Antonio de Oliveira Salazar – der autoritäre Diktator

Antonio de Oliveira Salazar auf einem Porträtfoto 1955

Geschichte Portugals

Antonio de Oliveira Salazar – der autoritäre Diktator

Von Eva Mommsen

Mit unerbittlicher Hand regierte der menschenscheue, autoritäre und überaus sparsame Antonio de Oliveira Salazar 36 Jahre lang Portugal. Er war ein Diktator, aber nicht einer, der sich von den Massen feiern ließ, der sich durch sein Land bereicherte oder mit Redekünsten überzeugte. Salazar war eher ein moralischer Übervater, der Zeit seines Lebens glaubte, zum Wohle Portugals zu handeln und doch das Land in die weltpolitische Isolation und in den wirtschaftlichen Ruin trieb.

Jugend und Ausbildung

Antonio de Oliveira Salazar wurde im April 1889 in Vimeiro im mittelportugiesischen Bezirk Santa Comba Dão geboren. Das Kind einer Arbeiterfamilie lernte schon früh, was mit Sparsamkeit zu erreichen war. Sein Vater war Landarbeiter, schaffte es aber, sich zum Gastwirt hochzuarbeiten. Trotzdem konnte die Familie die Ausbildung ihres Sohnes nur mit Mühe finanzieren.

Salazar ging in ein katholisches Priesterseminar, wollte eigentlich Pfarrer werden. Doch seine Professoren erkannten sein Talent für Wirtschaft und schickten ihn zum Studium der Nationalökonomie an die anerkannte Universität von Coimbra. Er beendete sein Studium mit Auszeichnung und lehrte fortan als Professor für Volkswirtschaft.

Politische Karriere

Es waren politisch sehr instabile Zeiten in Portugal. Nachdem die Monarchie gestürzt und 1910 die Republik ausgerufen worden war, folgten Machtkämpfe, Putschversuche und Parteienzersplitterungen. Auch die wirtschaftliche Situation war prekär. Finanzgeber verließen scharenweise das Land, denn die Monarchie hatte einen großen Schuldenberg hinterlassen.

1921 wurde Salazar erstmals als Abgeordneter einer kleinen katholischen Partei ins Parlament gewählt. Nach der ersten Sitzung legte er wutschnaubend sein Mandat nieder, denn das Parlament sei "eine Stätte bedeutungslosen Geschwätzes".

Am 28. Mai 1926 führte ein Militärputsch zum Sturz der Republik. Danach wurde Salazar zum Finanzminister berufen. Unerbittlich versuchte der Professor das Land mit tiefgreifenden Reformen aus der Krise zu holen. Er wollte eine rigide Ausgabenkontrolle, um die Staatsverschuldung zu reduzieren, und ein Mitspracherecht in allen Finanzsektoren der Regierung.

Doch die Militärs wollten ihm die nötigen Vollmachten nicht geben und so verließ Salazar schon nach einem Monat die Regierung. Zwei Jahre später wurde er wieder als Finanzminister verpflichtet, doch diesmal wurden alle seine Forderungen erfüllt.

Salazar sitzt an seinem Schreibtisch in seinem Haus in Lissabon

Salazar konsolidierte den Staatshaushalt

Machtübernahme

Mit 38 Jahren übernahm Salazar nach und nach die Regierungsgeschäfte. Nicht der Premierminister Vicente de Freitas, sondern der Finanzminister hatte nun das Sagen. Salazar sorgte für einen ausgeglichenen Staatshaushalt, stärkte die sogenannten Kooperativen, zu denen die Großgrundbesitzer und einige einflussreiche Familien in der Wirtschaft zählten, und plädierte für einen "starken Staat".

Das brachte ihm die Zustimmung des Militärs und Ansehen innerhalb der Regierung. Er fand außerdem einen Kompromiss für die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der rechten Partei.

Am 5. Juli 1932 wurde Salazar zum Ministerpräsidenten ernannt. Dieses Amt sollte er nun 36 Jahre innehaben. Der Regierungschef nannte sein Regime "Estado Novo" (neuer Staat) und gab ihm 1933 eine neue Verfassung. Obwohl diese ein Präsidialsystem festschrieb, lag die eigentliche Gesetzgebungskompetenz beim Ministerpräsidenten.

