Interview: Kinder, rauf aufs Rad!

Portraitaufnahme von Angela Francke.

Geschichte des Fahrrads

Interview: Kinder, rauf aufs Rad!

Von Andrea Wieland

Prof. Angela Francke ist Professorin für Radverkehr an der Hochschule Karlsruhe. Als Verkehrspsychologin beschäftigt sie sich mit unserem Verhalten im Straßenverkehr. Ob Kinder Rad fahren, welchen Einfluss dabei Eltern und Schule auf sie haben und wie umgekehrt auch Kinder die Erwachsenen in Sachen Mobilität beeinflussen, das erzählt sie im Interview.

Kinder rauf aufs Rad! Wie kann das gelingen?

Um Kinder langfristig für das Fahrrad begeistern zu können, ist es besonders wichtig, den Spaß am Radfahren zu erhalten. Gemeisterte Herausforderungen und Erfolge sind hier wichtige Elemente. Darüber hinaus sollten die Eltern das Fahrradfahren vormachen und mit dem Rad alltägliche Wege erledigen. Regelmäßiges Üben ist auch notwendig, sei es auf längeren Radtouren mit der Familie, dem Sportunterricht oder in der Freizeit mit Freunden. Nur wenn ein Kind sicher und souverän im Umgang mit dem Fahrrad ist, kann die Hauptaufmerksamkeit auf dem Verkehr und anderen Radfahrenden liegen.

Natürlich wünschen sich Eltern, dass ihre Kinder sicher mit dem Rad zur Schule oder nachmittags zu Freunden fahren. Wie sollte Verkehrserziehung in der Schule aussehen?

Dass Kinder mit ihrem Rad zu Freunden oder zur Schule fahren, hat nicht zwangsläufig etwas mit der "Verkehrserziehung" in der Schule zu tun. Vielmehr fängt es mit den Eltern und deren Mobilitätsverhalten an. Selbst wenn die Kinder noch nicht das Fahrrad alleine nutzen können, so können Eltern ein Vorbild sein und gemeinsam mit ihren Kindern Strecken im alltäglichen Leben zurücklegen, so lange bis sie sich sicher sind, dass ihre Kinder die Strecken auch alleine sicher bewältigen können. Dazu gehört einfach auch Übung.

Was die Eltern vorleben, ist natürlich prägend. Das ist mit der Verkehrserziehung in der Schule nicht zu ersetzen, oder?

Es geht nicht darum, das eine mit dem anderen zu ersetzen. Sondern, ich denke, um eine bestmögliche Kombination und der gegenseitigen Unterstützung aller Akteur:innen hin zu einer nachhaltigeren Mobilität. Die Mobilitätserziehung ist im Endeffekt ein lebenslanger Lernprozess. Die Eltern können hier nur einen bestmöglichen Start geben. Wir alle müssen beständig weiterlernen: Das Zurechtfinden mit einer App oder mit den neuen Formen der Mobilität wie beispielsweise die Personenbeförderungen "Ridepooling" oder "Mobility as a Service" oder Elektrokleinstfahrzeuge wie E-Scooter

Was kann in der Schule ergänzend stattfinden?

Ich fände viele verschiedene Bausteine und Maßnahmen, die über alle Schuljahre verteilt sind, gut. Ein Teil davon ist der Fahrrad- und Verkehrsunterricht, der regelmäßig stattfinden sollte – auch in höheren Klassenstufen. Hierbei könnte sowohl ein Training auf dem Rad als auch die Klärung von schwierigeren Verkehrssituationen Inhalt sein. Ein weiterer Baustein könnte eine Themenwoche in der Schule sein, die Umwelt- und Klimaschutz thematisiert oder spielerisch und spannend aufzeigt, was man alles mit dem Rad transportieren kann. Dazu würde auch ein Workshop zu einfachen Radreparaturen passen. Insgesamt führt das dazu, dass Kinder durch Spaß und Erfolgserlebnisse das Fahrrad positiv wahrnehmen.

Man sagt, dass Kinder mit acht Jahren die Gefahren im Straßenverkehr erkennen können. Trotzdem sollte doch schon in den Jahren davor mit dem selbstständigen Fahren begonnen werden, oder?

