Interview: Ulrich und Brigitte Müller
Planet Wissen (PW): Herr Müller, Sie leben heute mit Ihrer Frau, Ihren drei Kindern und mit Ihrer Mutter auf einem Bergbauernhof im Kinzigtal im mittleren Schwarzwald, genauer in Fischerbach. Haben Sie eigentlich immer davon geträumt, Bauer zu werden?
Ulrich Müller (UM): Diese Frage hat sich so eigentlich nie gestellt. Unsere Familie betreibt diesen Hof bereits seit 1560 - ich habe vier Schwestern, war der einzige Sohn und hab mich schon früh mit dem Hof identifiziert. Ich habe dort mit 15 Jahren meine Lehre begonnen, konnte schon früh selbstständig Entscheidungen treffen - irgendwie war das immer klar, dass ich den Betrieb übernehmen werde - für mich jedenfalls.
PW: Und Sie Frau Müller? Wollten Sie schon immer Bäuerin werden?
Brigitte Müller (BM): Ich bin leider viel weniger Bäuerin, als ich das gerne wäre. Wir haben drei Kinder und ich bin für das Haus, unseren Familienalltag zuständig, Taxi für meine Kinder et cetera - das unterscheidet sich von mancher Hausfrau gar nicht so sehr. Aber Bäuerin werden, das wollte ich eigentlich nicht unbedingt - auch wenn es mir nicht fremd war, denn meine Eltern haben auch eine Landwirtschaft, ganz in unserer Nähe, die heute mein Bruder führt. Gelernt habe ich etwas völlig anderes, nämlich EDV-Kauffrau.
PW:Haben Sie eine bestimmte Kindheitserinnerung an Ihr Großwerden auf dem Bauernhof?
BM: Nicht unbedingt. Ich hatte drei Brüder und war daher nie so eingebunden - auch wenn ich schrecklich gerne mit meinem Vater in den Wald ging. Aber es gab in der Grundschule eine Situation, an die ich mich gut erinnern kann. Wir sollten nämlich alle erzählen, welchen Beruf unsere Eltern haben. Und da waren ganz viele Sachen dabei, unter denen ich mir nichts vorstellen konnte. Dreher zum Beispiel. Und da dachte ich: Toll, dass meine Eltern immer greifbar sind, toll, dass ich immer wusste, was sie gerade taten....
UM: Ich erinnere mich daran, dass ich immer viel gelaufen bin. Unser Hof liegt sechs Kilometer vom Dorf entfernt und wir mussten immer zu Fuß in die Schule. Da war einer unter den Jungs, die mit mir liefen, der konnte ganz toll Geschichten erzählen - und so haben wir uns immer viel erzählt - das war wirklich toll. Blöd an der Entfernung zum Dorf war nur, dass ich in keinem Verein mitmachen konnte, denn damals gab’s das "Taxi Mama" noch nicht. Also unser Leben war schon mehr von Arbeit als von Vergnügen geprägt. Trotzdem - war es toll!
PW: Was ist eigentlich das Besondere daran, Bauer zu sein?
UM: Das selbstständig sein - das ist - zumindest eine gefühlte - Freiheit. Man kann Dinge anstoßen, etwas ausprobieren. Manchmal muss man dabei auch über seinen Schatten springen. Ich habe mich im Jahr 2000 beispielsweise dafür entschieden, die Milchviehhaltung aufzugeben und stattdessen mehr in die Direktvermarktung zu gehen. Das war zunächst schon eine Überwindung, hat sich aber für unseren Hof ausgezahlt.
PW: Es ist ja heute schon fast etwas Besonderes, wenn mehrere Generationen unter einem Dach leben. Wie ist denn so das Leben als Großfamilie, Frau Müller?
BM: Wir alle profitieren letztendlich davon, auch die Kinder können viel von den Großeltern - die oftmals doch etwas mehr Zeit haben oder sich mehr Zeit nehmen - lernen. Großeltern hören auch gut zu - da kann schon noch eine Menge mitgegeben werden...
UM: Solange man an einem Strang zieht, ist das eine tolle Sache, die allen gut tut. Es gibt allerdings auch immer wieder Betriebe, wo die eine Generation nicht mit der anderen klarkommt - und das ist dann für den Betrieb gar nicht gut.
PW: Wie meinen Sie das?
UM: Zum Beispiel, wenn ein Bauer seinen Hof nicht an den Sohn oder die Tochter übergibt, und in jede Entscheidung reinredet oder sie unterbindet - das kann das Ende eines Hofes sein.
PW: Ihre Mutter, Herr Müller, lebt auch noch auf dem Hof und arbeitet noch fleißig mit...
