Geschichte Marokkos

Im Vordergrund ist eine Oasenlandschaft zu sehen. Dahinter türmt sich eine Stadt am Fuße eines Bergs auf.

Marokko

Geschichte Marokkos

Von Katrin Tonndorf und Kerstin Hilt

Marokko besitzt eine eindrucksvolle Kultur und Geschichte. Sie erzählt von kriegerischen Berberstämmen, römischen Legionären und arabischen Eroberern.

Von Berbern und Arabern

Jedes Land wird durch die Menschen geprägt, die in ihm leben. Bauern, Händler, Philosophen und Herrscher tragen alle auf ihre Weise dazu bei, eine Kultur zu formen. Auf dem Boden des heutigen Marokkos haben sich zahlreiche Kulturen über die Jahrhunderte vermischt und gegenseitig beeinflusst.

Die ursprüngliche Bevölkerung Marokkos sind die Berber. Traditionell lebten sie als sesshafte Bauern oder ziehende Nomaden. Ihre aus Lehm gebauten Dörfer und Schutzburgen im Hohen Atlas, einer Gebirgskette im Süden des Landes, haben die Fantasie so manchen Besuchers angeregt.

So ist die Kulisse des Dorfes Ksar Aït Ben Haddou genau das, was sich Europäer vorstellen, wenn sie an den Orient zu biblischen Zeiten denken. Kein Wunder, dass auch Hollywood diese Landschaft entdeckt hat. Hier wurden unter anderem Szenen zu den Filmen "Alexander", "Gladiator" und "Königreich der Himmel" gedreht.

Berber mit Kamel.

Berber mit Kamel

Einzug des Islams

Schon Phönizier, Karthager und Römer hatten an den Küsten Marokkos Kolonien und Handelsstützpunkte errichtet. Im Rahmen der Ausbreitung des Islams im achten Jahrhundert eroberten arabische Truppen die Region. Sie waren von nun an die wichtigste Kraft für die kulturelle Entwicklung des Landes. Ihre Paläste und Moscheen gehören heute zu den imposantesten Bauten Marokkos.

Auch wenn die Berber im Landesinneren ihre kulturelle Identität weitgehend behaupten konnten, so haben die Araber ihnen doch den Islam gebracht, zu dem sich heute mehr als 97 Prozent der Marokkaner bekennen.

Die marokkanische Bevölkerung besteht heute zu etwa einem Drittel aus Berbern. Unterteilt in etwa 300 Stammesgruppen, siedeln sie vor allem in den gebirgigen Regionen des Hohen und Mittleren Atlas sowie des Riffgebirges. Dazu kommt noch ein weiteres Drittel arabischer Berber. Diese leben in den Städten des Nordens. Sie haben sich über die Jahrhunderte mit der eingewanderten arabischen Bevölkerung vermischt und deren Kultur und Sprache weitgehend übernommen.

Außerdem gibt es noch einen kleinen Anteil Araber sowie die Haratin. Sie sind Nachfahren von Sklaven oder Söldnern, die seit dem 11. Jahrhundert aus anderen afrikanischen Ländern nach Marokko kamen.

Ruinen eines römischen Bauwerks.

Die Ruinen der römischen Provinzstadt Volubilis

Marokko als Spielball der Kolonialmächte

Schon im 15. Jahrhundert hatten Spanier und Portugiesen begonnen, kleinere Niederlassungen an der marokkanischen Küste zu gründen. Doch erst mit Aufkommen des Imperialismus im 19. Jahrhundert begannen verschiedene europäische Mächte mit gierigen Blicken auf das nordafrikanische Land zu schauen.

Sowohl Frankreich, Spanien, Großbritannien als auch das Deutsche Reich versuchten ihre Interessen in Afrika zu sichern. Von 1899 bis 1914 unterhielt das deutsche Kaiserreich in verschiedenen Städten des Landes sogar eigene Poststationen, in denen deutsche Briefmarken ausgegeben wurden. Doch auch mit solchen Vorstößen konnte das Deutsche Reich nicht verhindern, dass Frankreich seine Vormachtstellung in Marokko weiter ausbaute.

