Persönlichkeiten der Wiener Moderne

Porträtfoto Gustav Klimts: rundlicher Mann mit Vollbart und kurzen Locken.

Wien

Persönlichkeiten der Wiener Moderne

Die Jahre um 1900 waren für Wien eine sehr widersprüchliche Zeit. Nach außen hin zeigte sich die Monarchie in ungebrochenem Pomp. Gleichzeitig strömten so viele Menschen nach Wien wie nie zuvor – darunter auch viele Juden aus dem Osten des Landes, ohne die das kulturelle Leben der Stadt bald nicht mehr vorstellbar war. Das Interesse der Wiener an Kunst und schönem Schein tat ein Übriges, um die aufbegehrenden Jungliteraten, Maler und Denker zu Taktgebern des städtischen Lebens zu machen: Durch Wien wehte der Geist des Aufbruchs und der Avantgarde.


Der Secessionist: Gustav Klimt (1862-1918)

Dass Gustav Klimt lange Zeit als bloß dekorativer Gebrauchskünstler geschmäht wurde, mag an seiner Herkunft liegen: Er wurde als Sohn eines Gold- und Silbergraveurs in einem Wiener Vorort geboren. Längst zu Ruhm und Ehren gelangt, widmete er sich noch immer lieber Wandbildern, Plakaten und Zeitschriften-Illustrationen statt seinen Gemälden.

1897 gründete er mit einigen Mitstreitern die Secession, eine Abspaltung vom Wiener Künstlerhaus: Sie propagierten die Abkehr von historischen Stilvorbildern und der Symmetrie, bevorzugten stattdessen frei geschwungene Linien und die naturhafte Ornamentik des Jugendstils.

Berühmt wurde die von Klimt mitinitiierte Beethoven-Ausstellung der Secession von 1902: Sein Beethoven-Fries, besonders die Darstellung der "sündhaften Leidenschaften", sorgte in der Stadt für hitzige Diskussionen. Viele hielten Klimt von da an für einen skandalösen Schandmaler.

Tatsächlich waren Klimts zahlreiche Frauenbildnisse mit ihrer offenen Zurschaustellung von Nacktheit und untergründiger Erotik für die Zeit höchst ungewöhnlich – und ebenso Klimts Lebensweise: Mit seiner Partnerin Emilie Flöge unterhielt er eine rein platonische Beziehung.

Aus den Verhältnissen mit seinen Modellen sollen dagegen mindestens 14 uneheliche Kinder hervorgegangen sein. Keiner dürfte den Frauentypus der Femme fatale suggestiver ins Bild gesetzt haben als Klimt: Seine Gestalten wirken lasziv und verführerisch, manchmal geradezu wie Rachegöttinnen von antiker Statur.

An dem Gemälde "Adele Bloch-Bauer I", das Porträt einer reichen Unternehmergattin, lässt sich besonders gut die Modernität Klimts veranschaulichen: Realistisch dargestellt sind nur Adele Bloch-Bauers Gesicht und Hände.

Der Rest des Bildes wird von kaleidoskopartigen Ornamenten überwuchert, die kaum noch ihrem Kleid oder ihrem Sessel zuzuordnen sind – das Gemälde steht gleichsam auf der Schwelle vom Realismus zur Abstraktion. Durch die großflächig aufgetragenen Blattgold-Auflagen hat Klimt bewusst auf die Raumwirkung des Bildes verzichtet.

Gemälde von Gustav Klimt: Eine verführerische dunkelhaarige Frau mit einem reich verzierten Kleid vor goldenem Hintergrund.

Adele Bloch-Bauer I - Gemälde von 1907

Just dieses Gemälde hat Klimt in den letzten Jahren auch wieder groß in die Schlagzeilen gebracht. 2006 ersteigerte es der Unternehmer Ronald S. Lauder für 135 Millionen US-Dollar – damit war es für einige Monate das teuerste Bild der Welt.

Bereits davor hatte es für Wirbel gesorgt: Nach einem viel beachteten Prozess wurde das Porträt 2005 gegen den Willen der österreichischen Regierung an die Bloch-Bauers zurückgegeben. Wegen ihrer jüdischen Herkunft war die Familie während der Nazi-Zeit enteignet worden.

Der Entdecker des Unbewussten: Sigmund Freud (1856-1939)

Anders als Klimt ist Freud ein klassischer "Zugereister": Geboren wurde er nicht in Wien, sondern im mährischen Freiberg. Sein Vater, ein verarmter Wollhändler, zog mit der Familie nach Wien, als der kleine Sigmund vier Jahre alt war.

Kindheit und Jugend verbrachte er im zweiten Bezirk, der Leopoldstadt – einem damals eher ärmlichen Viertel, in dem viele zugewanderte Juden wohnten. Es muss eine Kindheit mit nicht wenigen Demütigungen gewesen sein, denn Zeit seines Lebens war Freud, wie er selbst bekannte, die Anerkennung der Gesellschaft sehr wichtig.

Sein Bild für die Nachwelt retuschierte er bereits zu Lebzeiten: So soll sein Hauptwerk, die "Traumdeutung", zwar schon 1899 in Druck gegangen sein; gleichwohl datierte es Freud auf 1900 – wie es einer epochalen Schrift gebührt.

