Der Arabische Frühling: Aufbruch und zerstörte Hoffnungen

Nachtaufnahme eines großen Platzes gefüllt mit Demonstranten, ringsherum Hochhäuser

Kairo

Der Arabische Frühling: Aufbruch und zerstörte Hoffnungen

Von Kerstin Hilt

2011 wird Kairos Tahrir-Platz zum Zentrum der Revolution. In der ganzen arabischen Welt gehen die Menschen gegen Despotie, Korruption und Armut auf die Straße. Der Arabische Frühling weckt die Hoffnung auf mehr Demokratie. Erfüllt hat sie sich seitdem kaum.

Ägypten steht auf

Midan at-Tahrir: auf deutsch heißt das "Platz der Befreiung". An seiner Nordseite befindet sich das ägyptische Nationalmuseum, südöstlich von ihm Parlament und Präsidentenpalast.

Dort residiert 2011 noch Hosni Mubarak – seit 29 Jahren. Ein Autokrat, der Oppositionsgruppen unterdrückt und mithilfe von Polizei, Geheimdiensten und der Armee sein Volk einschüchtert. Vom Westen wird er unterstützt. Denn außenpolitisch agiert Mubarak berechenbar – das ist seinen Bündnispartnern wichtiger als die Lage im Land selbst.

Die Ägypter aber sind seine Herrschaft leid. Im Internet hat sich eine Gegenöffentlichkeit zusammengefunden – über Blogs, über Facebook und Twitter. Am 25. Januar kommt es auf dem Tahrir-Platz zur ersten großen Demonstration.

Jörg Armbruster arbeitet damals in Kairo als ARD-Korrespondent für Ägypten und die arabische Welt. "Es war eine unglaubliche Aufbruchsstimmung", erinnert er sich rund zehn Jahre später, "eine traumhafte Zeit. Alle haben mitgemacht, unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Hintergrund. Die Älteren brachten den Jüngeren, die tagelang dort ausharrten, Decken und Lebensmittel. Und auch junge Frauen waren dort, haben mit demonstriert – und die Männer dazu angehalten, den Platz während der ganzen Zeit bitteschön sauber zu halten."

Mehrere Dutzend Demonstranten auf Kairos Tahrir-Platz, alte und junge, Frauen und Männer, lachen in die Kamera oder zeigen das Victory-Zeichen

Der Widerstand gegen das Regime bringt ganz Kairo zusammen

Erste Proteste in Tunesien

Der Arabische Frühling beginnt im Winter, in Tunesien. Am 17. Dezember 2010 verbrennt sich der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi selbst. Auf den Straßen der Provinzstadt Sidi Bouzid hat er jeden Tag aufs Neue versucht, mit seinem kleinen Karren seine Ware an den Mann zu bringen, ständig schikaniert von Vertretern der korrupten Polizei.

Seine Verzweiflungstat: ein Aufschrei gegen die Armut, aber auch gegen Filz und Gängelung durch die Autoritäten. Und sie wird zum Funken, der einen Flächenbrand entzündet.

Nach wochenlangen Unruhen mit insgesamt 78 Toten stellt sich das tunesische Militär schließlich auf die Seite der Demonstranten. Am 14. Januar 2011 verlässt der seit 23 Jahren regierende Autokrat Ben Ali fluchtartig das Land. Eine Übergangsregierung übernimmt, an der auch die Opposition beteiligt ist; Neuwahlen werden angekündigt. Ein Erfolg, der die ganze Region elektrisiert.

Eine Menge von Demonstranten – einer davon reckt das Bild eines jungen Mannes in die Höhe

Die tunesischen Demonstranten verehren Mohamed Bouazizi als Märtyrer

In Kairo sind es die zornigen jungen Leute, die Studierenden, die den Protest antreiben. Über Wochen besetzen sie den Tahrir-Platz und lassen sich auch nicht vertreiben, als die Polizei mit Gummigeschossen, Tränengas, ja sogar mit scharfer Munition anrückt. Ihre Forderung: Präsident Mubarak soll zurücktreten.

Mubaraks Rücktritt

Für den Abend des 10. Februars 2011 kündigt Mubarak eine Rede an, sie soll live auf eine Großbildleinwand am Tahrir-Platz übertragen werden. Ist das sein politisches Ende? Noch nicht. Mubarak versichert vielmehr, sich dem Druck nicht beugen zu wollen. Im Hintergrund allerdings hat ihn das mächtige Militär längst fallengelassen und damit sein Schicksal besiegelt.

Am Tag darauf, dem 11. Februar, sind wieder Zehntausende in Kairo auf den Straßen. Jörg Armbruster steht auf dem Balkon des ARD-Studios und führt für die "Tagesschau" ein Schaltgespräch nach dem anderen.

"Ich hatte mit meinem Kollegen hinter der Kamera eine Geste ausgemacht. Mit ihr sollte er mir signalisieren, wenn Mubarak doch zurücktritt", erzählt er. "Da brandete auf einmal in der ganzen Stadt Jubel auf. Damit war die Sache klar."

Ein historischer Moment, live übertragen im deutschen Fernsehen. Fast zehn Minuten lang bleibt Armbruster auf Sendung, lässt den Kameramann immer wieder hinunterschwenken zur jubelnden Menge unten auf der Straße. "Das hat wahnsinnig Spaß gemacht."