Eine in diesem Zusammenhang nennenswerte Fußnote der Geschichte ist der sogenannte "Panthersprung nach Agadir". Provoziert durch die französische Besetzung von Fès und Rabat, entsandte das Deutsche Reich sein Kanonenboot "Panther" an die Küste von Agadir. Die Franzosen sollten unter der Androhung militärischer Gewalt zu Zugeständnissen genötigt werden. Ein Vorgehen, das die Welt schon 1911 an den Rand des Ersten Weltkriegs führte und das Deutsche Reich außenpolitisch isolierte.

Am Ende konnten die Deutschen nur zuschauen, wie Frankreich Zentralmarokko unter seine Herrschaft brachte und Spanien sich die Mittelmeerküste einverleibte. In beiden Gebieten erhoben sich sowohl Araber als auch Berber, um gegen die europäische Fremdherrschaft zu kämpfen. Diese Aufstände wurden blutig niedergeschlagen. Erst 1956 erlangte das Land seine Unabhängigkeit zurück.

Eine Karikatur nimmt die Marokko-Krise von 1911 aufs Korn. Geier, die Deutschland, Großbritannien und England darstellen, kreisen begierig um das Kamel Marokko.

1911 ist Marokko in Deutschland ein großes Thema

Von der Fremdherrschaft zum Königreich

Nach der hart erkämpften Unabhängigkeit nahm Sultan Mohammed V. 1956 den Königstitel an. Er hatte schon 1947 die Unabhängigkeit seines Landes gefordert und musste daraufhin mehrere Jahre das Land verlassen. In seinen Reden sprach er von der Demokratisierung Marokkos, doch war das Land für diese neuen Ideen noch nicht bereit.

Als Mohammed V. 1961 starb, übernahm sein Sohn Hassan die Regierungsgeschäfte. Er schwang sich zum eigentlichen Lenker des Staates auf, ließ sich weitreichende Befugnisse durch das Parlament zusichern und ging mit harter Hand gegen oppositionelle Kräfte vor. Eine Machtfülle, wie sie europäische Monarchen im 20. Jahrhundert längst nicht mehr kannten.

Als Hassan 1999 starb, war das Echo geteilt. Die einen sahen in ihm einen machtbesessenen Despoten und Kriegstreiber. Andere trauerten um einen Mann, der der den an vielen Stellen von Armut geprägten Agrarstaat Marokko in ein modernes Land mit wachsendem Industrie- und Dienstleistungssektor verwandelt hatte.

1999 folgte ihm sein Sohn Mohammed VI. auf den Thron und führte weitreichende wirtschaftliche und demokratische Reformen durch.

König Mohammed V. von Marokko

König Mohammed V. von Marokko

Marokko im Arabischen Frühling

Doch 2011, während des Arabischen Frühlings, waren diese Reformen den Marokkanern nicht mehr genug. Von Tunesien breitete sich durch die ganze arabische Welt eine Protestwelle aus: Demonstranten forderten mehr Demokratie und Menschenrechte, ein Ende der weitverbreiteten Korruption, eine entschiedenere Bekämpfung der Armut.

In Tunesien und Ägypten fegten die Proteste die autoritären Präsidenten hinweg. Marokkos König Mohammed VI. jedoch gelang es, die Demonstranten zu besänftigen. Denn traditionell empfinden viele Marokkaner ihren König als überparteiliche Instanz, die das ethnisch, geografisch und sozial vielschichtige Land zusammenhält.

Mit einer Verfassungsreform stärkte Mohammed VI. 2011 die Gewaltenteilung und schränkte seine eigene Macht ein, blieb aber weiterhin der starke Mann im Staat. Doch der Armut im Land, allen voran der hohen Jugendarbeitslosigkeit, wurde er dadurch nicht Herr.

Viele junge Menschen können sich eine Zukunft in ihrer Heimat nicht mehr vorstellen und sehen eine Flucht nach Europa als möglichen Ausweg. Auch die Korruption in Staat und Wirtschaft bleibt ein Problem.

Seit 2016 flammen deshalb immer wieder neue Proteste auf. Anders als während des Arabischen Frühlings greift die marokkanische Polizei inzwischen meist hart durch. Der gesellschaftliche Frieden im Land bleibt brüchig.

Demonstranten mit marokkanischer Flagge am "Tag des Stolzes" in Casablanca 2011

Auch am "Tag des Stolzes" in Casablanca demonstrierten 2011 Tausende Marokkaner

WDR | Stand: 26.10.2020, 10:55

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