Je früher Kinder das Radfahren erlernen und je häufiger das Rad genutzt wird, desto sicherer werden sie im Umgang mit diesem Verkehrsmittel. Zunächst muss sicherlich das Radfahren an sich geübt werden. Dies kann bereits ab dem frühen Kindesalter an geschehen. Dafür ist das Laufrad ideal, mit dem schon die Kleinsten die Vorteile spüren. Mit ein wenig Muskelkraft können sie bereits Balance üben und auch ein Erfolgserlebnis haben, wenn sie den Eltern vorweg fahren können. Über das Fahrrad als "Spielgerät" wird dafür schon die Voraussetzung für den weiteren Fahrspaß mit dem Fahrrad in der Alltagsnutzung gelegt. Verkehrserziehung hat aber nicht nur etwas mit Radfahren zu tun, sondern startet dann, sobald Kinder ihre Eltern auf den alltäglichen Wegen begleiten und im Verkehr, beispielsweise zu Fuß, unterwegs sind. Sie umfasst damit auch Regelkenntnis, Orientierung etc. und dient somit der Unterstützung der Selbstständigkeit der Kinder. Darüber hinaus fördert das zu Fuß gehen oder Radfahren die Entwicklung der Kinder und ist gesund.

Kleines Kind mit Laufrad und Helm inmitten von Fußgängern und Fahrradfahrern.

Diese positiven Effekte, macht die das "Elterntaxi" zunichte? Also Eltern, die mit dem Auto ihre Kinder bis vor den Eingang von Kita und Schule fahren.

Es ist verständlich, dass Eltern Angst um ihre Kinder haben, insbesondere wenn viel PKW-Verkehr im Umfeld der Schule ist. Vielen ist jedoch nicht bewusst, dass sie selbst Teil der Ursache für große Verkehrsmengen sind. Je mehr Eltern ihre Kinder mit dem Auto vor die Schultüren fahren, desto gefährlicher ist der Schulweg und auch der Schulhof für alle Kinder. Darüber hinaus sprechen die Erwachsenen den Kindern damit auch Kompetenzen für eine eigenständige Bewältigung des Schulwegs ab. Studien zeigen, dass Kinder, die alleine zur Schule laufen oder Rad fahren, ihre Umgebung deutlich aktiver und detaillierter wahrnehmen und auch eine bessere Orientierung erlernen.

Aber wie sieht es auf dem Land aus? Die Wege sind weit und die Eltern sehen oft keine andere Möglichkeit, als ihren Nachwuchs zur Schule zu fahren. Ist das wirklich so alternativlos?

Für Schulen mit vielen "Elterntaxis" in ländlicheren Gebieten, lohnt es sich, über ein gemeinschaftliches Mobilitätskonzept nachzudenken. Beispielsweise können Kinder zusammen zur Schule radeln, begleitet durch sich abwechselnde Elternteile. Falls das nicht möglich ist, dann können auch Fahrgemeinschaften gebildet werden oder die Kinder nutzen verschiedene Verkehrsmittel und legen beispielsweise nur eine Teilstrecke bis zur nächsten Bushaltestelle mit dem Auto zurück. Das Einrichten von Bring- und Abholzonen in einiger Entfernung zur Schule kann eine Lösung sein, um zumindest die Situation direkt vor der Schule zu entspannen, aber behebt insgesamt noch nicht die Ursache für das Elterntaxi insgesamt.

Das führt wieder zu dem Punkt, dass Eltern es in der Hand haben, ob sie verschiedene Mobilitätskonzepte vorleben oder nicht – aber können umgekehrt  auch Kinder ihre Eltern beeinflussen?

Natürlich können auch Kinder Erwachsene zum Radfahren motivieren, wenn es beispielsweise in der Schule thematisiert wird, ihre Freund:innen radeln oder das Umfeld entsprechend bestärkend ist. Kinder haben hier einen großen Einfluss. Denken Sie nur an den Bereich Ernährung. Jede Familie kennt das, dass hier die Kinder die Eltern beeinflussen können.

SWR | Stand: 29.09.2021, 14:00

Darstellung: