Die große Wanderung der Gnus

In Zickzack-Kurven durchläuft eine große Herde Gnus eine gelbe Grasebene. Ein Tier scheint hinter dem anderen herzulaufen. Die Tiere sind dunkelbraun und haben Hörner.

Serengeti-Nationalpark

Die große Wanderung der Gnus

"Ich habe mehr als 20 Jahre in der Serengeti verbracht, aber wenn ich über die großen Herden wandernder Weißbartgnus fliege oder sie beobachte, wie sie sich vor einer Flussdurchquerung versammeln, stockt mir immer noch der Atem und mein Herz klopft bis zum Halse." Nicht nur Markus Borner von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt bewegt eines der letzten großen Naturspektakel der Welt: 1,3 Millionen Gnus, flankiert von 200.000 Zebras, bahnen sich ihren Weg durch die Savannenlandschaft der Serengeti. Sie trotzen Strapazen und Gefahren, immer dem Regen auf der Spur.

Darum geht's:

  • Die jährliche Wanderung der Gnus ist eines der letzten großen Naturspektakel der Welt.
  • Circa 1,3 Millionen Gnus machen sich auf den Weg, um ihre Jungen zur Welt zu bringen.
  • Danach ziehen sie wieder zurück zu den nahrhafteren Graswiesen.

Wanderung im Kreisverkehr

Eine afrikanische Legende besagt, dass Gott die Gnus aus übrig gebliebenen Einzelteilen zusammengesetzt hat. Einen Schönheitswettbewerb gewinnen die Tiere sicherlich nicht, dafür sind sie unglaubliche Überlebenskünstler.

Durch ihr Nomadenleben nutzen sie das Ökosystem der Serengeti perfekt aus. Wie Perlen auf einer Schnur wandern die Tiere eines dem anderen hinterher. Bis zu 3200 Kilometer legen sie dabei jedes Jahr in der Savannenlandschaft zwischen Tansania und Kenia zurück, immer im Kreisverkehr.

Sie folgen dem Regen, dem frischen Gras. Studien belegen, dass Gnus Niederschlag aus 50 Kilometer Entfernung lokalisieren können. Folgen sie den Blitzen oder Wolken? Hören sie den Donner? Riechen sie das Wasser?

Noch haben die Wissenschaftler darauf keine Antwort gefunden. Doch nicht nur die Gnus, das gesamte Ökosystem profitiert von ihrer Wanderschaft: 420 Tonnen Dung produzieren sie am Tag. Dieser Dünger und das Abweiden des Grases lässt die Vegetation stärker wachsen.

Die Geburtswiese

Auf ihrer Wanderschaft legen die Gnus nur ein Mal eine längere Pause ein: In der Regenzeit zwischen Dezember und Juni bleiben sie in der vulkanischen Ebene des Ngorongoro-Kraters. Da wächst das Gras üppig, ist reich an Nährstoffen und Mineralien.

Auf einer grün-gelben Wiese steht ein Gnu mit seinem Jungtier mit dem Hinterteil zur Kamera. Beide drehen sich zur Kamera um.

Geburten im Minutentakt

Hier im Osten der Serengeti bekommen die Gnus nach neun Monaten Tragzeit ihren Nachwuchs. Eine Massengeburt: Im Zeitraum von nur zwei bis drei Wochen bekommen 90 Prozent der Muttertiere ihre Kälber. Rund eine halbe Millione Neugeborene auf einen Schlag – da ist selbst für Löwen und Geparden der Tisch zu reich gedeckt.

Eine trickreiche Überlebensstrategie der Gnus, denn ganz frisch auf der Welt ist der Nachwuchs die leichteste Beute. Jedes Kalb ist eines unter vielen, das erhöht seine individuelle Überlebenschance. Denn die Feinde können trotz des Überflusses an Beutetieren nicht mehr fressen als normal.

Das Überleben der Gnus wird aber auch durch die Wanderschaft gesichert. Die etwa 3000 Löwen und 7000 Hyänen in der Serengeti folgen den Gnus nicht auf ihren Routen. Im Juni, wenn die Ebene austrocknet, geht es wieder los – nach Nordwesten.

Jäger und Gejagte

Vor Menschen sind die Weißbartgnus in der Serengeti weitgehend geschützt. Dort stieg die Zahl der Gnus von 500.000 Tieere im Jahr 1970 auf etwa 1,3 Millionen im 21. Jahrhundert an.

Zu den Schutzgebieten zählt als Kernzone der Serengeti-Nationalpark in Tansania und der Masai Mara Nationalpark in Kenia. Drumherum sind verschiedene Naturschutzgebiete als zusätzliche Pufferzonen gruppiert.