Salazar steht am Rednerpult in der portugiesischen Nationalversammlung

Salazar in der Nationalversammlung in Lissabon

Ein Volk in Unmündigkeit

Salazar konsolidierte zwar den Staatshaushalt und trug den Schuldenberg ab, vernachlässigte aber in den Jahrzehnten seiner Regentschaft wichtige wirtschaftliche und industrielle Reformen. Das Volk hielt er bewusst in Unwissenheit und Unmündigkeit. Die Menschen sollten sich alleine für Musik, Religion und Sport interessieren: den Fado, die Marienwallfahrtsstätte Fatima und Fußball.

Jegliche Kritik am Regime erstickte Salazar im Keim. So gab es eine strikte Pressezensur, ein Verbot aller Parteitätigkeit und einen für seine Brutalität berüchtigten Polizeiapparat, der Kommunisten und Regimekritiker gnadenlos verfolgte.

Hinzu kam eine wirtschaftliche und politische Isolation der Portugiesen. Das Motto "Voll Stolz allein" wurde überall propagiert. In der vor allem von Agrarwirtschaft geprägten Gesellschaft besaßen einige wenige Familien die großen Güter. Die Landarbeiter mussten für Hungerlöhne bei den Großgrundbesitzern arbeiten.

Salazar führte sein Volk durch den Bürgerkrieg, den Zweiten Weltkrieg, die Kolonialkriege. Es war eine für die Bevölkerung dennoch relativ stabile und ruhige Zeit, denn das Volk bekam von den Kriegswirren außerhalb der Landesgrenzen wenig mit. Bis Mitte der 1960er Jahre gelang es Salazar, den Lebensstandard seiner Bevölkerung durch die massive Ausbeutung der Kolonien langsam anzuheben.

Ein portugiesischer Landarbeiter in den 1960er Jahren führt einen Ochsen, der einen Heuwagen zieht

Salazar wollte ein unwissendes Landvolk

Aufstand in den Kolonien

Doch die Ausbeutung der Kolonien rächte sich. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die Beziehung zu den Kolonien zunächst positiv entwickelt. Es kam zum Aufschwung des Exporthandels. Als sich 1960 Belgisch-Kongo für unabhängig erklärte, kam es, durch einen gemeinsamen Bevölkerungsstamm, der sowohl im Kongo als auch in Angola lebte, auch in Angola zu einem Aufstand.

Dieser Aufstand, der von Landarbeitern ausging, die für bessere Arbeitsbedingungen demonstrierten, geriet außer Kontrolle und ein Massaker an weißen Siedlern zwang Salazar, Truppen in das Gebiet zu schicken.

1963 begannen auch in Guinea-Bissau die Kämpfe, 1964 in Mozambik. Die Guerillakämpfe wurden immer aussichtsloser, doch Salazar hielt weiterhin an seiner rigiden Kolonialpolitik fest. Das führte dazu, dass sich wegen der vielen Toten und der Kriegskosten die Kirche und das Militär immer mehr vom Regime abwandten. Salazar selber sollte aber den Untergang seiner Diktatur nicht mehr erleben.

Schwarzweiß-Foto: Zwei Rebellen waten in Angola durch einen Sumpf

Rebellen kämpfen in Angola für ihre Freiheit

Salazars Unfall und Entmachtung

Der sprichwörtliche Geiz des Ministerpräsidenten wurde ihm 1968 zum Verhängnis. Ein alter Stuhl brach unter ihm zusammen. Dabei verletzte sich der Diktator so schwer am Kopf, dass er einen Hirnschlag erlitt. Ganze zwei Jahre dachte Salazar noch, dass er weiterhin die Amtsgeschäfte führe, doch da war sein Nachfolger Marcelo Caetano längst im Amt. Caetano war es auch, der dafür sorgte, dass die Journalisten Salazar nicht mitteilten, dass er nicht mehr die Macht hatte.

Am 27. Juli 1970 starb der Diktator. Er hinterließ seinem Nachfolger ein Land, das wirtschaftlich, politisch und sozial am Boden lag. Die Kriege in den Kolonien führten schließlich dazu, dass der mehr als 40 Jahre dauernde Salazarismus durch die "Nelkenrevolution" 1974 beendet wurde.

Salazar sitzt in einem Sessel in seinem Arbeitszimmer in Lissabon

Der Diktator ein Jahr vor seinem Sturz

Stand: 17.05.2019, 15:06

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