Konflikte in Nord und Süd

Ein junger Afrikaner lehnt seinen Kopf an einen Drahtzaun.

Marokko

Konflikte in Nord und Süd

Wenn Touristen sich aufmachen Marokko zu entdecken, sehen sie nur sonnige Strände und beeindruckende Stadtpanoramen. Von der Armut und den politischen Konflikten des Landes sehen sie wenig. Aber auch diese Schattenseiten prägen das Land enorm.

Flüchtlingswellen stürmen die Enklaven Melilla und Ceuta

Ein Problemherd des Landes ist die Grenze zu den spanischen Enklaven Melilla und Ceuta. Seit Jahrzehnten streiten sich Marokko und Spanien um die an der afrikanischen Mittelmeerküste gelegenen Städte. Sie sind schon seit dem 15. Jahrhundert in europäischem Besitz. In den Fokus der Weltöffentlichkeit gelangten Melilla und Ceuta, als im Jahr 2005 tausende afrikanische Flüchtlinge versuchten die Grenzanlagen zu überwinden, um auf spanisches Territorium zu gelangen.

Doch bei den Flüchtlingen handelte es sich keineswegs um Marokkaner. Es waren Schwarzafrikaner aus Kamerun, Nigeria oder Mali, die ihre Heimat aus Angst vor Krieg oder bitterer Armut verließen. In quälenden Fußmärschen hatten sie die Sahara durchquert und wollten sich so kurz vor ihrem Ziel auch nicht von Stacheldraht und Grenzpatrouillen aufhalten lassen.

Auf dem Bild ist eine Grenzanlage mit hohen Stacheldrahtzäunen und Soldaten zu sehen.

Grenze zu der spanischen Enklave Melilla

Für wenige Tage drohten Melilla und Ceuta unter dem Druck der Flüchtlingswelle zusammenzubrechen, doch am Ende konnten nur wenige die Sicherheitsanlagen überwinden. Und auch diese Glücklichen erwartete nach einem kurzen Aufenthalt in den Auffanglagern der Spanier nur die Abschiebung.

Auch heute noch versuchen viele Schwarzafrikaner von Marokko aus in die beiden spanischen Exklaven zu gelangen. Sie kommen aus halb Afrika und hoffen, hinter den Stacheldrahtzäunen den sagenumwobenen Wohlstand Europas zu finden. Doch ihre Chancen sind sogar noch schlechter, als sie es 2005 waren.

Als Reaktion auf die damaligen Ereignisse hat die spanische Regierung die ohnehin schon umfangreichen Sicherheitsanlagen um Ceuta und Melilla noch weiter verstärkt. Sechs Meter hohe Stacheldrahtzäune und moderne Sicherheitstechnologie machen das Überwinden der Grenze fast unmöglich. Auffanglager, noch auf marokkanischem Boden, sollen die Flüchtlingsmassen aufnehmen, bevor sie spanischen Boden betreten. Doch auch Marokko will die Flüchtlinge nicht haben und fühlt sich von den Spaniern beim Umgang mit den Schwarzafrikanern im Stich gelassen.

Der Westsahara-Konflikt: von der Kolonie zur Besatzungsmacht

Kämpfer der algerischen Armee.

Algerien unterstützt die "Polisario" mit Waffen

Noch vor knapp 50 Jahren war Marokko eine Kolonie der Franzosen und kämpfte um seine Unabhängigkeit. Doch schon wenige Jahre nach seiner Souveränität trat Marokko durch seine Politik in der Westsahara selbst als Besatzer auf. Ein Konflikt, der in Europa schon fast vergessen ist, dessen Lösung aber noch auf sich warten lässt.

Die Auseinandersetzung begann 1975, als Spanien sich aus seiner Kolonie Westsahara zurückzog. Sofort teilten die beiden Nachbarstaaten Mauretanien und Marokko das Gebiet unter sich auf, mit Billigung der ehemaligen Kolonialmacht – aber ohne Rücksichtnahme auf die Interessen der einheimischen Sahraoui. Angeführt durch die Befreiungsfront "Polisario" riefen die Sahraoui ihre eigene "Demokratische Arabische Republik Sahara" aus.

Es folgte ein jahrelanger blutiger Guerillakrieg, bei dem die "Polisario" massiv von Algerien unterstützt wurde. Als Mauretanien 1979 seinen Teil der Westsahara räumte und an die "Polisario" übergab, wurde auch dieses Gebiet kurz danach von Marokko besetzt. Erneute kriegerische Auseinandersetzungen waren die Folge.

Karte von Nordwestafrika, auf der Marokko und die Westsahara hervorgehoben sind.

Seit 1979 hält Marokko die Westsahara besetzt

Nachdem die Demokratische Arabische Republik Sahara 1980 von der Afrikanischen Union als Mitglied aufgenommen wurde, verließ Marokko 1985 das Bündnis. Die Gründe Marokkos für dieses unnachgiebige Verhalten der "Polisario" gegenüber sind vor allem in den Bodenschätzen des ansonsten kargen Landes zu sehen. Besonders wichtig sind hierbei die Phosphatvorkommen, aber auch Erdöl und -gas werden in den sandigen Böden vermutet.

Verhärtete Fronten

Als 1991 durch die Uno ein Waffenstillstand vermittelt werden konnte, waren die Hoffnungen der "Polisario" auf ihren eigenen Staat groß. Eine Volksabstimmung sollte den Status der Westsahara endgültig entscheiden. Doch bis heute wurde dieses Referendum nicht durchgeführt.

Währenddessen lebt ein großer Teil der Sahraoui in algerischen Flüchtlingslagern. Der Krieg hat sie dorthin vertrieben. Obwohl Marokko keinen völkerrechtlichen Anspruch auf die Gebiete hat, schickt es seit Jahrzehnten eigene Landsleute in die Westsahara, um sie wieder zu besiedeln.

Ein Kämpfer der Polsarion reitet auf einem Kamel

Die "Polisario" glaubt weiter an die Unabhängigkeit

Auf offiziellen marokkanischen Karten findet sich kein Hinweis auf die Grenze, die sonst überall auf der Welt eingetragen ist. 2001 ging Marokko sogar so weit, ausländischen Konzernen Konzessionen zum Abbau von Erdöl, Erdgas und Phosphor in der Westsahara zu erteilen. Die "Polisario" kann solchen Aktionen kaum etwas entgegensetzen, ohne einen erneuten Krieg zu riskieren.

Kaum jemand glaubt noch, dass Marokko eines Tages freiwillig aus dem Gebiet abziehen wird. Das im Moment wahrscheinlichste Szenario zur Lösung des Konflikts ist eine autonome Provinz Westsahara innerhalb des Staates Marokko.

Autorin: Katrin Tonndorf

Weiterführende Infos

Stand: 23.08.2016, 10:00

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