Das Loch von Schmalkalden

Dolinen-Hotspot Thüringen Planet Wissen 04.10.2019 03:02 Min. Verfügbar bis 04.10.2024 WDR Von Christoph Goldbeck

Erdfälle

Das Loch von Schmalkalden

Von Anne Preger

Ohne Vorwarnung für die Anwohner tut sich 2010 in der Kleinstadt nachts ein Krater auf. Er ist 20 Meter tief und natürlich entstanden. In Thüringen kommen solche Erdfälle häufiger vor. Sie verbreiten Angst und richten großen Schaden an.

Ein Krater mitten im Wohngebiet

In Schmalkalden im Südwesten von Thüringen hört ein Bewohner in der Nacht auf den 1. November 2010 gegen drei Uhr Knack-Geräusche. Die Ursache ist nicht zu übersehen: Draußen auf der Rathenaustraße hat sich ein Krater geöffnet. Das Loch wächst schnell auf eine Größe von etwa 20 mal 30 Metern an. Es ist fast 20 Meter tief.

Die Bewohner der umliegenden Häuser fliehen, es wird niemand verletzt. Im Loch verschwinden ein Stück Straße, ein Stück Garten und ein Auto. In einigen Häuserwänden bilden sich Risse. Eine Garage öffnet sich ins Nichts.

Auch am nächsten Morgen sackt immer noch Erdreich am Rand des Lochs ab, sodass die Polizei das Gebiet weiträumiger absperrt. Unter der Rathenaustraße waren Kabel und Rohre verlegt. Aus Sicherheitsgründen werden dort Gas, Strom und Wasser abgestellt. 25 Menschen aus neun Häusern in der Umgebung müssen ihr Zuhause zunächst verlassen und können teilweise monatelang nicht zurück.

Loch vor Garage mit Auto, davor Polizisten an Absperrung

Weil das Loch in Schmalkalden noch wächst, muss die Polizei weiträumiger sperren

Bergbau-Folge oder natürliche Ursache?

Schmalkalden liegt in einer alten Bergbauregion. Könnte also im Untergrund ein alter Stollen eingebrochen sein und so das Loch erzeugt haben? Doch die Behörden sind sich schnell sicher, dass der Krater in der Rathenaustraße natürlich entstanden ist.

Untersuchungen bestätigen das später. Es handelt sich um einen Erdfall. Der kann entstehen, wenn im Untergrund wasserlösliches Gestein lagert und nach und nach durch Grundwasser aufgelöst wird. Fachleute nennen diese unterirdische Abtragung Subrosion. So bilden sich Hohlräume, die immer größer werden und irgendwann einbrechen können.

Unter der Rathenaustraße lagert in der Tiefe eine Schicht aus wasserlöslichem Sulfatgestein, die mehrere Dutzend Meter dick ist. Experten von der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie gehen davon aus, dass sich dort der Hohlraum gebildet hat, der einstürzte und den Krater an der Erdoberfläche bildete.

Das Loch zu schließen, ist teuer

Noch im November 2010 wird der Krater in Schmalkalden verfüllt – mit rund 40.000 Kubikmetern Kies. Das sind tausende Lkw-Ladungen. Allein die Verfüllung kostet rund 270.000 Euro. Die Kosten dafür übernimmt am Ende der Freistaat Thüringen.

Wie Medien berichten, bekommen die betroffenen Anwohner eine finanzielle Soforthilfe von 10.000 Euro pro Person. Doch das deckt nur einen kleinen Teil des Schadens an ihren Häusern. Am Ende sind mehrere Garagen und zwei Häuser nicht mehr nutzbar. Sie werden abgerissen.

Der Erdfall von Schmalkalden verursacht noch weitere Kosten: Allein für die Suche nach Ursachen und weiteren möglichen Gefahren im Untergrund sowie für die Einrichtung eines Frühwarnsystems haben die Behörden inzwischen knapp eine Million Euro ausgegeben.

