Waldsterben

Wie geht es dem Wald? Planet Wissen 06.10.2020 06:04 Min. Verfügbar bis 06.10.2025 SWR

Umwelt

Waldsterben

Von Dirk Neumann und Monika Sax

Mit saurem Regen hätten wir ihn fast dahin gerafft, den deutschen Wald. Oder war alles nur Schwarzmalerei? Schließlich stehen die meisten Bäume immer noch – allen Unkenrufen zum Trotz.

Viel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten getan in Sachen Luftreinhaltung und Umweltbewusstsein, dennoch können wir uns nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen. Den sauren Regen mögen wir im Griff haben, aber schon fordern neue Übeltäter den Wald heraus. Ganz oben auf der Liste: die Trockenheit.

Im Zeichen des sauren Regens

"Der Wald stirbt" – Anfang der 1980er Jahre beherrschten solche Schlagzeilen die Medien. Horrorszenarien wurden gezeichnet von kahlen Stadtparks und waldlosen Mittelgebirgen, auf denen nur noch vereinzelte Baumskelette mahnend ihre nackten Zweige in den Himmel recken würden.

Zu lange hatten Industrie, Privathaushalte und Verkehr sorglos Schwefelwasserstoffe und andere Gifte in die Luft gepumpt. Vor allem die Emissionen von Braunkohlekraftwerken setzten dem Wald schwer zu.

Dieses Verhalten sollte sich nun rächen. Binnen 20 Jahren würde es kaum noch einen gesunden Baum geben – wenn nicht sofort gehandelt würde.

Doch es wurde gehandelt: Filteranlagen für die Industrie, Katalysatoren und bleifreies Benzin für die Autos. Der saure Regen war nicht mehr ganz so sauer. Die Katastrophe schien abgewendet, der Wald gerettet.

Aber ist er das wirklich? Oder war von Anfang an alles nur übertriebene Panikmache und der Wald hätte sich sowieso erholt?

Kahle Bäume ragen in blauen Himmel.

Der Wald ist krank

Wie geht es dem Wald heute?

In der Diskussion ums Waldsterben stehen sich heute zwei sehr gegensätzliche Lager gegenüber. Die einen sagen, dass der Wald nie wirklich kurz vor dem Aus stand. Dass die Gesundheit der Bäume natürlichen Schwankungen unterliegt und dass kranke, angeschlagene Bäume nicht zwangsläufig sterben müssen, sondern sich durchaus auch wieder erholen können.

Das andere Lager geht davon aus, dass das Waldsterben noch lange nicht vorbei ist. Dass die Wälder zwar nicht großflächig abgestorben sind, aber heute sogar mehr Bäume Anzeichen von Schädigungen aufweisen als noch vor 20 Jahren. 

Seit den 1980er-Jahren wird diese Frage regelmäßig im Waldzustandsbericht der Bundesregierung thematisiert. Die Jahre 2018 und 2019 haben gezeigt, dass der Klimawandel endgültig und für alle sichtbar im deutschen Wald angekommen ist.

Zu viele Nährstoffe

Wurden dem Boden noch in den 1980er und 1990er durch den sauren Regen die Nährstoffe entzogen, so bereitet ihm inzwischen die Überdüngung Probleme.

Stickstoffverbindungen aus Viehhaltung und industriellen Abgasen verbreiten sich über die Luft und gelangen mit dem Regen in den Waldboden. Die betroffenen Bäume wachsen schneller als normal. Leider zu schnell – die Gesundheit des Baumes leidet darunter und er wird anfälliger für Krankheiten und Schädlinge.

Waldsterben

Die Trockenheit setzt den Bäumen massiv zu

Waldfeind Nr. 1: Trockenheit

Das größte Problem ist jedoch die anhaltende Dürre der vergangenen Jahre. Diese hat dazu geführt, dass Laubbäume verfrüht ihr Laub abwerfen, um die Verdunstung zu reduzieren.

Bei der Fichte begünstigte sie die Massenvermehrung von Borkenkäfern. Die Harzproduktion, mit der sich gesunde Bäume gegen bohrende Schädlinge wie Borkenkäfer verteidigen, kommt aufgrund der fehlenden Feuchtigkeit zum Erliegen.

Die Bäume sind den Borkenkäfern hilflos ausgeliefert, die in warmen, trockenen Sommern wiederum prächtig gedeihen und sich stellenweise massenhaft vermehren. Unter solchen Bedingungen pflanzt sich nämlich nicht nur eine Käfer-Generation fort, sondern zwei bis drei.

Der Kronenzustand hat sich 2019 gegenüber dem Vorjahr bei allen Baumarten weiter verschlechtert und war noch nie so schlecht wie seit Beginn der Aufzeichnungen 1984. Etwa doppelt so viele Laub- und Nadelbäume starben 2019 ab wie in den Vorjahren. Insgesamt sind 180.000 Hektar Wald bereits irreparabel geschädigt oder tot.

Forstwirte in der Klemme

Mit diesen Herausforderungen haben die Förster schwer zu kämpfen. Ein Forstbetrieb ist nicht zuletzt ein Wirtschaftsunternehmen, das einen Profit erarbeiten muss. Außerdem müssen dabei stets Kompromisse zwischen den Anliegen von Jägern, Naturschützern, Erholungssuchenden, Holzindustrie und Waldbesitzern geschlossen werden.

Holzstämme werden mithilfe eines Krans auf einen Sattelschlepper geladen.

Die Holzindustrie braucht einen gesunden Wald

Eine großflächige Borkenkäferplage kann einen Forstbetrieb in den Ruin treiben. Das Holz befallener Bäume kann zwar meist noch verwertet werden, bringt aber keine profitablen Preise.

Auch für hochwertiges Holz sind die Preise gesunken, was es den Forstbetrieben erschwert, Gewinne zu erwirtschaften. Alternative Konzepte, mit denen Einnahmen etwa aus Tourismus gewonnen werden können, werden zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Fazit: Der Zustand des Waldes ist bedenklich. Fichten- und Kiefer-Monokulturen haben keine Zukunft mehr. Sie kommen mit dem Klimawandel nicht klar. Nur ein artenreicher Mischwald wird mit den sich ändernden Temperatur- und Niederschlagsbedingungen eine Zukunft haben.

SWR | Stand: 01.10.2020, 15:00

Darstellung: