Tschechien

Menschenmenge mit tschechischer Nationalflagge.

Mitteleuropa

Tschechien

Noch nicht lange dürfen die Tschechen selbst über ihr Schicksal bestimmen. Über Jahrhunderte gaben zwischen Böhmerwald, Karpaten und Riesengebirge fremde Mächte den Ton an – Deutschland, Österreich-Ungarn oder die Sowjetunion. Besonders mit den Deutschen verbindet Tschechien eine sehr lange und teils sehr leidvolle Geschichte. Erst seit der Abspaltung von der Slowakei 1993 haben die Tschechen ihren eigenen Staat, der im Herzen Europas liegt und seit 2004 auch Mitglied der Europäischen Union ist.

Böhmens Aufstieg zum Königreich

Der slawische Stamm der Tschechen kam zwar schon zwischen dem 5. und 6. Jahrhundert in das Gebiet der heutigen Tschechischen Republik. Doch den offiziellen Namen Tschechien erhielt die Region erst mehr als tausend Jahre später, zuvor waren die Namen Böhmen und Mähren gebräuchlich.

Zum ersten Mal als gemeinsames Volk traten die Tschechen ab Ende des 9. Jahrhunderts in Erscheinung, als das Geschlecht der Premysliden gut 400 Jahre lang über Böhmen herrschte. Unter seiner Herrschaft gewannen Böhmen und Mähren zunehmend an Bedeutung, mit Wratislaw II. bestieg 1085 der erste böhmische König den Thron.

Seine größte Ausdehnung erreichte das Königreich Böhmen unter der Herrschaft Ottokars II. (1253-1278). Es umfasste zu dieser Zeit neben Böhmen und Mähren auch die Herzogtümer Österreich, Kärnten und Steiermark.

Goldene Zeit unter Karl IV.

Buchmalerei: Kaiser Karl IV. mit Bischöfen.

Auszug aus der Goldenen Bulle Karls IV.

Als 1306 mit Wenzel III. der letzte Premyslide ermordet wurde, begann für Böhmen und Mähren eine lange Zeit der Fremdherrschaft. Zunächst bestieg Johann von Luxemburg den Thron. Sein Sohn, der deutsche König Karl IV., folgte ihm 1346 nach und sollte unbewusst zum Stifter des späteren tschechischen Nationalbewusstseins werden. Durch sein Reformdokument der "Goldenen Bulle" erlangte Böhmen eine bis dahin unerreichte politische Bedeutung.

Die Bestimmungen der Bulle machten das Land bei der deutschen Königswahl zum Zünglein an der Waage. Denn bei Stimmgleichheit unter den übrigen Fürsten sollte nun zuletzt der böhmische König über den Ausgang der Wahl entscheiden. Doch damit nicht genug: Als Karl 1355 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wurde, machte er Prag zu seiner Hauptstadt.

Doch seine eigentliche Bedeutung für die tschechische Nation erlangte Karl vor allem durch seine intensive Beschäftigung mit Kunst, Kirche und Wissenschaft. Erst unter seiner Herrschaft wurde Prag zur Goldenen Stadt: Er ließ unter anderem die Karlsbrücke errichten und baute die Burganlagen des Hradschin aus.

Auch die religiöse Bedeutung Prags vergrößerte Karl, indem er die Stadt zum Erzbistum erhob und damit dem Einfluss des deutschen Mainz entzog. Unsterblichen Ruhm brachte ihm aber vor allem die Gründung der Prager Universität 1348 ein, der ersten Universität nördlich der Alpen.

Prager Blüte und Religionsstreit

Gemälde von Rudolf II.

Rudolf II. war für die freie Religionsausübung

1526 bestieg mit Ferdinand I. zum ersten Mal ein Habsburger den böhmischen Thron. Sein Nachfolger Rudolf II. verlegte seinen Hof von Wien nach Prag und sorgte so für eine erneute Blütezeit der Stadt in Kunst und Wissenschaft. Doch geprägt war diese Zeit vor allem durch religiöse Konflikte zwischen der katholischen Kirche und diversen protestantischen Reformbewegungen.

Bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts gelang es der katholischen Kirche zwar, ihre Stellung in Böhmen wieder zu festigen, doch die Konflikte schwelten weiter. 1609 erließ Rudolf II. deshalb den Majestätsbrief, der auch den Protestanten die freie Religionsausübung zusicherte. Als wenig später aber eine protestantische Kirche geschlossen wurde, gingen die böhmisch-protestantischen Stände zum offenen Kampf über.

