Ameisenbär

Ein kleiner Ameisenbär

Wildtiere

Ameisenbär

Von Lydia Möcklinghoff

Eine bananenförmige Schnauze, die eine klebrige, 60 Zentimeter lange Zunge beherbergt. Ein buschiger Schwanz, der als Zudecke dient. Große Ameisenbären erscheinen wie eine Laune der Natur, sind aber vor allem eins: eine geniale Erfindung der Evolution.

Sie leben in Süd- und Mittelamerika und ernähren sich ausschließlich von Ameisen und Termiten. Ihre Ernährung macht sie konkurrenzlos und ihr Fleisch ungenießbar.

Die Ameisenbären gibt es seit 57 Millionen Jahren. In Bedrängnis geraten die Tiere erst, seitdem der Mensch ihnen den Lebensraum streitig macht.

Lydia Möcklinghoff

Lydia Möcklinghoff

Die Zoologin promoviert am Forschungsmuseum Koenig in Bonn. Seit vielen Jahren erforscht sie den Großen Ameisenbären im brasilianischen Outback.

Sie ist mehrfache Science-Slam-Gewinnerin und hat über das Abenteuer Artenschutz zwei Bücher veröffentlicht.

Kein Ameisenbär: die Blaue Elise

In Deutschland ist der Ameisenbär vor allem durch die Blaue Elise bekannt, die in der Zeichentrickserie Der rosarote Panther aus den siebziger Jahren die Ameise Charly jagte. Unter Staubsaugergeräuschen versuchte die etwas beschränkte Ameisenbärendame die viel schlauere Ameise mit der Schnauze einzusaugen. Erfolglos, wohlgemerkt.

Wer jetzt schon in Erinnerungen schwelgt, wird aber leider enttäuscht, denn die Serie wartet mit verschiedenen biologischen Unzulänglichkeiten auf. In Wahrheit ist die Blaue Elise nämlich gar kein Ameisenbär, sondern ein Erdferkel.

Das verrät auch schon der Originaltitel des Cartoons: The ant and the aardvark (auf Deutsch: Die Ameise und das Erdferkel). Und tatsächlich sieht die Blaue Elise mit ihren großen Ohren und dem känguruartigen Schwanz nicht wirklich wie ein Ameisenbär aus.

Erdferkel fressen zwar auch Ameisen, leben aber im Gegensatz zum Ameisenbären aus Südamerika ausschließlich in Afrika. Verwandt oder verschwägert sind die beiden nicht.

Ein Gürteltier

Gürteltiere sind nahe Verwandte der Ameisenbären

Die Ordnung der Nebengelenktiere

Der Ameisenbär ist übrigens auch kein Bär im biologischen Sinne: Er gehört mit den Faultieren und Gürteltieren zur Ordnung der Nebengelenktiere. Sie alle sind typische Tiere für die Natur Süd- und Mittelamerikas.

Die Nebengelenktiere verdanken ihren Namen einem zusätzlichen Gelenk in der Wirbelsäule. Darum kann sich ein Kugelgürteltier wie ein Schweizer Taschenmesser zusammenklappen, wenn Gefahr droht.

Ein Faultier kann sich mithilfe des Gelenks rücklings vom Ast baumeln lassen. Ameisenbären können sich durch das Gelenk komfortabel auf die Hinterbeine stellen, um ihre Krallen zur Verteidigung oder zum Aufkratzen von Bäumen und Termitenhügeln frei zu haben.

Ein Zwergameisenbär auf einer Hand

Zwergameisenbären sind kaum größer als Eichhörnchen

Der dreifingrige Ameisenfresser

Insgesamt gibt es vier Arten von Ameisenbären. Die kleinsten sehen ein bisschen aus wie Eichhörnchen und leben ausschließlich in Bäumen, die größten sind bis zu zwei Meter lang und leben auf dem Boden.

Letztere sind so hoch wie ein Schäferhund, bestehen aber überwiegend aus Schnauze und Schwanz. Diesen benutzen sie, um sich beim Schlafen zuzudecken. Der offizielle, deutsche Artname dieser großen Ameisenbären ist nicht sonderlich kreativ: Großer Ameisenbär.

Der lateinische mutet da schon informativer an: Myrmecophaga tridactyla, also dreifingriger Ameisenfresser. Tatsächlich haben Große Ameisenbären drei lange Krallen an den Vorderpfoten.

Mit denen graben sie etwa im Boden nach Ameisen und Termiten. Oder sie kämmen damit beim Baden gewissenhaft ihren Schwanz.

Ameisenbären sind Spezialisten Planet Wissen 27.11.2017 02:48 Min. UT Verfügbar bis 01.02.2022 WDR

Ameisenbärenmütter tragen ihre Jungen auf dem Rücken

Große Ameisenbären sind natürlich auch nicht blau wie Elise, sondern schwarz-braun mit weißen Vorderbeinen. Über die Schulter zieht sich eine schwarz-weiße Zeichnung, die der Tarnung des Jungtieres dient.