UM: Ja, - ohne meine Mutter geht nix auf dem Hof, sie ist das gute Herz. Und kann tolle Geschichten von früher erzählen. Außerdem macht sie den Gemüsegarten, hilft beim Brotbacken, kocht auch an ein paar Tagen in der Woche und sie wäscht die komplette Wäsche.
PW: Wie sieht denn Ihr Alltag auf dem Hof aus?
BM: Mein Job ist der, die Familie zu managen, also die Kinder in die Schule oder zu Freizeitaktivitäten zu fahren, den Haushalt zu machen - Hausfrauenleben also. Darüber hinaus übernehme ich die Vermietung unserer drei Ferienwohnungen und ich mähe den Rasen; im Büro unterstütze ich meinen Mann und zweimal in der Woche backe ich Brot, das ich dann in die umliegenden Raiffeisenmärkte zum Verkauf bringe. Und samstags verkaufe ich unsere Produkte auf dem Wochenmarkt.
PW: Und Sie Herr Müller?
UM: Das variiert - je nach Jahreszeit. Ich kümmere mich um unsere Rinder, mache Silage, also Futter für sie, füttere die anderen Tiere und kümmere mich um den Maschinenpark, ich brenne Schnaps oder mache Apfelsaft. Dann ist da noch die Arbeit im Wald, also Weihnachtsbäume schlagen, aufforsten et cetera. Dann erledige ich den ganzen Bürokram - bis auf die Überweisungen - das macht meine Frau - und ich berate in meiner Funktion als Kreisvorsitzender des Badischen Landesverbandes noch andere Höfe zum Beispiel bei Hofübergaben, beantragen von Fördermitteln et cetera.
PW: Das ist ja eine ganze Menge. Wie lange ist denn Ihr Arbeitstag?
BM: Das ist ganz unterschiedlich, da wir uns abwechseln. Einen Tag stehe ich um halb vier auf, einen um halb fünf und an den normalen Tagen um sechs Uhr.
PW: Was um Gottes Willen hat man morgens um halb vier zu erledigen?
BM: Da heizt man den Ofen an, um Brot zu backen.
PW: Und wann ist dann Feierabend?
Meistens so gegen 20 Uhr, im Winter etwas früher, wenn es dunkel wird. Manchmal grillen wir dann noch draußen mit unseren Gästen. Früher wollte meine Frau abends dann noch bügeln - das habe ich ihr aber verboten, irgendwann muss ja mal Schluss sein... Sie sehen: Uns wird’s nicht langweilig!
PW: Haben Sie sich auch schon mal überlegt, mit etwas ganz anderem Ihr Geld zu verdienen?
UM: So prinzipiell nicht, aber zusätzlich zum bestehenden Betrieb halte ich eigentlich immer Augen und Ohren offen und überlege mir ständig, was wir denn verbessern könnten oder wohin der Markt geht.
PW: Gibt es denn schon konkrete neue Pläne?
UM: Richtig spruchreif ist das zwar noch nicht, aber ich überlege mir derzeit, ob wir uns nicht eine Holzgasanlage anschaffen sollen. Das Rohmaterial, also Holz, haben wir. Und mit steigenden Energiepreisen könnte das auch für die Zukunft eine gute zusätzliche Einnahmequelle sein.
PW: Wie oft fahren Sie als Familie in den Urlaub?
UM: Eine Woche im Jahr mit Kind und Kegel.
PW: Das ist ja nicht gerade viel.
BM: Die Kinder fahren natürlich schon öfter weg, mit Freunden, der Schule... oder es ist eben nur einer von uns beiden mit ihnen unterwegs. Es ist wirklich unheimlich schwer, diese ganze Woche Wegsein zu organisieren, ein richtiger Kraftakt, aber bislang haben wir das noch immer irgendwie hingekriegt und es tut uns als Familie einfach gut, einmal etwas gemeinsam zu machen, nur unter uns zu sein, mal ein Buch zu lesen - ohne schlechtes Gewissen.
PW: Und die Wochenenden?
BM: Die können wir eigentlich kaum nutzen, weil Samstag ja immer Markttag ist - das ist wirklich schade, das denke ich oft... dafür sind wir aber immer da und für unsere Kinder greifbar.
PW: Sie haben ja drei Kinder. Wird Ihr Hof auch in nächster Generation weitergeführt werden?
UM: Die Kinder können sich frei entscheiden, was sie machen wollen. Meine Frau und ich denken schon, dass es weitergeht und wir haben auch schon eines unserer Kinder im Visier, von dem wir denken, dass es ihm oder ihr Spaß machen könnte. Welches Kind das ist, sagen wir jetzt bewusst nicht, denn sie sollen wirklich ganz frei in ihrer Entscheidung sein.
Interview: Kerstin Eva Zeter, Stand vom 19.06.2009






