Der Mann, der Alabaster salonfähig machte

In einen düsteren Vorratsraum scheint nur wenig Licht durch ein halbrundes Fenster. Von der Wand bis zur Raummitte liegen große Alabasterbrocken, eine angestellte Sackkarre darüber.

Alabaster

Der Mann, der Alabaster salonfähig machte

Von Bärbel Heidenreich

Marcello Inghirami-Fei lebte in Volterra, der Stadt des Alabasterhandwerks, und musste zusehen, wie die wirtschaftliche Situation vieler dieser Handwerksfamilien immer elender wurde. Selbst die zusätzliche Frauen- und Kinderarbeit konnte den Lebensunterhalt der Familien nicht mehr sichern. Inghirami-Fei war wohlhabend, gebildet, einflussreich und voller Unternehmungslust. Er nahm sich vor, Volterra zu einem blühenden Zentrum für Kunst aus Alabaster zu machen.

Das Elend der Alabasterstadt

Mitte des 18. Jahrhunderts ging es mit dem toskanischen Städtchen Volterra wirtschaftlich bergab. Die Alabasterbetriebe waren technisch veraltet und ihre Produkte primitiv. Es lag nicht an den mangelnden Handelsbeziehungen, dass es kaum noch Käufer gab, sondern dass man auch geschmacklich nicht mit der Zeit gegangen war.

1766 machte sich ein gewisser Antonio Viviani daran, die wirtschaftlich prekäre Situation in einer Abhandlung zu beklagen. Er wies auf die Missstände und die minderwertige Qualität der Produkte hin.

Sein Vorschlag war, dass die örtlichen Handwerker besser qualifiziert werden müssten. Dazu sollten sie anderswo künstlerisch ausgebildet werden. Zwei Jahre später wurde eine Kommission gebildet, um die Alabasterprodukte zu beurteilen. Was da vorlag, machte die Kommissare eher verlegen.

Es waren die so genannten "falschen Volterraner Perlen", Rosenkränze aus Alabaster, die hauptsächlich von Frauen und Kindern gefertigt wurden. Verkauft wurden diese Kränze an örtliche Verkäufer und Händler in Rom, die das eigentliche Geschäft damit machten. Die Kommission entschied zum einen, dass der Preis für den Rohalabaster erhöht werden solle, um den Export zu verhindern.

Als weitere Maßnahme sollten neue Verarbeitungstechniken ausprobiert werden. Man könne die Alabasterkügelchen dann als Perlen oder Korallen anbieten. Außerdem sollte ein professioneller Zeichner allen Werkstätten behilflich sein, neue Modelle zu entwerfen. Das könnte den Umsatz steigern und die Beschäftigung sichern.

Marcello Inghiramis Familie

Eine Stadt, die vom Alabaster leben muss und nicht davon leben kann. Das war die Situation, die Marcello Inghirami in seiner Heimatstadt Volterra erlebte. Er stammte aus einer alten Adelsfamilie. Die Interessen in der Familie waren vielseitig und reichten von der Kunst bis zur Wissenschaft.

Sein Bruder war ein berühmter Historiker und Archäologe, ein anderer Bruder ein bedeutender Astronom und Mathematiker. Sein Onkel Domenico Venuti war Direktor der königlichen Porzellanmanufaktur von Neapel. Marcello wurde 1766 geboren, im Zeitalter der Aufklärung.

Nach der Schulzeit kam er als Page an den herzoglichen Hof in Florenz, wo vor allem sein Geschmack für Außergewöhnliches ausgeprägt wurde. 1783 starb sein Onkel Giuseppe Fei und Marcello erbte nicht nur dessen Vermögen, sondern auch den Namen des Onkels. Er hieß nun Marcello Inghirami-Fei.

Stadtansicht von Volterra in der Toskana

Stadtansicht von Volterra

Ideenklau für die eigene Werkstattgründung

Marcellos Onkel Domenico Venuti, seit 1779 Direktor der Porzellanmanufaktur von Neapel, galt als Erneuerer der Unternehmenspolitik. Neben der Manufaktur richtete er einen freien Verkauf ein. Außerdem hatte er innerhalb seines Unternehmens eine Aktschule gegründet und ausländische Künstler nach Neapel geholt. Das machte auf Marcello einen großen Eindruck.

