Aphasie - Ursachen und Therapie
Planet Wissen (PW): Was genau ist eine Aphasie?
Walter Huber (W.H.): Eine Aphasie ist eine zentrale Sprachstörung, zentral deshalb, weil sie zurückzuführen ist auf eine Erkrankung des menschlichen Gehirns, des zentralen Nervensystems. Die häufigste Krankheitsursache hierfür ist der Schlaganfall, im erwachsenen Lebensalter ist der Schlaganfall die dritthäufigste Todesursache, pro Jahr gibt es in Deutschland 300.000 Menschen, die an einem Schlaganfall erkranken und bei etwa 40 Prozent der Patienten ist am Anfang eine solche Sprachstörung gegeben. Diese Sprachstörungen verändern sich glücklicherweise, verschwinden aber nicht völlig. Es gibt noch einige andere Krankheitsursachen, zum Beispiel Verletzungen des Gehirns nach Unfällen oder entzündliche Erkrankungen wie Tumore.
PW: Was genau passiert im Gehirn, wenn die Sprache versagt?
W.H.: Man muss sich zunächst einmal klarmachen, dass der Mensch eigentlich zwei Gehirne hat, ein linkes Gehirn und ein rechtes Gehirn. Die beiden Hirnhälften sind symmetrisch angelegt, sehen ziemlich gleich aus, aber in den Funktionen sind sie nicht gleich. Die linke Hirnhälfte ist bei fast allen Rechtshändern und auch bei 60 Prozent der Linkshänder für die Sprache spezialisiert. Dort gibt es verschiedene Arterien, die diese Hirnhälfte mit Blut versorgen, für die Sprache ist die mittlere Hirnarterie am wichtigsten. Im gesamten Versorgungsgebiet der mittleren Hirnarterie sind komplizierte neuronale Netze, die die Sprachversorgung regeln.
Wenn es jetzt in diesen Arealen zum Verschluss einer Arterie kommt, wie zum Beispiel beim Schlaganfall, oder zum Platzen einer Arterie, wie bei einer Gehirnblutung, dann wird das umliegende Gewebe nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt, die Gehirnzellen sterben dann ab. Und die in der Kindheit erworbenen Fähigkeiten des Menschen, seine Muttersprache, gehen dadurch verloren.
Dass es nicht nur eine Form von Aphasie gibt, sondern verschiedene Formen der Sprachstörung, hängt damit zusammen, dass das ein größeres Gebiet ist. Sprache ist nicht nur eine Schublade, sondern sie besteht aus einem fein verästelten Netzwerk, das verschiedene Teilsysteme enthält. Wir haben ein "mentales Lexikon", wir verfügen über einen Wortschatz, einen mentalen Satzbau, wir wissen, wie wir Sätze konstruieren, wir wissen, wie die deutsche Grammatik funktioniert und wir haben die Lautstrukturen. Und diese Teilfunktionen sind in unterschiedlichen Netzen im Gehirn abgelegt. Je nachdem, wo Gehirnzellen absterben, kommt es dann zu unterschiedlichen Sprachstörungen.
PW: Wie kommt es denn dazu, dass Patienten Begriffe oder Laute vertauschen, also "Frau" statt "Mutter" sagen oder "Bansane" statt "Banane"? Greifen die einfach in die falsche "Begriffs- oder Lautschublade"?
W.H.: Das ist eine sehr wichtige Frage, die in der Forschung sehr lange kontrovers diskutiert worden ist. Was ganz sicher ist, dass bei den erworbenen Aphasien das Denken der Menschen vergleichsweise wenig, meist sogar gar nicht gestört ist. Das heißt, solche Vertauschungen wie "Frau" statt "Mutter" oder "Vater" statt "Mutter" sind nicht darauf zurückzuführen, dass die Menschen nicht mehr wissen, was die Dinge sind, ganz im Gegenteil, das wissen sie ganz genau. Die Wörter sind gewissermaßen Etiketten für das, was die Dinge darstellen in der Welt - und diese Bezeichnungen, die verwechselt man. Man verwechselt sozusagen die Namen der Dinge, wie das uns als Sprachgesunden eben auch manchmal passiert, wenn wir müde oder beschwipst sind.
PW: Wie therapiert man eine Aphasie?
W.H.: Ein Grundprinzip der logopädischen Behandlung ist, dass der Therapeut die Art der Störung, der Aphasie sehr genau erkennen muss. Er muss einmal die verschiedenen Modalitäten der Sprache unterscheiden, darunter versteht man das Sprechen, das Verstehen über das Hören, das Lesen und das Schreiben. All diese Modalitäten der Sprache sind betroffen, allerdings unterschiedlich stark und mit Besonderheiten. Außerdem unterscheidet man die sprachsystematischen Ebenen, die Sprachstruktur, den Wortschatz, die Lautstruktur, die Grammatik. Das muss der Sprachtherapeut ganz genau herausfinden und dann wird er, wenn sein Ziel ist, die Sprache möglichst wieder herzustellen, an den Symptomen, an den Störungsmerkmalen arbeiten. Er wird also sowas wie ein Sprachlernprogramm für den Aphasiker zusammenstellen.