Zwischen Erfolg und Bürgerkrieg

Mit dem Sturz von Mubarak in Ägypten und zuvor von Ben Ali in Tunesien schöpfen auch Oppositionelle in anderen arabischen Ländern Hoffnung. Doch die politische Lage ist in jedem Staat anders. An der Spitze der Monarchien Marokko und Jordanien etwa stehen keine autoritären Präsidenten, sondern zwei Könige, die trotz aller Vorwürfe Respekt genießen.

Beiden gelingt es, die Demonstranten mit von oben angestoßenen Verfassungsreformen zu besänftigen. Die wirtschaftlichen Probleme ihrer Länder – Massenarbeitslosigkeit, ein wachsendes Gefälle zwischen Stadt und Land, fehlende Perspektiven für die junge Generation – können sie damit aber nicht lösen. Immer wieder werden in den kommenden Jahren Proteste aufflammen.

Andere Länder stürzen dagegen ins Chaos. "Überall dort, wo es größere Einmischung von außen gab, hatten die Proteste bald keine Chance mehr", bilanziert der ehemalige ARD-Korrespondent Armbruster.

In Libyen etwa eskaliert der Aufstand zum Bürgerkrieg, schnell greift auch der Westen ein. Mit einem Militäreinsatz unter Führung Frankreichs, Großbritanniens und der USA sollen jene Kräfte gestärkt werden, die den langjährigen Machthaber Muammar al-Gaddafi zum Aufgeben zwingen wollen. "Allerdings hatte man im Westen keinerlei Vorstellung davon, was nach ihm kommen sollte. Das war ein großer Fehler", so Armbruster. Gaddafi flüchtet und wird am 20. Oktober 2011 unter nicht eindeutig geklärten Umständen getötet.

Muammar al-Gaddafi – weißer Kaftan, bunte Schärpe, schwarze Kappe – vor Mikrofonen und einer Flagge der Afrikanischen Union

Libyens langjähriger Machthaber Muammar al-Gaddafi wird 2011 getötet

Im Jemen entwickeln sich die Aufstände zunehmend zu einem Stellvertreterkrieg der beiden konkurrierenden Regionalmächte Iran und Saudi-Arabien. In Syrien wiederum klammert sich Präsident Baschar al-Assad von der seit Jahrzehnten regierenden Baath-Partei an die Machtund provoziert damit einen Bürgerkrieg, in dessen Verlauf er nicht einmal vor dem Einsatz von Giftgas zurückschrecken wird.

Bald kämpfen auch die Milizen der Terrororganisation "Islamischer Staat" um die Vorherrschaft im Land und erklären die blutigen Auseinandersetzungen zum "Heiligen Krieg". Mehr als sechs Millionen Syrer flüchten in den kommenden Jahren aus ihrer Heimat.

Die Stadt Asas in Syrien liegt in Trümmern.

Der Bürgerkrieg in Syrien zwingt Hunderttausende zur Flucht

Eine Chance für die Demokratie?

Auf die gesamte arabische Welt gesehen, ist selbst Jahre später die Bilanz ernüchternd. Am ehesten ist der demokratische Wandel in Tunesien gelungen. Dort gibt es freie Wahlen und eine demokratische Verfassung. "Tonangebend sind aber immer noch die alten Eliten", schränkt Jörg Armbruster ein. "Die Korruption bleibt ein großes Problem."

In Ägypten dagegen bereitete 2013 das Militär dem demokratischen Experiment ein brutales Ende. Während des Arabischen Frühlings hatten die Generäle Mubarak mit verjagt; an einem wirklichen Systemwechsel waren sie aber gar nicht interessiert.

Der Militärratschef und spätere Präsident Abdel Fatah El-Sisi putschte die Armee zurück an die Macht und ließ unter den Anhängern des ersten demokratisch gewählten Präsidenten Mohammed Mursi von der Muslimbruderschaft ein Blutbad anrichten.

Trotzdem: Gerade für die junge Generation ist der Traum von der Demokratie bis heute nicht ausgeträumt. Und anders als im überalterten Westen ist die Bevölkerung in der arabischen Welt mehrheitlich jung: Mehr als die Hälfte der Ägypter ist unter 25 Jahre alt. Ex-Korrespondent Armbruster ist sich sicher: "Wenn es wieder Proteste geben wird, dann werden sie von den jungen Leuten ausgehen."

Studien zeigten, dass diese auch die Treiber einer gesellschaftlichen und religiösen Modernisierung seien. Viele von ihnen sprächen sich etwa dafür aus, dass Religion durchaus im Privatleben, aber nicht in der Politik etwas zu suchen habe – oder dass Frauen und Männer gleichberechtigt sein sollten.

"Der Tahrir-Platz wird irgendwann erneut Schauplatz eines Aufstands werden", das höre er von seinen ägyptischen Bekannten immer wieder, so Jörg Armbruster. "Sie sagen aber auch: Ohne Blutvergießen wird das nicht gehen." Ohnehin werde eine solche Demokratie wohl nie ganz den Vorstellungen des Westens entsprechen. 

Dabei dürfe man allerdings nicht vergessen, dass auch Deutschland lange um eine stabile Demokratie habe ringen müssen: "Da sehe ich absolut keinen Grund für Arroganz gegenüber der arabischen Welt", mahnt Armbruster. "Eher für Verständnis – und Respekt."

Junge Männer schießen auf einer Brücke in Kairo ein Erinnerungsfoto

Arabische Jugendliche sehnen sich nach Freiheit und mehr Chancen

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WDR | Stand: 16.12.2020, 11:40

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