Luftbild von Bagger, der Kies in Grube verteilt

Innerhalb von Tagen wird das Loch mit Kies gefüllt

Manche Erdfälle bleiben offen

Nicht in jedem Fall entscheiden sich Behörden, ein Erdfall-Loch zu füllen. Bei Erdfällen in Wäldern oder auf Feldern ist das auch nicht unbedingt notwendig. Aber es gibt in Thüringen selbst in Städten Löcher, die offen bleiben, weil das Verfüllen als zu teuer angesehen wird.

Ein Beispiel dafür ist der Erdfall von Nordhausen im Südharz im Februar 2016. An der Stelle hatte es vorher schon im Jahr 2010 einen kleineren Erdrutsch gegeben: Ein Schneeräumfahrzeug sackte ab. Das Loch von 2010 wurde noch verfüllt, Gebäude wurden neu gebaut. Dann tat sich 2016 im Februar ein noch größeres Loch mit einer Tiefe von mehr als 40 Metern auf. Bei dem will der Kreis Nordhausen erst einmal ein paar Jahre warten: Der Krater bleibt bis auf Weiteres offen und ist abgesperrt.

Manche Erdfälle in Thüringen haben sich mit der Zeit mit Wasser gefüllt. Auch der tiefste natürliche See in Thüringen ist so entstanden: die Bernshäuser Kutte. Der Erdfallsee im Wartburgkreis ist um die 45 Meter tief. Ein anderer mit Wasser gefüllter Erdfall, der Burgsee, bringt es immerhin auf 25 Meter Tiefe und liegt mitten in der Kurstadt Bad Salzungen. Um ihn führt ein Rundweg. In beiden Seen ist das Baden verboten.

Luftbild eines runden Sees, umgeben von einer Stadt

Der Burgsee liegt mitten im Kurort Bad Salzungen

In Thüringen passieren jedes Jahr Erdfälle

Der Erdfall von Schmalkalden aus dem Jahr 2010 war ziemlich groß. Die meisten Erdfälle in Thüringen sind kleiner und liegen in unbewohnten Gegenden. Sie sind aber keine Seltenheit. In dem Bundesland gibt es schätzungsweise 8000 Erdfälle. Jedes Jahr kommen fünf bis fünfzig Neue hinzu.

Die Löcher an der Erdoberfläche haben ihre Ursache tiefer im Untergrund. Dort lagern in Thüringen wasserlösliche Schichten. Sie stammen aus einer Zeit vor mehr als 250 Millionen Jahren. Damals war an dieser Stelle das Zechstein-Meer. Dessen Wasser verdampfte langsam in der Sonne. Es blieben Salz-, Kalk und Gipsschichten zurück, die alle wasserlöslich sind.

Nach Millionen Jahren heben sich Berge empor, dabei entstehen Risse im Gestein. So kann Grundwasser in die Schichten eindringen und Hohlräume auswaschen. In bebauten Gebieten kann es aber auch Wasser aus lecken Wasser- oder Abwasserleitungen sein, das den Schaden im Untergrund anrichtet.

Satellitenkarte von Thüringen, Erdfallgebiete in Rot markiert

Hier in Thüringen gibt es überall Gebiete, die gefährdet sind

Warnsysteme bieten keine vollkommene Sicherheit

Für die menschliche Wahrnehmung gibt es bei vielen Erdfällen vorher keine spürbaren Anzeichen, dass die Erde einstürzen könnte. Doch Messinstrumente sind in der Lage, verräterische Bodenbewegungen oder Veränderungen im Untergrund zu erfassen, selbst wenn sie nur winzig sind.

In Schmalkalden sollen seismische Messinstrumente, Erdfallpegel oder optische Warngeber rechtzeitig informieren, falls sich ein neuer Erdfall anbahnt. So soll das Risiko für Bewohner so klein wie möglich gehalten werden. Von vorneherein verhindern lassen sich Erdfälle nicht.

Polizeiabsperrband, dahinter Einsatzkräfte auf einer Straße in Schmalkalden

Erste Notfall-Maßnahme: Das Loch wird abgesperrt

Stand: 01.10.2019, 10:30

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