José Saramago – der unbequeme Autor

 José Saramago

Geschichte Portugals

José Saramago – der unbequeme Autor

Von Eva Mommsen/Tobias Aufmkolk

Er war ehrlich, direkt und deswegen unbequem. In regelmäßigen Abständen verursachte José Saramago Skandale, beispielsweise als er den Zusammenschluss von Portugal und Spanien zu einem Land forderte. Er war deswegen in Portugal umstritten und wurde dennoch verehrt. Denn er war auch der Mann, der den Nobelpreis nach Portugal holte und damit dem Land zu neuem Ansehen innerhalb der Kulturwelt Europas verhalf.


Kindheit und Ausbildung

José de Sousa Saramago wurde am 16. November 1922 in dem kleinen Dorf Azinhaga in der Provinz Ribatejo geboren. Seine Eltern arbeiteten als einfache Landarbeiter für die Großgrundbesitzer. Wie viele Portugiesen konnten auch José de Sousa und Maria da Piedade damals kaum lesen und schreiben.

Eigentlich hätte Saramago wie sein Vater Sousa mit Nachnamen heißen müssen, doch der Standesbeamte trug den Spitznamen der Familie im Dorf in die Geburtsurkunde ein. Der "Saramago" ist ein Ackerrettich, ein Hauptnahrungsmittel der armen Bauern. Die Familie zog nach Lissabon, als José zwei Jahre alt war, da der Vater dort eine Stelle als Polizist bekam.

Erst als der siebenjährige José in der Grundschule seinen Ausweis zeigen musste, merkten die Eltern, dass er José de Sousa Saramago hieß. José konnte aufgrund der finanziellen Situation seiner Familie später nicht auf dem Gymnasium bleiben. So wechselte er 1936 auf eine technische Schule und arbeitete zunächst als Automechaniker.

José Saramago.

Nobelpreisträger 1998

Erste Annäherung an Literatur

Doch José Saramago interessierte sich schon früh für Literatur. Er ging häufig in die öffentliche Bibliothek und brachte sich den Umgang mit Sprache selbst bei. So konnte er eine andere Laufbahn einschlagen. Er arbeitete für die portugiesische Wohlfahrt, als er 1944 seine erste Frau Ilda Reis heiratete. 1947, mit der Geburt seiner Tochter Violante, erschien auch seine erste Novelle.

Doch Saramago beschloss, dass er "nichts Lohnendes zu sagen hatte" und schrieb die nächsten 20 Jahre keine Zeile mehr. Er arbeitete fortan als Übersetzer, Produzent für einen Verlag und Literaturkritiker. 1966 veröffentlichte Saramago einen Gedichtband, auch seine Literaturkritiken wurden in Buchform herausgebracht. Später wandte sich Saramago der damals noch verbotenen kommunistischen Partei zu, bei der er bis zu seinem Tod Mitglied war.

Der unbequeme Journalist

Die Nelkenrevolution beendete 1974 die Diktatur in Portugal. Auf der Suche nach einer neuen politischen Regierungsform setzten sich in Portugal die kommunistischen Kräfte durch: Banken wurden verstaatlicht, Großgrundbesitzer enteignet. Saramago wurde im politisch turbulenten Sommer von 1975 stellvertretender Chefredakteur der Lissabonner Tageszeitung Diário de Nioticías, die sich in Staatshand befand.

Er schrieb einige Kommentare, die die orthodoxe kommunistische Partei unterstützten und sämtliche politischen Gegner des Kommunismus attackierten. Doch die kommunistischen Kräfte scheiterten. Im Dezember 1975 wurde er mit 53 Jahren seines Postens enthoben. Erst dann wurde der Schriftsteller José Saramago geboren.

Anhänger der Sozialistischen Partei mit Fahnen und Transparenten auf einer Tribüne bei einer Wahlversammlung in Lissabon.

In Portugal regierte kurz der Kommunismus

Erste Erfolge

Sein fünfter Roman "Hoffnung im Alentejo" ("Levantado do Chao") wurde 1980 zum nationalen Bestseller. Saramago beschreibt die sozial auswegslose Situation, die die armen Landarbeiter in der Region Alentejo haben. Schließlich lehnen sie sich gegen die Großgrundbesitzer auf.