Auf der linken Bildhälfte ist das hintere Teil eines Gnus zu sehen. Ein Bein ist stark nach hinten gestreckt. An dem Huf befindet sich ein Seil, das das Tier anscheinend festhält.

Besonders im Westen wird gewildert

Dennoch bleibt es nicht aus, dass die Gnus auf ihrer Wanderschaft die Grenzen der Schutzgebiete überschreiten. Dies geschieht in besonders trockenen Jahren im Westen des Ökosystems. Hier leben traditionelle Jäger.

Sie benutzen für Wildtier und Fleisch das gleiche Wort: "Nyama". Aus den Drähten alter Autoreifen bauen sie Schlingen, in denen sich die Tiere qualvoll verfangen. Nicht immer jagen sie nur für den Eigenbedarf. Organisierte Wilderei nimmt immer mehr zu. Getrocknetes oder geräuchertes Wildfleisch aus der Serengeti ist auf fast jedem Markt der Umgebung zu kaufen.

Insgesamt 40.000 Tiere, überwiegend Gnus und Zebras, werden pro Jahr in dem Ökosystem gewildert. Ein großer Teil davon im Westen. Die schwelende Feindschaft zwischen der armen Dorfbevölkerung und der Nationalparkbehörde ist ein großes Problem. Eine Lösung ist noch nicht in Sicht.

Schicksalsfluss Masai Mara

Je ausgedörrter die Savanne wird, desto stärker ist der Drang nach Norden zu ziehen – zur Masai Mara, wo die zerklüfteten Felsen des Riff-Valleys die letzten Regenfälle in der Trockenzeit auffangen.

Doch bevor die Gnus an die üppigen Weiden gelangen, lauert eine der größten Gefahren ihrer Reise: die Überquerung des Flusses Mara. Der Uferrand ist steil, die Strömung stark. Nur wenige Stellen eignen sich als Furt.

Auf der rechten Bildhälfte ist eine steile Uferböschung zu sehen. Einige Gnus steigen zum Wasser hinab, ein Gnu springt mit einem großen Satz in die braunen Fluten.

Dramatische Szenen am Mara Fluss

Hier sammeln sich die Tiere. Es scheint so, als ob keines das Erste sein möchte, denn im Wasser lauern Krokodile. Von hinten drängeln die ankommenden Gnus, nicht selten bricht unter den Tieren eine Panik aus. Einige werden dabei zu Tode getrampelt, andere von den Krokodilen unter Wasser gezogen.

Am Ende erstürmen die Gnus das andere Ufer, den üppigen Weidegründen ein wesentliches Stück näher. Doch das Gras hat dort einen erheblichen Mangel:

Ihm fehlt es vor allem an Phosphor, dem Stoff, den die Weibchen dringend für die Milchgewinnung brauchen. Und so ziehen sie zur Regenzeit wieder zurück in die mineralstoffreichen Weiden des Ngorongoro-Kraters. Und alles beginnt von vorne.

Wanderung in Zukunft

Bereits in den 1950er Jahren setzte sich Bernhard Grzimek mit seinem Sohn Michael für den Erhalt des Ökosystems ein. Auch heute spielt die Zoologische Gesellschaft Frankfurt bei dessen Schutz noch eine maßgebliche Rolle.

Sie finanziert zum Beispiel die Ausrüstung, Schulung und Gehälter der Wachposten. Auch die wiederkehrenden Zählungen des Wildtierbestandes werden von ihr durchgeführt.

Eine große Herde Gnus läuft von der Kamera weg. Die dunkelbraunen Tiere mit Hörnern laufen unter Bäumen in der Savanne. Ein Gnu steht vorn und dreht sich zum Betrachter um.

Die Gnus brauchen weiterhin Schutz

Das Problem der Wilderei versucht die Zoologische Gesellschaft Frankfurt zusammen mit der tansanischen Regierung einzugrenzen. Die arme Bevölkerung soll zunehmend an dem Gewinn aus Tourismus und Großwildjagd beteiligt werden. Ob die Einheimischen die Tiere mehr schützen werden, wenn sie ihnen materielle Vorteile bringen, bleibt abzuwarten.

Nicht nur die Wilderei, auch die Landwirtschaft ist eine der großen Herausforderungen der Zukunft. Im Quellgebiet des Maras werden Wälder abgeholzt. Großbauern nutzen das Land für Ackerbau und bewässern es künstlich.

Der Kampf um das kostbare Nass hat begonnen. Der Fluss führt immer weniger Wasser. Die Weidegebiete der Gnus werden trockener, Rinder grasen sie ab.

Autorin: Birgit Amrehn

Stand: 09.06.2017, 12:45

Darstellung: