Hongkong

Blick auf die bunt erleuchteten Hochhäuser der Skyline von Hongkong bei Nacht.

Metropolen

Hongkong

Von Tobias Aufmkolk

Glanzfassaden, Bauboom und rasantes Wirtschaftswachstum: Für viele ist Hongkong der Inbegriff von Reichtum, Glamour und Globalisierung. Doch die Stadt ist auch ein kultureller und religiöser Schmelztiegel und besitzt viele natürliche Schutzgebiete.

Mehr als nur eine Stadt

Die ehemals britische Kronkolonie Hongkong liegt an der südchinesischen Küste, etwa auf der geografischen Höhe von Mexiko-Stadt oder Hawaii. Vielfach wird Hongkong nur als eine große Stadt gesehen, doch es ist weit mehr.

1842 musste die chinesische Regierung die Insel "Hongkong Island" nach dem verlorenen Opiumkrieg an das britische Königreich abtreten. 1860 folgte nach einem weiteren verlorenen Krieg die Abtretung der Halbinsel "Kowloon", die "Hongkong Island" gegenüber liegt.

Weitere 38 Jahre später pachtete das britische Königreich von China einen Großteil des Umlands, die sogenannten "New Territories", sowie über 230 größtenteils unbewohnte Inseln: die "Outlying Islands". Diese knapp 1100 Quadratkilometer machen bis heute die Fläche Hongkongs aus.

Trotz oder gerade wegen dieser geringen Fläche, die weniger als ein Drittel Mallorcas ausmacht, ist in Hongkong alles überdimensional. Mehr als sieben Millionen Menschen leben in dem Stadtstaat.

Da die Küste, an der Hongkong liegt, sehr zerklüftet und gebirgig ist, sind längst nicht alle Gebiete für den Wohnungsbau geeignet. Die Siedlungen verteilen sich an den flacheren Küstenstrichen und in den Niederungen der Täler.

Um dieser enormen Menge an Menschen auch genügend Wohnraum zur Verfügung stellen zu können, wird dementsprechend hoch gebaut. Die gesamten Siedlungsgebiete bestehen fast ausschließlich aus Hochhäusern.

Ein Ausweg aus dem stetigen Platzmangel: Landaufschüttungen an der Küste. So ist zum Beispiel der 1998 in Betrieb genommene neue Flughafen der Stadt auf einer komplett aufgeschütteten künstlichen Insel gebaut.

Karte, auf der Hongkong mit seinen Inseln, Macau und das chinesische Festland eingezeichnet sind.

Hongkong besteht aus vielen Inseln

Grüne Oasen zwischen Satellitenstädten

Hongkong ist gebirgig. So gebirgig, dass viele Gebiete weder für den Wohnungsbau noch für die Landwirtschaft geeignet sind. Bis auf 957 Meter Höhe steigt der "Tai Mo Shan", der höchste Berg, empor.

Was kaum jemand außerhalb Hongkongs weiß: Nahezu 40 Prozent der Fläche sind ausgewiesene Naturschutzgebiete. Hunderte Kilometer von Wanderwegen ziehen sich durch 23 "Country Parks". Spätestens seit die Lungenkrankheit SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) die Stadt 2003 heimsuchte, flüchten die Bewohner der Stadt vermehrt ins grüne Umland.

Aus der Not ist eine wahre Begeisterung für den Wandersport und eine große Naturverbundenheit entstanden. Die naturbelassenen Areale bestehen vorwiegend aus lieblichen Hügelketten mit Gras, durchzogen von einzelnen Wäldern mit subtropischer Vegetation. Orchideenfreunde werden hier auf ihre Kosten kommen, über 70 Arten sind bereits gezählt worden.

Hongkong: "Country Parks" abseits der Millionenstadt

Affen in einem "Country Park" abseits der Millionenstadt

Doch wie in nahezu allen dicht besiedelten Gegenden der Welt muss auch in Hongkong die Natur immer mehr zurückstecken. Die Insel Lantau im Westen von Hongkong Island ist ein guter Beleg dafür. Sie ist ungefähr doppelt so groß wie die Hauptinsel, doch weitaus dünner besiedelt: Hier kann man an vielen Stellen noch nahezu unberührte Natur erleben.

Doch seit 1998 der neue künstlich aufgeschüttete Großflughafen im Norden der Insel in Betrieb genommen wurde und 2005 auch noch das "Hong Kong Disneyland" auf Lantau eröffnet wurde, ist es mit der Beschaulichkeit vorbei. Seitdem werden auch hier monotone Satellitenstädte hochgezogen.

Die Wirtschaft: höher, größer, mehr

Der Hafen war für Hongkong seit jeher Tor zur Welt, und er ist es auch bis heute geblieben. Schon die Briten sahen in dem sehr gut geschützten Naturhafen den größten Vorteil der Insel.

War es früher der Handel mit Opium, der Hongkong in den Anfangstagen der britischen Herrschaft reich machte, so sind es heute Güter aller Art. Der Containerhafen Hongkongs konkurriert regelmäßig mit dem von Singapur um den Titel des umschlagstärksten Hafens Asiens.

Blick auf ein Containerhafenterminal mit Unmengen von bunten Containern und einigen Lastkränen.

Hongkongs Containerhafen ist einer der größten der Welt

Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sich in Hongkong ein zweites wirtschaftliches Standbein: das Bankenwesen. 1865 wurde mit der "Hong Kong & Shanghai Banking Corporation Ltd." die erste Bank gegründet.

