Spezialfahrzeug im Erkundungsbergwerk Gorleben

Atommüll

Salzstöcke als Atommülllager

1960 ging in Deutschland das erste Atomkraftwerk ans Netz, ohne dass eine entscheidende Frage geklärt war: Wohin mit dem radioaktiven Müll? Bis heute gibt es keine Lösung. Viele Experten sprechen sich für eine Einlagerung in Salzstöcken aus. Doch ist das eine gute Idee?

Von Silvio Wenzel

Sicherheit für eine Million Jahre?

Atommüll ist eine hochbrisante Angelegenheit. Auch wenn die Brennstäbe aus den Atomkraftwerken nicht mehr zur Erzeugung von Strom genutzt werden können – sie strahlen trotzdem noch über eine Million Jahre vor sich hin. Und sind dann auch für diesen Zeitraum noch gefährlich.

Also lautet die Aufgabe: Wie werden wir diesen gefährlichen Müll wieder los? Und das mit einer Art Sicherheitsgarantie. Denn solange die ausrangierten Brennstäbe noch strahlen, sollten sie auch sicher unter Verschluss bleiben.

An dieser Stelle kommen vor allem in Deutschland immer wieder Salzstöcke ins Gespräch. Wie zum Beispiel der Salzstock in Gorleben.

Die Überlegung klingt ja zunächst auch plausibel. Warum nicht den radioaktiven Abfall mehrere hundert Meter unter der Erde für alle Zeit vergraben? Salzstöcke gibt es in Deutschland genügend. Und davon sollte sich doch bestimmt der eine oder andere für die Brennstäbe eignen. Aber warum ausgerechnet Salzstöcke?

Drei Kandidaten – (k)ein Favorit?

Im Grunde gibt es nur drei Bodenschichten, die diskutiert werden: Salz, Ton und Granit. Jede Schicht hat ihre ganz besonderen Vor- und Nachteile.

Salz wird von vielen Experten favorisiert. Denn das weiße Gold hat einen unschätzbaren Vorteil: Hohlräume im Salz schieben sich im Laufe der Zeit einfach zusammen. Das Salz "fließt" dabei förmlich. Selbst bei rabiaten Bodenbewegungen reagiert es auf diese Art.

Eingelagerter Müll würde so sanft und allmählich umschlossen. Und noch eine Eigenschaft spricht für viele für das Salz: Es ist hitzebeständig. Der radioaktive Müll könnte so in aller Ruhe auskühlen.

So weit, so gut. Aber Salz ist wasserlöslich. Tritt Wasser in den Salzstock ein, dann könnte sich im schlimmsten Fall eine radioaktive Lauge bilden, die sich dann immer weiter durch das Gestein frisst.

Dieses Problem zeigt sich schon heute im Versuchslager Asse II, einem ehemaligen Salzbergwerk. Dort sickert jeden Tag mehr Wasser ein, das schließlich als radioaktive Brühe an die Erdoberfläche gedrückt werden könnte.

Wenn Wasser in ein Endlager eintreten würde, dann wäre Salz die schlechteste aller Lösungen. Dazu kommt noch, dass die Behälter für den Atommüll im Salz ziemlich schnell wegrosten. Der Abfall würde dann ungeschützt im Salz liegen.

Zudem verkehrt sich der so gelobte Vorteil in einen Nachteil: Weil Salz in Hohlräume einfließt und dabei das Material fest umschließt, könnte man den Müll in Zukunft nicht mehr zurückholen, falls dies nötig sein sollte.

Fässer mit schwachradioaktiven Abfällen unter einer Salzdecke im Salzbergwerk Asse II

Schwachradioaktive Fässer im Versuchslager Asse II

Garantie unmöglich

Granit dagegen ist ein sehr hartes und stabiles Gestein. Und vor allem nicht wasserlöslich. Gegen dieses Material spricht, dass es darin viele und starke Zerklüftungen gibt. Durch diese könnte auch hier wieder Wasser eindringen.

Und natürlich könnte darum auch ausgetretenes radioaktives Material schlechter zurückgehalten werden. Beim Ton sieht es ganz ähnlich aus: Auch er ist nicht wasserlöslich, kommt in sehr dicken Schichten vor und ist ausgesprochen hitzebeständig. Doch auch der Ton ist ziemlich rissig, mit den gleichen Folgen wie beim Granit.

In Deutschland wurde lange Salz als Wirtsgestein bevorzugt. In anderen Ländern sieht das anders aus. Doch im Grunde dürfte man keine generelle Entscheidung für oder gegen ein Gestein treffen. Vielmehr wäre eine gut überlegte Entscheidung für jede einzelne Endlagerstätte notwendig.

Zu Beginn des Atomzeitalters gingen die Wissenschaftler davon aus, dass ein Endlager für 10.000 Jahre Sicherheit bieten muss. Inzwischen haben sie sich selbst korrigiert und fordern: Wir brauchen mehr! Wir brauchen Sicherheit für eine Million Jahre. Zum Vergleich: Den modernen Menschen, den Homo sapiens sapiens, also uns, gibt es seit ungefähr 160.000 Jahren.

(Erstveröffentlichung 2009. Letzte Aktualisierung 13.12.2021)

Quelle: WDR

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