Tierische Orientierung

Drei Kamillenblüten und eine Biene im Anflug auf eine der Blüten

Tierwanderungen

Tierische Orientierung

Jedes Tier hat die Fähigkeit, sich zu orientieren. Die braucht es, um sein Futter zu finden, seine Partner zu suchen oder um einfach wieder nach Hause zu gelangen. Dabei benutzen Tiere die unterschiedlichsten Methoden.


Alle zur Wildblüte!

So unglaublich es klingt, aber eine Biene beschreibt ihren Mitbewohnern im Bienenstock tatsächlich den Weg zu neu entdeckten Blütenpollen, indem sie ein Tänzchen aufführt. Ist die Futterquelle nah, macht sie es sich einfach und tanzt den sogenannten Rundtanz: immer im Kreis herum.

Bei weiter Entfernung, führt sie den Schwänzeltanz auf, wobei sie mit dem Hinterteil hin und her schwingt. Mehrere Schritte schwingend geradeaus bezeichnen die Richtung. Tanzt sie genau senkrecht an der Wabe hoch, heißt es, dass der Fundort in Richtung Sonne liegt, bei Abweichungen tanzt sie entsprechend schräg.

Mit ihrem Tanz zeigt die Biene ihren Kolleginnen noch mehr: Je länger sie schwänzelt und je länger die Tonintervalle sind, die sie dabei mit ihren Flügeln von sich gibt, desto weiter liegt die Futterquelle entfernt. Je öfter sie ihre Tänzchen vollführt, desto ergiebiger ist die Quelle. Dank der Duftstoffe, die die Biene dabei versendet, wissen die anderen auch sofort, wonach sie zu suchen haben.

Diese Bienensprache gilt jedoch nicht für alle Bienenvölker. Forscher haben herausgefunden, dass auch Bienen unterschiedliche "Sprachen" sprechen. So kennen italienische und australische Bienen zum Beispiel noch einen weiteren Tanz, der die mittlere Entfernung signalisiert. Ausgerechnet die brasilianischen Honigbienen tanzen gar nicht – wo man von den Brasilianern doch eigentlich eine schwungvolle Samba erwarten könnte.

Wer knackt die Nuss?

Viele Tiere horten im Herbst ihr Futter, damit sie im Winter etwas zu fressen haben. Einige bauen sich für die kalten Tage ein Nest und legen dort ihr Futter hinein, oder sie deponieren es direkt neben der Höhle oder dem Nest. Das kann allerdings zu einem Problem werden, wenn ein anderes Tier das Versteck findet und ausplündert, denn dann gibt es im Winter nichts zu essen.

Um so einem Unglück aus dem Weg zu gehen, legen sich andere Tiere einfach mehrere Verstecke an, wie die Eichhörnchen und manche Vogelarten. Doch wie um alles in der Welt finden sie unter der Schneedecke des Winters ihre Verstecke wieder?

Versuche mit Eichelhähern und anderen Vögeln haben ergeben, dass sie gerne besonders markante Stellen für ihre Verstecke aussuchen. Sieht man einen Vogel eine Nuss vergraben, so fällt auf, dass er nachher immer mit dem Kopf hin und her geht. Er schaut sich seine Umgebung genau an und prägt sie sich ein. Wahrscheinlich sammelt er gleichzeitig auch Informationen über das magnetische Feld der Verstecke.

Sein Gedächtnis ist so gut, dass er trotz Schneedecke die meisten der Verstecke wieder findet, obwohl er sie überall in der Gegend verteilt angelegt hat. Einige Nüsse allerdings findet auch der aufmerksamste Vogel nicht wieder, und dort wächst dann vielleicht im nächsten Jahr eine neue Eiche oder ein neuer Haselnussbaum – und damit Futter für spätere Winter.

Eichelhäher

Eichelhäher können sich Verstecke gut merken

Und immer lockt das Weib

Neben dem Futter bleibt das Wichtigste im Leben der Tiere die Fortpflanzung. Wie schwer es jedoch ist, immer den richtigen Partner zu finden, davon können auch wir Menschen ein Lied singen. Bei der Suche sind häufig Duftstoffe im Spiel. Dass Tiere sich durch Duftstoffe anlocken, ist nicht ungewöhnlich. Wir kennen es vom Beschnuppern der Hunde.