Das wird von der Ameisenbärenmutter bis zu neun Monate auf dem Rücken getragen. Das Kleine positioniert sich genau so, dass seine schwarze Schulterzeichnung mit dem Fell der Mutter verschmilzt.

Seine Konturen sind auf diese Weise für Feinde kaum erkennbar, beispielsweise für Greifvögel wie die Harpyie. Bis auf diese Mutter-Jungtier-Gespanne sind Ameisenbären Einzelgänger.

Ameisenbärmutter mit Baby auf dem Rücken

Gut geschützt auf dem Rücken der Mutter

Gesichtsbanane mit Erbsenhirn

Anstatt ihre Nahrung wie ein Staubsauger einzusaugen, lecken Ameisenbären die Ameisen und Termiten – von denen sie sich ausschließlich ernähren – mit ihrer langen Zunge auf.

30.000 dieser kleinen Insekten bleiben pro Tag am klebrigen Speichel pappen und verdauen sich danach im Magen des Ameisenbären in ihrer eigenen Säure.

Der langgezogene Schädel erleichtert die Nahrungssuche: Hat der Ameisenbär mit seinen langen Krallen erst ein Loch in ein Ameisen- oder Termitennest gegraben, kann er mit der schmalen Schnauze darin herumstochern.

Der kleine Kopf hat aber auch einen entscheidenden Nachteil: In so einer behaarten Gesichtsbanane ist nicht viel Platz für Gehirn. Tatsächlich ist der Ameisenbär daher nicht die hellste Kerze auf der Torte. Zumindest hier gibt es Ähnlichkeiten zur Blauen Elise.

Kopf eines Ameisenbären

Wenig Platz für ein Gehirn

Bedrohungen für den Ameisenbären

Aufgrund dieser übersichtlichen Hirnkapazität kann sich das Tier immer nur auf eine Sache gleichzeitig konzentrieren. Monotasking in Reinform.

Wenn ein Ameisenbär auf der Futtersuche nur Ameisen im Kopf hat und sonst so kaum etwas um sich herum mitbekommt, kann das in freier Wildbahn gefährlich sein.

In Südamerika schleichen Jaguare und Pumas durch die Wälder, und so eine große Katze genehmigt sich durchaus hin und wieder einen Ameisenbären zum Mittagessen.

Der Ameisenbär hat jedoch Glück im Unglück: Er ist keine attraktive Nahrungsquelle. Angeblich schmeckt sein Fleisch für Menschen sehr bitter.

Dementsprechend wird er kaum gejagt und steht auch bei seinen natürlichen Feinden wie Puma und Jaguar nicht ganz oben auf der Speisekarte.

Das Fleisch von Ameisenbären ist ungenießbar

Was Jaguare lecker finden, kann man natürlich kaum beurteilen. In jedem Fall sind Ameisenbären im Vergleich zu Schweinen oder ähnlichen Tieren aber eine ziemlich sperrige Beute: mager, behaart, und – dank ihren langen Krallen – auch noch wehrhaft.

Gefressen zu werden, ist darum nicht ihr größtes Problem. Viel häufiger werden die eher bedächtigen Tiere von Autos überfahren.

Ein herannahendes Fahrzeug bekommt ein begriffsstutziger Ameisenbär in der Regel erst dann mit, wenn sein Geist schon über seiner platten Leiche schwebt.

Deshalb, und auch weil sein Lebensraum zunehmend zerstört wird, steht der Große Ameisenbär mittlerweile auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten (IUCN 2014, Status: Gefährdet).

Früher gab es sie von Belize in Mittelamerika bis hinunter nach Uruguay und Nordargentinien. Dort gelten sie aber bereits als ausgestorben.

Die Verbreitung schrumpft von den Rändern aus, und auch in einigen Regionen Brasiliens brechen die Bestände zusammen.

Toter Ameisenbär am Straßenrand

Eine große Bedrohung für Ameisenbären ist der Straßenverkehr

Der Ameisenbär ist kaum erforscht

Um den Ameisenbären künftig schützen zu können, braucht man vor allem Informationen zu seiner Ökologie. Diese untersucht die Wechselbeziehung eines Lebewesens zu seiner Umwelt.

Wie reagiert ein Ameisenbär etwa auf das Wetter? In welchen Lebensräumen hält er sich am liebsten auf? Die Bedürfnisse dieser uralten Tierart sind bisher kaum erforscht.

Die wenigen Studien, die es gibt, sind meist mehr als 30 Jahre alt. Eigentlich überraschend, streift so ein Großer Ameisenbär doch recht auffällig durch die Savannen seiner Heimat.

Wenn nicht bald Schutzkonzepte entwickelt werden, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis dieser charismatische Zausel von der Bildfläche verschwindet.

Weiterführende Infos

Stand: 19.07.2019, 10:45

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