1982 erschien der Liebesroman "Das Memorial" ("Memorial do Convento"). Darin beschreibt Saramago den Bau des Klosters Mafra aus der Sicht der Arbeiter. Von da an bekam Saramago auch internationale Aufmerksamkeit und konnte vom Schreiben leben. 1988 heiratete er seine Übersetzerin, die spanische Journalistin Pilar del Rio.

Sein Buch "Das Evangelium nach Jesus Christus" ("O Evangelio segundo o Jesus Cristo") empfand 1991 die katholische Kirche in Portugal als blasphemische Provokation. Saramago löste damit in dem katholisch geprägten Land einen Skandal aus. In seinem Buch lässt er einen sehr irdischen Jesus kritische Fragen an Gott stellen und eine verwerfliche Beziehung mit Maria Magdalena erleben.

Der damalige Kulturstaatssekretär Pedro Santana Lopes strich Saramago daraufhin von der Liste des Europäischen Kulturpreises. Aus Protest zogen der Autor und seine Frau in ihre neue Wahlheimat auf die Kanareninsel Lanzarote.

Obwohl Saramago seinen Hauptwohnsitz immer noch in Lissabon hatte und auch dort seine Steuern zahlte, nahmen ihm die Portugiesen den Umzug übel. 1998 versöhnte sich das Volk wieder ein wenig mit Saramago, denn da wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

José Saramago bei einer Podiumsdiskussion im Jahr 1991. Immer wieder erregte er die Gemüter der katholischen Kirche.

Saramago legte sich oft mit der Kirche an

Saramagos Skandale

Nie hat José Saramago einen Hehl daraus gemacht, dass er ein Kommunist und Atheist war. Sein Verleger Zeferino Coelho sagte einmal über ihn: "Saramago pflegt sein Image nicht, er ändert sich nicht." Und so machte der unbequeme Saramago regelmäßig Schlagzeilen.

Nach der Verleihung des Nobelpreises beispielsweise gab der Verleger auf Wunsch des Autors seine politischen Schriften heraus, die er nach der Nelkenrevolution geschrieben hatte. Damit verärgerte Saramago nicht nur die konservativen Landsleute, sondern auch die Linke. Denn er war der Meinung, dass die portugiesische Gesellschaft heute auch ohne diese Tat gleich weit entwickelt wäre, der Putsch also letztendlich nicht notwendig war. Ein Skandal.

Saramago sprach sich 1986 auch gegen Spaniens und Portugals Beitritt zur Europäischen Union (EU) aus, kandidierte 2004 bei der Europawahl selbst – aussichtslos – für die Kommunistische Partei und nannte Berlusconi einen Verbrecher, woraufhin sein italienischer Verlag seine Bücher nicht mehr veröffentlichen wollte.

Einen weiteren Skandal löste 2007 seine Forderung aus, dass Portugal sich mit Spanien zu einer Iberischen Union zusammenfinden solle. Portugal sollte also eine Provinz Spaniens werden wie Katalonien oder das Baskenland.

Der Schriftsteller sagte selbst auf die Frage, ob die Portugiesen einen Anschluss an das Nachbarland akzeptieren würden: "Ja, wenn man den Menschen erklärt, dass das Land nicht aufhört zu existieren, sondern nur in einer anderen Form weiterlebt." Der portugiesische Außenminister empfahl daraufhin, diese Aussagen mal wieder unter der Kategorie "Literatur" abzulegen.

Und auch mit seinem letzten Werk "Kain", das 2009 erschien, machte sich der betagte Saramago noch einmal viele Feinde in seinem Heimatland. Das Buch des bekennenden Atheisten ist ein Rundumschlag gegen den christlichen Glauben. Die Bibel sei ein "Katalog von Grausamkeiten", Gott ein von Rache erfülltes Wesen, dem man nicht über den Weg trauen kann.

In Portugal rief er damit einen Sturm der Entrüstung hervor. Viele Landsleute beschimpften Saramago als leibhaftigen Teufel. Einige wollten sogar, dass er seine Staatsbürgerschaft abgibt. Er selbst bemerkte in einem Interview dazu nur lapidar: "Ich stelle nicht Gott in Frage, sondern die Menschheit, die ihn erfunden hat."

Am 18. Juni 2010 starb José Saramago im Alter von 87 Jahren in seinem Haus auf Lanzarote.

José Saramago posiert auf einer Bank sitzend bei einer Buchvorstellung in Madrid

Saramago ist das "Stiefkind" der Portugiesen

Weiterführende Infos

Stand: 17.05.2019, 15:27

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