Auch wir Menschen sondern sogenannte Pheromone ab, die uns bei der Partnersuche behilflich sind. Doch dass ein Schmetterling-Männchen auch noch auf einen Kilometer Entfernung oder mehr ein Weibchen riechen kann, das hat Wissenschaftler neugierig gemacht.

Es war zu vermuten, dass Schmetterlinge über ausgeprägt gute Riechorgane verfügen. Die Forscher entdeckten sie in den Fühlern der Schmetterling-Männchen - die Damenwelt riecht ihre Duftnoten nicht. Dafür ist das Riechorgan der Männchen extrem gut ausgeprägt. Es kann genau unterscheiden, in welchem Mischungsverhältnis die verschiedenen Duftstoffe stehen.

Das ist wichtig, denn sonst würde es womöglich bei der falschen Schmetterlingsart landen und prompt abblitzen. Das Männchen reagiert schon, wenn es auch nur ein einziges Molekül des Duftstoffes wittert.

Doch auch bei Schmetterlingen gilt: Der Wind muss günstig stehen. Weht der Wind die Duftmoleküle zum Männchen herüber, dann wird es, immer der Nase nach, hin und her gegen den Wind fliegen, um die Spur bis zum Weibchen zu verfolgen. Steht der Wind allerdings ungünstig, braucht auch der Schmetterling eine gehörige Portion Glück bei der Partnersuche.

Kaisermantel

Schmetterlinge – immer der Nase nach

Die in die Ferne schweifen

Haben sich die Partner einmal gefunden, gibt es in der Regel bald Nachwuchs. Den Nachwuchs eines bestimmten Tieres hat man lange Zeit nicht als solchen wahrgenommen: Flussaale kannte man lange nur als ausgewachsene Tiere. Wo sie herkamen, blieb ein Rätsel, das in früherer Zeit gar zu der Vermutung Anlass gab, Aale entstünden aus den Schwanzhaaren von Pferden.

Erst nachdem man entdeckt hatte, dass die Jungtiere in der Regel vom Meer in die Flüsse kamen, und die geschlechtsreifen Tiere von den Flüssen ins Meer zogen, suchte man im Meer nach dem Laichplatz der Tiere.

Man fand ihn im Sargassomeer im Atlantischen Ozean an der Ostküste Amerikas, um die 3000 Seemeilen von Europas Küsten entfernt. Von dort ziehen sie allmählich nach Europa. Wenn sie die Flüsse dort erreicht haben, sind die Aale schon etwa vier Jahre alt. Wie aber finden sie den Weg dorthin?

Tatsächlich gibt es diesbezüglich noch keine wissenschaftlich fundierten Aussagen. Es wird allerdings vermutet, dass Aale sich ähnlich wie Tauben am Magnetfeld der Erde orientieren. Erst wenn sie die Küste erreichen, hilft ihnen der Geruchssinn weiter, der ihnen sagt, wo sich eine Flussmündung befindet.

Einmal im Fluss angekommen, können wir Menschen ihn dann fangen, räuchern und verspeisen. Vermutlich wissen das die Aale, und so erübrigt sich die Frage, warum sie immer wieder den beschwerlichen Weg unternehmen, um Tausende von Kilometern entfernt zu laichen.

Zwei Aale schwimmen im Wasser.

Aale nutzen wahrscheinlich das Erdmagnetfeld

Dies ist nur ein Teil der Fähigkeiten, die Tiere besitzen, um sich in ihrer Umwelt zu orientieren. Andere Tiere benutzen Schallwellen, haben einen besonders ausgeprägten Hörsinn, erkennen das Polarisationsmuster des Himmels, sehen UV-Licht oder speichern jede ihrer Bewegungen so genau ab, dass sie durch instinktive Umrechnung immer auf dem schnellsten Weg nach Hause finden – auch wenn sie auf dem Hinweg zickzack und in Kreisen gelaufen sind.

Und dann gibt es noch uns Menschen: Wir haben unsere feinen instinktiven Sinne vielleicht ein wenig eingebüßt, dafür aber eine Menge an technischen Hilfsmitteln erfunden und entwickelt, die uns die Orientierung auch auf unwegsamem Gelände möglich machen.

Autorin: Sine Maier-Bode

Stand: 25.10.2017, 09:24

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