Syrien – Heimat vieler Kulturen

Umayyaden-Moschee in Damaskus.

Naher und Mittlerer Osten

Syrien – Heimat vieler Kulturen

Es gilt als die kulturelle Wiege der Menschheit: Syrien. Hier wurde die Landwirtschaft entwickelt, hier haben viele Religionen und Kulturen ihren Ursprung. Doch die fruchtbaren Felder und die Lage am Mittelmeer machten das Land auch immer wieder zum Ziel der Nachbarvölker. Den Großteil seiner Geschichte verbrachte Syrien unter fremder Herrschaft. Und auch nach der Unabhängigkeit dominieren Gewalt und Konflikte das Land.

Die Erfindung der Landwirtschaft     

Die Region des heutigen Syriens war eine der frühen Siedlungsstätten der Menschheit, Funde reichen bis in die Altsteinzeit. Ertragreiche Böden und ein günstiges Klima führten zu einer schnellen kulturellen Entwicklung.

Archäologen gehen davon aus, dass der Mensch hier sein Jäger-und-Sammler-Dasein an den Nagel hing und sesshaft wurde. Syrien hat Zugang zum Mittelmeer. Das Land liegt in einem Winterregengebiet, im "Fruchtbaren Halbmond", nördlich der arabischen Halbinsel. Hier herrschen gute Bedingungen für den Ackerbau.

Aus diesem Grund haben sich hier verschiedene Völker niedergelassen. Manche von ihnen kamen in friedlicher Absicht, manche von ihnen nicht.

Warenverkehr über das Mittelmeer

Römisches Mosaik: Alexanderschlacht.

Auch Alexander der Große herrschte hier

Syrien war schon in vorchristlicher Zeit stets von großen Mächten umgeben, die ihren Einfluss geltend machten: Im Süden herrschten die ägyptischen Pharaonen, im angrenzenden Zweistromland Sumerer, Babylonier und Assyrer.

Prägend für das Land war die Herrschaft der Phönizier ab 1000 vor Christus. Das Seefahrervolk erschloss sich Handelsrouten im gesamten südlichen Mittelmeer. Phönizien verband die damals wichtigsten Städte und Reiche des Mittelmeerraums und fungierte als Bindeglied zwischen dem Westen und dem Osten.

Mit dem ständigen Warenverkehr kam Phönizien mit Händlern und Seefahrern aus aller Herren Länder in Kontakt. Anderen Kulturen und Einflüssen gegenüber waren die Phönizier aufgeschlossen. Über mehrere Herrschergenerationen sollte das so bleiben.

Nachdem das Land erst vom Neuassyrischen und dann vom Neubabylonischen Reich vereinnahmt wurde, erlangten im 6. Jahrhundert vor Christus die Perser die Macht.

Im Jahr 334 vor Christus begann der makedonische König Alexander der Große einen Krieg gegen die Perser, in dessen Verlauf er auch Syrien eroberte. Tatsächlich waren es die Griechen, die für die Gegend den Namen Syrien geprägt haben.

Auch nach Alexanders Tod stand Syrien unter griechischer Herrschaft, bis es 64 vor Christus zu einer römischen Provinz wurde.

Damaskuserlebnis: Vom Saulus zum Paulus

Ikone des Apostels Paulus.

Eine Ikone des Apostels Paulus

"Ich bin Jesus, den du verfolgst. (...) Stehe auf und gehe in die Stadt, da wird man dir sagen, was du tun sollst." Mit diesen Worten bekehrte der auferstandene Jesus den Christenverfolger Saulus, der auf dem Weg nach Damaskus war. So steht es in der biblischen Apostelgeschichte.

Nach dieser Begegnung änderte Saulus sein Leben. Als Paulus wurde er zu einer der wichtigsten Figuren des Christentums – die Christen verehren ihn als Heiligen. Und bis heute nennt man ein einschneidendes Geschehen, das zu einem Sinnes- oder Lebenswandel führt, ein Damaskuserlebnis.