Porträtbild Freuds: weißhaariger, bärtiger Mann mit Nickelbrille, feinem Anzug und einer Zigarre in der Hand.

Nicht ohne meine Zigarre: Freud 1926

Freuds wichtigste Entdeckung mag heute gelangweilt zur Kenntnis genommen werden, damals jedoch war sie revolutionär: Der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus, sondern wird unterschwellig von seinen Begierden, Ängsten und Traumata gesteuert – mit einem Wort: vom Unbewussten.

Freud zählte seine Entdeckung zu den drei großen Kränkungen der Menschheitsgeschichte – nach Kopernikus' Lehre, dass die Erde nicht Mittelpunkt des Universums sei, sowie nach Darwins These, der Mensch sei nicht als Gottes Ebenbild geschaffen worden, sondern entstamme dem Tierreich.

Laut Freud besteht die menschliche Psyche aus drei Instanzen: dem Es, Ort der Triebe, Bedürfnisse und Affekte; dem Über-Ich, einer moralischen Instanz, die stark von den Wertvorstellungen der Eltern und des gesellschaftlichen Umfelds geprägt wird; und schließlich dem Ich, das als kritischer Verstand zwischen den beiden anderen Instanzen zu vermitteln sucht.

Als praktizierender Therapeut entwickelte Freud die Methode der Psychoanalyse: Dabei soll der Patient alle innere Zensur ablegen und seinen Assoziationen freien Lauf lassen, um so versteckte Kindheitstraumata und verdrängte Wünsche aufzuspüren. Zur besseren Entspannung platzierte Freud seine Patienten dafür auf der berühmt gewordenen Couch.

Eine mit einem Orientteppich bedeckte Liege mit mehreren Kissen, dahinter ein grüner Sessel für den Analytiker.

Freuds Couch in seiner Londoner Praxis

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich floh Freud 1938 nach London und starb dort ein Jahr später. Vier seiner fünf Schwestern blieben in Wien zurück und wurden in Konzentrationslagern ermordet. Obwohl viele seiner Thesen heute umstritten sind, gilt Freud noch immer als Begründer der modernen Psychoanalyse.

Der Skandaldichter: Arthur Schnitzler (1861-1932)

Was Freud in geheimen Therapiesitzungen erfahren haben mag, zerrte Arthur Schnitzler rücksichtslos auf die Bühne. In seinem Skandalstück "Der Reigen", geschrieben zwischen 1896 und 1897, sind zehn Figuren auf der Suche nach dem schnellen Seitensprung oder auch dem kleinen Glück – und kollidieren dabei notwendigerweise mit den Tabus der Gesellschaft.

Der junge Herr vertreibt sich die Zeit mit seinem Stubenmädchen, der Ehemann mit dem "süßen Mädel" aus der Vorstadt, der Graf mit einer Dirne. Erst 1920 wurde das Drama in Berlin uraufgeführt – und sogleich verboten.

In Wien brachte es seinem Autor sogar eine (allerdings erfolglose) Klage ein. Am Rande der Vorstellungen kam es regelmäßig zu antisemitischen Ausschreitungen, der spätere österreichische Bundeskanzler Seipel diffamierte es als "Schmutzstück aus jüdischer Feder".

Ein Mann mit länglichem Bart sitzt auf einem Stuhl

Arthur Schnitzler um 1900

Schnitzlers Vater war dagegen als berühmter Fachmann für Kehlkopferkrankungen in Wien höchst respektiert gewesen. Auch Schnitzler praktizierte zunächst als Arzt, unter anderem bei der österreichischen Armee.

Auf diese Zeit geht auch seine Novelle "Leutnant Gustl" von 1900 zurück, in der er den überzogenen Ehrenkodex des k.u.k.-Militärs (kaiserlich und königlich) anprangert.

Nach ihrem Erscheinen wurde Schnitzler der Offiziersrang als Oberarzt der Reserve aberkannt. Später stimmte Schnitzler auch nicht in die allgemeine Begeisterung zu Beginn des Ersten Weltkriegs ein – was ihn von vielen Schriftstellern seiner Zeit unterschied.

Auch privat hielt sich Schnitzler nicht an die ungeschriebenen Gesetze der Wiener Gesellschaft. Die Schauspielerin Olga Gussmann heiratete er erst, als der gemeinsame Sohn bereits ein Jahr alt war. Nach der Trennung des Paars zog er die Kinder alleine groß.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in zunehmender Vereinsamung. Wie es scheint, hat sich an ihm einmal mehr die bösartige Behauptung bewahrheitet, dass sich in Wien der Ruhm erst als Nachruhm erfüllt.

Den - zumindest in Cineastenkreisen – endgültigen Ritterschlag erfuhr Schnitzler vor gar nicht allzu langer Zeit: 1999 wählte Star-Regisseur Stanley Kubrick Schnitzlers "Traumnovelle" als Vorlage für seinen letzten Kinofilm "Eyes Wide Shut". In den Hauptrollen: Nicole Kidman und Tom Cruise.

Autorin: Kerstin Hilt

Weiterführende Infos

Stand: 27.08.2017, 16:19

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