

Macau steht vor dem Sturz in die Bedeutungslosigkeit. Da hat der portugiesische Gouverneur Guimarães (1851-1863) die entscheidende Idee: Er legalisiert Glücksspiel und Wetten. Zunächst hat er nur bescheidenen Erfolg damit, doch vor allem in der Zukunft wird Macau von dieser Idee maßgeblich profitieren.

Das 20. Jahrhundert verläuft für die Insel zunächst in ruhigen Bahnen. Während des Zweiten Weltkriegs flüchten die britischen Soldaten aus Hongkong vor den Japanern nach Macau. Die Japaner greifen die Insel nicht an, um die Neutralität Portugals in Europa nicht zu gefährden.

Nach dem Zusammenbruch der portugiesischen Diktatur 1974 will die junge Demokratie am liebsten sofort alle kostspieligen Kolonien loswerden. Macau wird China angeboten, das jedoch ablehnt. Dennoch zieht Portugal alle Truppen aus Macau ab und erklärt seine ehemalige Kolonie zum "chinesischen Territorium unter portugiesischer Verwaltung mit vollständiger innerer Autonomie".

Doch erst im Zuge der Hongkong-Verhandlungen vereinbaren auch Portugal und China 1987 eine Rückgabe an das Reich der Mitte. So wird auch Macau am 20. Dezember 1999 zu den gleichen Statuten wie Hongkong feierlich an China zurückgegeben.

Blick auf die nächtlich beleuchtete Skyline von Macau mit einem großen Turm in der Mitte. Explodierende Feuerwerkskörper sind am Himmel zu sehen.

Die Rückgabe wird jedes Jahr mit einem Feuerwerk gefeiert

Das Las Vegas von Asien

Ähnlich wie Hongkong hat sich auch Macau nach der chinesischen Machtübernahme wirtschaftlich kaum verändert. Ist in Hongkong nach wie vor das Glücksspiel streng verboten, so lassen die Chinesen die Casinos in Macau unangetastet. Im Gegenteil, der gesamte Glücksspielsektor wird weiter ausgebaut. Das Geschäft ist einfach viel zu lukrativ, um auf die Einnahmen daraus zu verzichten.

Mittlerweile ist Macau die Nummer 3 unter den internationalen Spielerparadiesen. Nur die beiden amerikanischen Städte Las Vegas und Atlantic City verbuchen noch mehr Einnahmen aus dem Glückspiel. Weit über die Hälfte der Haushaltseinnahmen der kleinen Insel stammen aus dem Glücksspiel.

Bis 2002 war der Glücksspielsektor monopolisiert, danach wurden erstmals drei Lizenzen vergeben. Eine an den alten chinesischen Magnaten Stanley Ho, zwei weitere an amerikanische Unternehmen.

Macau bekommt ein neues Gesicht

Die amerikanischen Unternehmen investieren auch Unmengen Geld in Macaus touristische Infrastruktur. Riesige Hotelkomplexe entstehen, Shopping- und Erlebnismeilen werden binnen kurzer Zeit aus dem Boden gestampft.

Ähnlich wie Hongkong gewinnt auch Macau durch Landaufschüttungen neue Flächen dazu. Rund 500.000 Menschen leben auf einer Fläche von bisher knapp 28 Quadratkilometern. Damit ist Macau eine der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde. Dazu kommen jedes Jahr über zehn Millionen Touristen, die das kleine Eiland besuchen.

Vor allem an Wochenenden und Feiertagen platzt Macau aus allen Nähten, wenn die spielwütigen Hongkong-Chinesen aus der Nachbarstadt herüberkommen. Glücksspiel- und Tourismussektor sind nahezu die einzigen Einnahmen, die Macaus Haushalt zu verbuchen hat.

Das kulturelle Erbe, das in Macau noch viel gegenwärtiger ist als in Hongkong, ist durch die ungebremsten Entwicklungen in diesen beiden Sektoren allerdings stark bedroht.

Blick über Wasser auf die von Skyline von Macau. Im Vordergrund führt eine große Brücke in die Stadt.

Auch in Macau ist Platz Mangelware

Einzigartiges kulturelles Erbe

Viele alteingesessene Einwohner Macaus sehen die Entwicklung der Insel zum modernen Spieler- und Ausflugsparadies mit großer Sorge. Die ehemals portugiesische Kolonie besitzt gerade durch ihre frühe Besiedlung durch die Südeuropäer noch eine in Asien einmalige Mixtur aus europäischer und asiatischer Architektur.

Viele Bauwerke aus den vergangenen Jahrhunderten sind noch gut erhalten. Die Portugiesen haben stets auf die Bewahrung dieser Kultur Wert gelegt, die neuen Machthaber dagegen weniger. Seit der Machtübernahme durch die Chinesen gibt es in Macau Bestrebungen der Alteingesessenen, zumindest einzelne Bauwerke von der Unesco schützen zu lassen.

Im Jahr 2005 würdigte die Unesco dann Macau als ein "herausragendes Beispiel für ein erfolgreiches Neben- und Miteinander östlicher und westlicher Kulturen".

Was die Erwartungen vieler Denkmalschützer noch übertraf: Das gesamte historische Zentrum mit der chinesisch geprägten Altstadt und den umliegenden portugiesischen Bauwerken und Plätzen wurde zum Weltkulturerbe erklärt. Wenigstens ein Teil der kleinen Insel wird durch diese Maßnahme in Zukunft von der Bauwut internationaler Investoren unangetastet bleiben.

Blick auf einen Platz, der durch prächtige, bunte Kolonialbauten begrenzt wird. Der Platz ist in Wellen schwarzweiß gepflastert.

Das portugiesische Erbe ist allgegenwärtig

Stand: 26.07.2019, 09:45

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