Orkan Lothar

Nadelwald mit entwurzelten und zum Teil stark verbogenen Bäumen.

Waldsterben

Orkan Lothar

Am 26.12.1999 liegt ein Tiefdruckgebiet über der Bretagne. Nichts Ungewöhnliches zu dieser Jahreszeit, doch dann sinkt sein Druck noch weiter ab. Ein Sturmtief entsteht und nimmt Kurs nach Osten.
Beim Weg durch die Mitte Frankreichs liegen die Windgeschwindigkeiten noch bei 90 Kilometern pro Stunde. Doch als der Sturm Lothringen und das Elsass erreicht, wütet er bereits mit zerstörerischen Windböen von mehr als 170 Kilometern pro Stunde.

Extreme Windgeschwindigkeiten

Im Schwarzwald werden noch nie zuvor gemessene Windgeschwindigkeiten von deutlich mehr als 200 Kilometern pro Stunde registriert. Dann fallen die Instrumente aus. Hausdächer, Autos, Stromleitungen sind Spielball der Naturgewalten.

Jahrhundertealte Bäume knicken ab wie Streichhölzer. Der Orkan, von den Meteorologen "Lothar" getauft, zieht weiter nach Bayern, bevor er über Sachsen allmählich an Kraft verliert. Zurück lässt er 60 Tote und Sachschäden in Milliardenhöhe.

Noch Jahre nach Lothar war die Schneise der Verwüstung deutlich in den Wäldern zu sehen. Allein in Baden-Württemberg wurden 25 Millionen Festmeter Holz flach gelegt. Auf mehr als 60.000 Hektar hatte ein Kahlschlag stattgefunden.

Dabei sind die Schäden nicht unbedingt weiträumig und großflächig. Manchmal schieben sich kahle Schneisen wie Finger über die Bergrücken, während rechts und links davon weiterhin dichter Wald steht.

Gravierende Auswirkungen

Die Auswirkungen von Lothar waren gravierend, die Aufräumarbeiten langwierig und gefährlich. Einige Waldarbeiter verloren bei der Bergung des Sturmholzes ihr Leben. Die Holzwirtschaft hatte mit dem Überangebot zu kämpfen. Manche Waldbesitzer standen vor dem finanziellen Ruin.

Die Bergungsarbeiten mit schwerem Gerät verdichteten den Waldboden. Wasser konnte nicht mehr einsickern, sondern floss oberflächlich ab und entfaltete so seine zerstörerische Wirkung. Besonders erosionsgefährdet waren die kahlen Flächen.

Neue Chance für die Forstwirtschaft

Doch die Katastrophe barg auch Chancen in sich. Ganz bewusst wurde auf manchen der Sturmholzflächen überhaupt nicht von Menschenhand eingegriffen. Man überließ die Natur sich selbst, da solche Flächen eine Vielzahl unterschiedlicher ökologischer Nischen bieten.

Luftaufnahme einer vom Sturm fast vollständig geworfenen Waldfläche.

Der Kahlschlag ermöglicht völlig neue Konzepte

Überraschend schnell wuchsen verschiedene Kräuter und Bäume nach, seltene Tierarten fanden neuen Lebensraum. Allerdings bergen solch große Totholzflächen auch das Risiko, dass sich der schädliche Borkenkäfer auf ihnen stark vermehrt.

Wo wiederaufgeforstet wurde, sollten keine Holzplantagen als Monokulturen entstehen, sondern artenreiche Mischwälder. Die Anpflanzung nicht standortgemäßer, schnell wachsender Baumarten (überwiegend Fichten) war mit ein Grund für das große Ausmaß der Zerstörung gewesen.

Doch ganz nüchtern betrachtet muss man eingestehen, dass selbst dicke Eichen die stärksten Sturmböen wohl kaum überstanden hätten. Bestätigt wurde dies rund sieben Jahre später, als wieder ein schwerer Orkan über Deutschland hinwegfegte.

Lothars Erbe: Orkan "Kyrill"

Am 18. Januar 2007 sorgte Orkan "Kyrill" dafür, dass das öffentliche Leben in Deutschland kurzzeitig zum Erliegen kam. Wegen der Windböen von mehr als 200 Kilometern in der Stunde entschied sich die Deutsche Bahn, für rund zehn Stunden ihren gesamten Fernverkehr einzustellen.

Sowohl während des Sturms als auch bei den anschließenden Aufräumarbeiten kamen mehrere Menschen ums Leben. Der materielle Schaden wurde allein in Deutschland auf etwa zwei Milliarden Euro geschätzt.

Besonders in den Wäldern hatte Kyrill verheerende Auswirkungen. In Deutschland warf der Sturm rund 20 Millionen Kubikmeter Holz um, zwölf Millionen davon in Nordrhein-Westfalen. Auch diesmal waren wieder vor allem Monokulturen betroffen, darunter besonders Fichten und Kiefern.

Vom Sturm umgeknickte Starkstrommasten.

Rund zwei Millionen Euro Schaden

Bereits kurze Zeit nach Kyrill entwickelten Vertreter mehrere Verbände – darunter der Landesbetrieb Wald und Holz, die Forstwirtschaftliche Vereinigung und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald – ein sogenanntes Wiederbewaldungskonzept.

Ziel des längerfristig angelegten Projekts ist es, die stark zerstörten Flächen vielfältig zu bewalden. Es sollen standortgerechte, stabile und produktive Mischwälder entstehen, die Orkanen und den sich ändernden Umweltbedingungen trotzen können. Durch verschiedene Baumarten mit unterschiedlichen Anpassungs- und Störanfälligkeiten kann so dauerhaft ein widerstandsfähiger Wald entstehen.

Autor: Dirk Neumann

Stand: 29.08.2017, 12:02

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