Dazu kamen die vielen archäologischen Anregungen seines Bruders, der bei dem Onkel lebte und sich mit Pompeji befasste. Marcello Inghirami-Fei kam zu dem Entschluss, eine Werkstatt zu gründen. Dafür übernahm er den Organisationsplan der Porzellanmanufaktur seines Onkels.

Durch seinen Bruder kam er auf die Idee, das so wenig bekannte Material, das für dekorative Zwecke so geeignet schien, wieder salonfähig zu machen: den Alabaster Seine Ideen und Vorstellungen entsprachen genau den Erwartungen, die man in Volterra schon seit langem hegte.

Eine Werkstatt und eine Schule für Alabasterkunst

In einem ehemaligen Benediktinerkloster wollte Marcello Inghirami-Fei 1791 seine neue Werkstatt einrichten. Die Größe überraschte. Eine Werkstatt dieses Ausmaßes hatte es in Volterra bisher noch nicht gegeben. Außerdem pachtete er einen Steinbruch außerhalb des Stadtbezirks von Volterra, in Castellina Maritima. Die Steine waren hier wesentlich größer und gleichmäßiger in der Qualität.

Damit ließen sich größere Werke herstellen. Auch die Transparenz und Feinheit des Materials waren bestens für die Bearbeitung geeignet. In seiner Werkstatt, so hieß es in einem Memorandum von 1792, beschäftigte er 120 Leute. Darunter waren viele Jugendliche, die erst noch ausgebildet werden mussten. Zu diesem Zwecke gründete er, wie der Onkel in Neapel für seine Porzellanmanufaktur, auch hier eine eigene Kunstschule. Für die Ausbildung holte er sich namhafte Künstler aus Italien und Frankreich.

Stil und guter Geschmack waren ihm wichtig, um erfolgreich zu sein. Er holte sich daher immer wieder Anregungen aus anderen Handwerkszweigen in Europa. Auch die technische Ausstattung musste auf dem modernsten Stand sein. In Livorno wurde schon bald seine erste Musterkollektion veröffentlicht. Im Stil orientierte er sich stark an etruskischen, griechischen und ägyptischen Vorbildern.

Auch Vasen, Lampen und Gefäße, die man in Pompeji gefunden hatte, wurden nachempfunden. Die Qualität bestach und der Preis war durchaus erschwinglich. Bald verzierte er die Gegenstände mit Gold, Marmor und Bronze. Neoklassisch war der neue Stil seiner Werkstatt. Er hatte Erfolg damit.

Werkzeuge in einer Alabaster-Werkstatt

Werkzeuge zur Bearbeitung von Alabaster

Alabaster aus Volterra als Exportschlager

Marcello Inghirami-Fei verkaufte seinen Alabaster im neoklassizistischen Stil bald in eigenen Läden in Florenz, Rom, Neapel, Venedig, Triest und Wien. Über den nahe gelegenen Hafen Livorno exportierte er seine Produkte schließlich nach England, in die Türkei und nach Indien. Alabaster gehörte nun, wie der Carrara-Marmor und das Murano-Glas, zu den edlen Einrichtungsmaterialien kultivierter Bürgerhäuser.

1799 musste die Produktion jedoch plötzlich eingestellt werden. Der Einzug der napoleonischen Truppen veränderte die politische Situation derart, dass eine Wiedereröffnung später nicht möglich war. Der Qualitätsanspruch aber blieb in Volterra für die nächsten Jahrzehnte erhalten.

Im Palazzo des Alabasterhändlers Giuseppe Viti, Mitte des 19. Jahrhunderts, ist die Kunstfertigkeit in Kandelabern und kolorierten Intarsientischen noch heute zu bewundern. Auch die Schule für Alabasterkunst hat inzwischen ihr 200-jähriges Jubiläum gefeiert. Hier werden noch immer kunstvolle Objekte gefertigt, transparent, ideenreich und modern. Objekte, die durch Licht ihre Besonderheit erhalten.

Stand: 07.01.2020, 16:50

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