Hells Angels und Co.: Motorradfans oder Kriminelle?

Mitglieder des Motorrad- und Rockerclubs Hells Angels.

Motorräder

Hells Angels und Co.: Motorradfans oder Kriminelle?

Lederjacken, Tätowierungen, schwere Maschinen: Was einst als Zeitvertreib unter US-Kriegsveteranen begann, hat sich zu einer weltweit aktiven Organisation formiert. Die Hells Angels sind die Vorreiter unter den Motorradclubs. Die Medien und Behörden bezichtigen die Mitglieder häufig der Kriminalität. Die Rocker selbst betonen ihre Liebe zum Motorradfahren – und den Wunsch nach Freiheit.


Ein Zusammenschluss von Kriegsveteranen

Die ersten Motorradclubs werden in den 1920er und 1930er Jahren in den USA gegründet. Meist kommen die Mitglieder aus besserem Hause, tragen Krawatten und Anzüge und pflegen ein Gentleman-Image. Der Zusammenhalt ist lose, ein Motorradclub ist eine nette Freizeiteinrichtung ohne große Verpflichtungen.

Das ändert sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele Soldaten in ihre Heimat zurückkehren, denen es schwerfällt, sich in ihrem früheren Leben zurecht zu finden. Sie schließen sich in Motorradclubs zusammen, die mit martialischen Symbolen sowie einer aggressiven Haltung ihre im Krieg erlernten Kampfrituale weiterleben.

Die Mitglieder kleiden sich mit Bomberjacken aus Leder und Pilotenbrillen, die Clubs tragen Namen wie Pissed Off Bastards (englisch für zornige Bastarde), Hells Angels (Höllenengel) oder Booze Fighters (Schnapskämpfer).

Leben jenseits der Gesetze

1947 findet im kalifornischen Hollister ein Treffen Tausender Motorradfahrer statt, das die American Motorcyclist Association (AMA) organisiert hat. Während die meisten Teilnehmer friedlich bleiben, veranstaltet ein kleiner Teil betrunken illegale Rennen, zettelt Schlägereien an und randaliert.

Die Reporter stürzen sich auf die Zwischenfälle und übertreiben in ihren Berichten maßlos. Die Motorradfahrer – vor allem jene, die in Clubs organisiert sind – gelten fortan als gewalttätig. Ihr Ruf leidet darunter.

Die AMA betont angeblich in einer Stellungnahme nach den Ausschreitungen, dass 99 Prozent aller Motorradfahrer friedliche und unbescholtene Menschen seien und lediglich ein Prozent für den Aufruhr verantwortlich sei.

Eine Steilvorlage für viele Motorradfahrer, die sich selbst jenseits der Gesetze und der bürgerlichen Ordnung sehen und als "Outlaws" (englisch für Vogelfreie) definieren. Um diese Einstellung zu demonstrieren, tragen viele Mitglieder von Motorradclubs auch heute noch einen Aufnäher, auf dem "1%" steht.

Hells Angels auf Motorrädern

Mitglieder der Hells Angels fahren durch die Stadt

Diszipliniert und verschwiegen: die Hells Angels

Einer von ihnen: Ralph "Sonny" Barger. Er stammt aus zerrütteten Verhältnissen. Mitte der 1950er Jahre, nach seiner Entlassung aus der Armee, tritt er im kalifornischen Oakland den Panthers bei, doch hält er es dort nicht lange aus. Ihm fehlen Solidarität und bedingungslose Brüderschaft unter den Mitgliedern.

Mit ein paar Freunden gründet er einen eigenen Club, den sie Hells Angels nennen – eine Anlehnung an ein Bombergeschwader im Zweiten Weltkrieg, das diesen Spitznamen trug. Barger definiert genaue Regeln für die Hells Angels und gibt dem chaotischen Haufen eine Struktur und eine straffe Organisation.

Er gleicht das äußere Erscheinungsbild an und sorgt mit genauen Vorgaben, wer welche Symbole und Embleme auf der Weste tragen darf, für eine fast schon militärische Uniformität. Barger und seine Gang treffen sich mit den Hells Angels der anderen Städte, man einigt sich auf gemeinsame Regeln und steckt Territorien und Einflussgebiete ab.

Als wichtigstes Hells-Angels-Gesetz gilt die Brüderschaft. Hells Angels haben sich gegenseitig und in allen Situationen zu unterstützen, egal mit welchen legalen oder illegalen Mitteln. Die Vorschriften und Regeln des Clubs wiegen den Mitgliedern weit mehr als die bürgerlichen Gesetzbücher.

Das führt dazu, dass die Polizei und sonstige Ermittler oft auf eine Mauer des Schweigens treffen, wenn sie im Umfeld der Hells Angels ermitteln. Ein Outlaw löst die Konflikte auf seine eigene Art – und vor allem ohne Polizei.

Mann auf einem Motorrad

Sonny Barger gründete die Hells Angels

Das brutale Ende der Hippie-Ära

Im Laufe der 1960er Jahre werden die Hells Angels zu einer geachteten und gefürchteten Truppe, die schnell die Vorherrschaft unter den kalifornischen Clubs innehat. Immer wieder sind die Mitglieder in kriminelle Machenschaften wie Prostitution und Drogenhandel verwickelt, auch Sonny Barger verbringt mehrere Jahre hinter Gittern. Die Attraktivität der Hells Angels mindert das nicht.

Im Gegenteil: Motorradgangs aus ganz Amerika wollen den Hells Angels beitreten und eigene Ableger bilden, die "Charter". Sämtliche beitrittswilligen Charter werden dabei durch Barger und seine Vertrauten auf Herz und Nieren geprüft.

Wer ein Hells Angel werden will, gilt in der Clubhierarchie als "Prospect" (englisch für Anwärter). Er ist zu strengstem Gehorsam verpflichtet und muss viele niedere Dienste verrichten, kann aber auch zu kriminellen Taten verpflichtet werden, um seine Loyalität und Gesinnung zu beweisen.

1969 erreichen die Hells Angels traurige Berühmtheit. Sie arbeiten während eines Konzerts der Rolling Stones im kalifornischen Altamont als Ordner. Im Publikum kommt es zu Unruhen, die durch die aggressive Art von Bargers Leuten zusätzlich angeheizt wird. Ein Mann in der ersten Reihe zieht eine Pistole und wird von einem Hells Angel mit mehreren Messerstichen getötet. Beobachter sehen das "Altamont Disaster" als Wendepunkt, der das Ende der Hippie- und Flower-Power-Ära einläutet.

Die Rolling Stones während ihres Auftritts in Altamont 1969

Die Rolling Stones während ihres Auftritts in Altamont 1969

Die ersten Rockerclubs in Deutschland

In den 1970er Jahren entstehen auch außerhalb der USA Motorradclubs nach amerikanischem Vorbild. Das erste deutsche Hells-Angels-Charter wird 1973 in Hamburg gegründet. Weitere Ableger folgen, allerdings bilden sich in Deutschland viele regionale Clubs, die weniger gut vernetzt sind und keine internationalen Kontakte haben wie die Hells Angels in den USA oder deren große Rivalen, die Bandidos.

Nachdem es in den 1990er Jahren in Skandinavien zu brutalen Auseinandersetzungen mit mehreren Toten kommt, eskaliert ab Mitte der 2000er Jahre der "Rockerkrieg" zwischen Hells Angels und Bandidos auch in Deutschland. Es kommt zu Schlägereien, Anschlägen und Morden.

Die Behörden beschuldigen die Clubs der organisierten Kriminalität, mehrere Ortsverbände beider Seiten werden verboten, der Verfassungsschutz beobachtet die Szene intensiv. Bei den beschuldigten Clubs spricht man von vereinzelten schwarzen Schafen und betont die Rechtschaffenheit des Großteils der Mitglieder.

Mitglieder des Motorradclubs Bandidos

Die Bandidos gelten als erbitterte Rivalen der Hells Angels

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 30.01.2018, 14:09

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