Paulus gilt als der erste Missionar des Christentums. Er reiste durch Syrien und die gesamte Region des östlichen Mittelmeers, gründete christliche Gemeinden und verkündete das Wort Gottes. Um den Kontakt zu halten und auch nach der Abreise  seine Glaubenssätze zu verbreiten, schrieb er Briefe an die Gemeinden. Diese Briefe bilden bis heute die Grundlage des Neuen Testaments.

Der Islam kommt in das Land

Der christliche Glaube breitete sich in Syrien schnell aus, trotz der Verfolgung durch die Römer. Nachdem das Christentum im Jahr 380 zur Staatsreligion des Römischen Reiches erklärt wurde, entstanden in der Region viele Kirchen, Gedenkstätten und Sakralbauten, die teilweise auch heute noch erhalten sind.

Im 7. Jahrhundert drängten muslimische Araber nach Norden und eroberten ab 634 Syrien. Der Familienklan der Umayyaden, denen auch Mohammed angehörte, begründete ein Kalifat; zur Hauptstadt erklärten sie Damaskus.

Das islamische Reich startete mehrere Eroberungsfeldzüge und reichte in seiner größten Ausdehnung von der Iberischen Halbinsel über Nordafrika, Arabien und den Orient bis ins heutige Pakistan.

Der Islam gewann in Syrien immer mehr an Einfluss. Die Moscheen, die in Aleppo und Damaskus Anfang des 8. Jahrhunderts errichtet wurden, galten als Erste ihrer Art und waren fortan stilbildend für diese Bauwerke.

Das Christentum und das Judentum spielten aber weiterhin eine wichtige Rolle im Land, das Heimat vielfältiger Ethnien, Kulturen und Glaubensrichtungen war.

Das Osmanische Reich besetzt das Land

Gemälde: Kreuzritter belagern Damaskus.

Kreuzritter belagern Damaskus

Ende des 11. Jahrhunderts landeten christliche Kreuzfahrer in Syrien und errichteten dort mehrere Kleinstaaten. Da die islamischen Herrscher in der Region zerstritten waren und sich gegenseitig bekämpften, konnten sich die Kreuzritter bis zum 13. Jahrhundert dort halten. 1268 eroberten muslimische Truppen das Land wieder zurück.

1516 wurde Syrien Teil des Osmanischen Reichs und erreichte bald eine strategisch besondere Bedeutung. Hier starteten die im Koran vorgeschriebenen Pilgerfahrten nach Mekka. Zudem fungierte Syrien als Drehkreuz für den Warenverkehr, unter anderem für die Märkte in Europa.

1536 schlossen die Herrscher mit Frankreich das erste Handelsabkommen ab, dem noch weitere folgen sollten. Das führte zu einer verstärkten Präsenz von Europäern in Syrien.

Das Osmanische Reich war anderen Religionen gegenüber verhältnismäßig liberal, sodass in Syrien ein weitgehend friedliches Miteinander zwischen Muslimen, Christen und Juden möglich war. Dazu trugen auch Russland und Frankreich bei, die als Schutzmächte der Christen auftraten.

Im 19. Jahrhundert wuchs unter den arabischen Völkern des Osmanischen Reiches die Unzufriedenheit mit der Fremdherrschaft. Das Verlangen nach einer eigenen nationalen und politischen Identität wurde stärker. Syrien war neben Ägypten das Zentrum dieser Bewegung.

Französische Verwaltung und Unabhängigkeit

Karte: Der Nahe Osten nach dem Ersten Weltkrieg.

Der Nahe Osten nach dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs zum Ende des Ersten Weltkriegs besetzten britische und arabische Truppen Syrien. Eine arabisch-nationalistische Regierung unter Duldung der Briten wurde eingerichtet.

1920 erklärte sich Syrien zur unabhängigen Monarchie. Zum König ließ sich Faisal I. krönen, der gemeinsam mit dem britischen Offizier T. E. Lawrence ("Lawrence von Arabien") im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte.

Doch die Unabhängigkeit war nur von kurzer Dauer. Die siegreichen europäischen Mächte hatten beschlossen, die arabischen Teile des Osmanischen Reichs unter sich aufzuteilen.

Frankreichs Truppen marschierten im Juni 1920 in Syrien ein, stellten das Land unter französische Verwaltung und trennten den Libanon, Palästina und Jordanien von Syrien ab.

Zwei Jahre später bestätigte der Völkerbund dieses Mandat. Doch die Syrer empfanden Frankreich als Kolonialmacht, es kam immer wieder zu bewaffneten Aufständen, die die Franzosen mit Gewalt niederschlugen. Zudem formierten sich politische Gruppierungen, die sich gegen die willkürlichen Grenzziehungen nach dem Krieg wandten und das Ziel eines "Groß-Syriens" ausriefen.

Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zogen sich die europäischen Truppen aus Syrien zurück und entließen das Land 1946 in die Unabhängigkeit. Doch Syrien blieb politisch instabil.

Es kam zu mehreren Staatsstreichen, Militärs ergriffen die Macht und errichteten eine Diktatur. 1958 schloss sich Syrien mit Ägypten zur Vereinigten Arabischen Republik zusammen, doch das Bündnis hielt nur drei Jahre. Es folgten weitere Putsche, die von gewalttätigen Protesten und Streiks begleitet wurden.

Assad-Regime und Bürgerkrieg

Syrische Regierungstruppen in Hama.

Syrische Regierungstruppen in Hama

1963 putschte sich die Baath-Partei in Syrien an die Macht: Sie verband sozialistische mit panarabischen Ideen. Viele Unternehmen wurden verstaatlicht, das Land ging enge Beziehungen mit der Sowjetunion ein.

Nach der Niederlage im Sechstagekrieg 1967 fielen die Golanhöhen im Süden des Landes an Israel, was zu einer weiteren inneren Krise in Syrien führte. Diese endete erst, als General Hafiz al-Assad 1970 an die Macht kam. Mithilfe des Militärs und des Geheimdienstes gelang es ihm, das Land zumindest augenscheinlich zu stabilisieren.

Al-Assad besetzte zentrale Stellen in Politik, Verwaltung und Militär mit seinen Gefolgsleuten und inszenierte sich mit viel Personenkult. Kritik an seiner Staatsführung ließ er nicht zu, Oppositionelle wurden verhaftet oder ermordet.

1982 schlug er einen Aufstand der Muslimbrüder in Hama nieder, bei dem Massaker sollen mehr als 20.000 Menschen getötet worden sein. Nach al-Assads Tod im Jahr 2000 kam sein Sohn Baschar an die Macht.

Dieser galt zunächst als Reformer, schwenkte jedoch schnell auf den brutalen Kurs seines Vaters um. Als der Arabische Frühling 2011 auch in Syrien zu Großdemonstrationen für mehr Demokratie und Bürgerrechte führte, eskalierte die Lage im Land.

Al-Assad war zu keinerlei Zugeständnissen bereit und ging mit Gewalt gegen die Protestierer vor. Desertierte Offiziere gründeten eine Rebellenarmee, Extremisten verübten Anschläge auf Regierungspolitiker – die Situation eskalierte. Die Folge: ein Bürgerkrieg, in dem auch Chemiewaffen eingesetzt wurden.

Diese Instabilität nutzte die Terror-Organisation Islamischer Staat (IS) aus, die bis 2015 die Hälfte des Landes unter ihre Kontrolle brachte. Der Krieg sorgte für eine humanitäre Katastrophe: Von den 22 Millionen Bürgern waren zwölf Millionen auf der Flucht, vier Millionen haben das Land verlassen.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 18.08.2015, 06:00

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