1620 gipfelte der Konflikt schließlich in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag, in der die Protestanten unterlagen. Die Folge: Der neue böhmische König Ferdinand II. schaffte die Religionsfreiheit wieder ab – rund ein Viertel des böhmischen Adels und ein Fünftel des Bürgertums verließen daraufhin das Land.

Erwachen der tschechischen Nation

Die zwei Jahrhunderte nach der Schlacht am Weißen Berg gingen als "temno", als "dunkle Zeit" in den tschechischen Sprachgebrauch ein. Die Habsburger regierten das Land, die Rebellion war niedergeschlagen und die Tschechen definierten sich nicht öffentlich als Volk.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatte noch eine Art böhmischer Patriotismus geherrscht, der sowohl die Tschechen als auch die zahlreich in Böhmen lebenden Deutschen mit einbezogen hatte. Doch allmählich wurden die Forderungen der Tschechen nach mehr Eigenständigkeit lauter, die schließlich sogar in Ausschreitungen gegen Deutsche in Prag mündeten.

Neue Nahrung erhielt die tschechische Empörung mit der Schaffung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie 1867. Deutsche und Ungarn waren gleichberechtigt; für die Tschechen, die dritte große Volksgruppe der Donaumonarchie, galt das nicht.

Trotzdem kämpften die Tschechen erfolgreich für die Gleichberechtigung ihrer Sprache. 1864 wurde Tschechisch an höheren Schulen als zweite Landessprache eingeführt – zuvor war auf Deutsch unterrichtet worden. Wenig später wurde Tschechisch auch bei Behörden und Gerichten Pflicht.

Staatsgründung zwischen den Weltkriegen

Mussolini, Hitler, Göring und Himmler vor einem Konferenztisch.

Anfang vom Ende der CSR: das Münchener Abkommen

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war die Chance für einen tschechischen Staat gekommen. 1916 wurde mit den slowakischen Nachbarn ein gemeinsamer Nationalrat gegründet. Als kurz darauf auch noch tschechische Truppen auf Seiten der Alliierten kämpften, wurde die Tschechoslowakei als kriegführende Nation anerkannt. Am 28. Oktober 1918 wurde schließlich der erste selbstständige tschechoslowakische Staat, die CSR, ausgerufen. Erster Präsident war der tschechische Philosoph Thomas Masaryk.

Doch die Freude über den eigenen Staat währte nicht lange. Da besonders in den westlichen Gebieten des Landes noch immer viele Deutsche – die sogenannten Sudetendeutschen – lebten, erhob schon bald das nationalsozialistische Regime unter Adolf Hitler Anspruch auf Teile der CSR.

Im Münchener Abkommen vom 29. September 1938 bekam Hitler seinen Willen: Das Sudetenland wurde ans Deutsche Reich angeschlossen. Im folgenden Jahr verleibten sich die Deutschen auch den Rest des Landes ein und errichteten das Protektorat Böhmen und Mähren noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Vom Sozialismus zur Europäischen Union

Ein Mann montiert ein EU-Schild an der tschechischen Grenze.

Willkommen in der EU

Nach der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg gründeten die Tschechen – wieder im Verbund mit den Slowaken – erneut einen eigenständigen Staat. Doch wirklich unabhängig blieb die Tschechoslowakei nur kurz, bis 1948 die Kommunisten an die Macht kamen und das Land nach sowjetischem Vorbild umgestalteten. Besonders in den 1950er Jahren war die politische Atmosphäre durch Unterdrückung und Schauprozesse geprägt.

Zwar gab es Ende der 1960er Jahre eine starke Reformbewegung, die einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" etablieren wollte. Doch den daraus entstandenen "Prager Frühling" schlugen Truppen des Warschauer Pakts im August 1968 brutal nieder.

Erst die nächste große Reformbewegung 20 Jahre später war erfolgreich. Der gewaltfreien "samtenen Revolution" hatte das sozialistische Regime im Herbst 1989 nichts mehr entgegenzusetzen, die ersten freien Wahlen folgten ein Jahr später.

Am 1. Januar 1993 bekamen die Tschechen mit der Loslösung von der Slowakei endlich ihren eigenen Staat. Erster Präsident der Tschechischen Republik wurde der Schriftsteller Vaclav Havel, der bereits in der samtenen Revolution eine wichtige Rolle gespielt hatte.

In den folgenden Jahren orientierten sich die Tschechen zunehmend Richtung Westen. Auf die Beitritte zum Europarat 1993 und zur NATO 1999 folgte schließlich am 1. Mai 2004 die Mitgliedschaft in der Europäischen Union (EU).

Autor: Johannes Eberhorn

Stand: 24.08.2016, 10:00

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