PW: Wie unterscheidet sich die neuropsychologische Therapiestation von der ambulanten logopädischen Therapie?
W.H.: Wir haben hier im Aachener Universitätsklinikum eine Spezialstation, wo wir Patienten einladen, für sieben Wochen zu uns zu kommen und dann ein ganz intensives Training mitzumachen. Es gibt Einzelübungen mehrmals am Tag, Kleingruppen, Übungen am Computer, auch Übungen, die erfordern, dass man hinausgeht in den Alltag und dort das, was man gelernt hat, einsetzt. Dieses intensive Programm nennen wir die Aphasie-Spezialbehandlung.
Ein wichtiger Vorteil gegenüber der ambulanten Behandlung ist die Intensität, die Häufigkeit der Behandlung. Patienten in der ambulanten Therapie bekommen leider nur dreimal in der Woche 45 Minuten Sprachbehandlung, auf der Aphasiestation bekommen sie viermal am Tag 60 Minuten Behandlung. Der zweite Vorteil ist, dass wir ein interdisziplinäres Team von Spezialisten sind, dass wir diese Arbeit, herauszufinden, was denn genau gestört ist, um dann die zugrunde liegende Störung mit gezielten Übungen zu therapieren oder zu kompensieren, als Klinik mit Forschung im Hintergrund besser leisten können als eine ambulante Praxis.
PW: Wie ist der Anteil, den das Team von Aphasie-Spezialisten leistet?
W.H.: Das Team der Forscher arbeitet zusammen mit dem Team der Logopäden, es gibt einen regen Austausch und bei schwierigen Fällen würde ein Forscher mit hinzugezogen, um die Störung genau einzugrenzen und eine individuelle Therapie zu planen. Es ist aber so, dass die Logopäden selbst hoch spezialisiert sind für Aphasie, wie übrigens auch das Pflegeteam, das ein kommunikativ anregendes Umfeld schafft. Das ist nämlich ein weiteres Merkmal des Therapiekonzeptes: Wir betten die störungsspezifische Behandlung in ein kommunikatives Milieu ein. Wenn Sie ins Ausland fahren, ist es wichtig, dass Sie Vokabeln lernen, dass Sie Satzmuster lernen, aber Sie müssen auch lernen, das im Alltag anzuwenden, in der täglichen Kommunikation. Das ist auch die Idee auf der Aphasiestation. Die Patienten sind angeregt miteinander zu kommunizieren, in eine Malgruppe oder eine Literaturgruppe zu gehen, Ausflüge in die Stadt, ins Kino oder in ein Museum zu machen. Denn Menschen mit einer Aphasie sind nicht denkgestört, sie sind nicht in ihren Emotionen gestört, sie wissen, wie Menschen miteinander kommunizieren, nur die Technik der Sprache ist oft verheerend schwer gestört, bis hin zum Mutismus, zum Nicht-Sprechen.
PW: Wie ist das, wenn zum Beispiel Lehrer, Richter, Beamte eine Sprachstörung entwickeln? Können diese Menschen zurück in ihren Beruf oder muss eine neue Lebensplanung erfolgen?
W.H.: Man muss deutlich sagen, die Möglichkeiten für einen Menschen mit Sprachstörung in den Beruf zurückzugehen, sind eng und es bestehen kaum Chancen, das zu schaffen. Selbst wenn sich die Sprachstörung innerhalb mehrerer Monate zurückbildet und die Menschen die Sprache wieder sehr gut beherrschen, dann bleibt trotzdem ein großes Hindernis: der innere Stress.
Wenn Sie ins Ausland gehen und dort die Fremdsprache sprechen, sind Sie immer ein bisschen aufgeregt und kontrollieren immer Ihre Sprache, fragen sich, "Mache ich das jetzt richtig?" Sie können sich nicht ganz auf die Inhalte konzentrieren, auf Ihre Gefühle, Sie brauchen immer auch Kraft für die Sprache. Und dieses "immer Kraft brauchen für die Sprache" ist sowas Belastendes, dass in komplexen Berufen, wie in den genannten, es nur wenige Menschen schaffen, voll wieder in den Beruf zurückzugehen. Oft gelingt es auf Teilzeitbasis oder bei anderen sprachlichen Anforderungen. Insgesamt ist die Zahl der Menschen, die nach einer Sprachstörung in den Beruf zurückkehren, eher niedrig, weniger als 20 Prozent.
Interview: Heike-Martha Ellermann, Stand vom 16.11.2009
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