Mittlerweile ist Hongkong zu einem der größten Finanzplätze der Welt geworden. Im Central District tummeln sich Hunderte von Banken, die sich mit dem Bau noch spektakulärerer Wolkenkratzer gegenseitig übertreffen wollen. Die niedrigen Steuern und Zölle sowie die ausgezeichnete Infrastruktur lassen Handel und Finanzwesen weiterhin erblühen.

Die Produktion von billigen Massenwaren, die Hongkong nach dem Zweiten Weltkrieg in aller Welt bekannt machte, ist dagegen stark zurückgegangen. Noch unter britischer Herrschaft wurden die Produktionsstätten ins benachbarte China ausgelagert. Heute wird der Großteil der Billigprodukte in der an Hongkong grenzenden, riesigen Industriestadt Shenzhen hergestellt.

Ein Land, zwei Systeme

Viele Hongkong-Chinesen befürchteten, dass sich ihre Freiheit stark einschränken würde, wenn China 1997 das Kommando über die Stadt übernehmen würde. Doch bereits 1984 hatte der chinesische Staatschef Deng Xiaoping unter der Maxime "Ein Land, zwei Systeme" Hongkong für weitere 50 Jahre wirtschaftliche, innenpolitische, soziale und kulturelle Souveränität versprochen.

Und diese Maxime hat bis heute Bestand. Im Jahr 2003 versuchte die chinesische Regierung zwar, ein umfangreiches Paket an Sicherheits- und Notstandsgesetzen zu verabschieden, musste dieses Vorhaben jedoch nach tagelangen Massendemonstrationen auf den Straßen der Stadt wieder zu den Akten legen.

Auch der vermeintlich dramatische Rückgang der Touristenzahlen verlief weitaus glimpflicher als erwartet. Zwar blieben in der ersten Zeit nach der Rückgabe die japanischen Besucher fast ganz aus, doch die Öffnung der Stadt für chinesische Touristen konnte diesen Einbruch schnell kompensieren.

Mittlerweile besuchen jedes Jahr weit über 20 Millionen Touristen die Stadt. Zum Vergleich: Die mehr als dreimal größere Mittelmeerinsel Mallorca besuchen jedes Jahr etwa zwölf Millionen Urlauber. Und Hongkong unternimmt viel, um diese Zahlen weiter zu steigern. Das auf einem riesigen künstlich aufgeschütteten Areal liegende "Hong Kong Disneyland" verbucht insbesondere Gäste aus China.

Aus Mangel an Platz

Seit jeher ist Hongkong ein begehrtes Ziel für Flüchtlinge und Zuwanderer. Wer sich in der Vergangenheit politische Freiheit oder wirtschaftlichen Erfolg ersehnte, ging nach Hongkong.

Die hohen Einwandererzahlen bestimmten daher spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Wohnungsbaupolitik. Riesige Trabantenstädte mussten gebaut werden, um die Massen an Flüchtlingen vor Mao Zedong und anderen asiatischen Despoten aufnehmen zu können. Hochhäuser mit 50 bis 60 Stockwerken sind dabei die Regel.

Und trotzdem bleibt der Wohnraum knapp. Selbst gut verdienende Normalbürger können sich selten mehr als ein 40 bis 50 Quadratmeter großes Appartement leisten.

Trotz der staatlichen Wohnungsbauprogramme leben immer noch viele Einwohner Hongkongs in Wellblechhütten oder auf Hausbooten. Diese "Boot-Squatter" genannten schwimmenden Siedlungen geben der Stadt zwar ein gewisses Flair, ihre Bewohner leben jedoch meist in sehr armen und unhygienischen Verhältnissen.

Blick auf ein paar Wellblechhütten, die vor vier gleich aussehenden riesigen Hochhäusern stehen.

Traditioneller und moderner sozialer Wohnungsbau

Die Wurzeln sind chinesisch

155 Jahre herrschten die Briten über Hongkong und dennoch hinterließen sie wenig kulturelle Substanz. Die Wurzeln der meisten Einwohner Hongkongs sind chinesisch. Ihre Kultur und Traditionen leben trotz des westlich anmutenden Äußeren der Stadt überall fort.

Da muss beispielsweise ein Stararchitekt wie Sir Norman Foster seinen Wolkenkratzer komplett nach Feng-Shui-Kriterien bauen. Und wenn einem im Bau befindlichen Hochhaus ein schlechtes Feng Shui bescheinigt wird, werden auch schnell mal einige Stockwerke wieder abgerissen.

Im Gesundheitswesen dominiert die traditionelle chinesische Medizin, in der Kultur das chinesische Theater und die chinesische Oper. Das ganze Alltagsleben ist auf die richtige Deutung der chinesischen Tierkreiszeichen und die chinesische Zahlenphilosophie ausgerichtet.

So werden zum Beispiel ohne mit der Wimper zu zucken Millionen von Dollar für die richtige Zahlenkombination auf dem Autonummernschild hingeblättert – wenn man es sich denn leisten kann.

Aufnahme von unten auf einen großen orangefarbenen Papierdrachen vor der Kulisse von modernen Hochhäusern.

Die Tradition bestimmt den Alltag

Weiterführende Infos

Stand: 26.07.2019, 09:00

Darstellung: