Klostermedizin
Die Regel der Benediktiner
Die Ursprünge der Klostermedizin beginnen in den frühesten Zeiten der Klostergeschichte. Damals erlangte das Mönchstum durch Benedikt von Nursia und seine Klostergründung von Monte Cassino (um etwa 529) weltgeschichtliche Bedeutung. Der Gründervater des Benediktinerordens verpflichtete die bisher wandernden Mönche zur stabilitas (Beständigkeit). Seine Ordensregel ("Regula Benedicti") durchdrang alle Bereiche des klösterlichen Lebens und wurde von nun an monastisches Vorbild für die abendländischen Klöster. Benedikt entwarf das klösterliche Ideal eines doppelten Weges zwischen dem kontemplativen, in sich gehenden, betenden Ordensmenschen und dem aktiven, arbeitenden Mönch. Auf eine einfache Formel gebracht bedeutet das "ora et labora", bete und arbeite. Benedikt setzte den Grundstein für ein Ordenswesen, das Klöster zu geistigen Zentren des europäischen Lebens erhob.
Klöster, Inseln der Zivilisation
Das 6. bis 8. Jahrhundert tauchte Europa ins Chaos. Es war die Zeit der Völkerwanderung, als germanische Völker fremde Länder eroberten und das Zeitalter der antiken Hochkulturen ablösten. Die Menschen lebten in primitivsten Verhältnissen, kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften der Römer und Griechen gingen verloren, viele Schriften verloren ihre Bedeutung, da die wenigsten Menschen noch lesen konnten. In dieser unruhigen Zeit erwiesen sich in erster Linie die Klöster als die Bewahrer von Kunst und Wissenschaft. Nahezu fünfhundert Jahre lang war das Studium, die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben, an Klöster gebunden. Die Mönche und Nonnen lasen die Heilige Schrift und unterwiesen sich gegenseitig in theologischen und philosophischen Belangen. Sie studierten alte Texte, wo immer sie ihrer habhaft werden konnten. Doch Bücher waren sehr selten und ungeheuer wertvoll, viele Schriften wurden mit Gold aufgewogen. Da begannen Ordensbrüder und -schwestern Wissen zu sammeln und bis heute bestehende Bibliotheken aufzubauen. In mühevoller Arbeit schrieben Kopisten alte Werke ab und tauschten sie mit andern Klöstern aus. Oft wurden die Werke auf einmalige Weise illustriert. Ohne die sorgfältige Arbeit der Mönche würden wir heute die großen Werke der Griechen und Römer nicht mehr kennen.
Wissen ist Macht
Bald entstanden in den Klosterschulen und Bibliotheken Kunstwerke, Buchmalereien, Goldschmiede- und Edelsteinarbeiten von unschätzbarem Wert. Durch das benediktinische Gebot der Arbeit mehrten die Klöster ihr Wissen und setzen es gleichzeitig für ihren Erhalt ein. Das führte dazu, dass Klöster oft zu großer Macht und großem Reichtum gelangten und weltliche Herrscher das Wissen der gebildeten Nonnen und Mönche zum Aufbau von Staatswesen und Verwaltungen nutzten.
Ein Kloster damals war eine Art kleine, aber autarke Stadt, die in einen geistigen und einen ökonomischen Bezirk unterteilt war. Der geistige Teil des Klosters umfasste die Kirche, den Kreuzgang, den Kapitelsaal, wo die Angehörigen des Ordens ihre gemeinsamen Gebetszeiten abhielten, den Schlafsaal und das Refektorium, den gemeinsamen Speisesaal.
Der ökonomische Teil beherbergte alle Arbeitsstätten, die die materielle Existenz des Klosters sicherten, wie die eigene Landwirtschaft, Viehställe, die eigene Mühle, Bäckerei, Schmiede, Schreinerei und Metzgerei, usw. Auch landwirtschaftlich begann der Siegeszug der Klöster. Mönche rodeten weite Gebiete und erfanden neue Methoden des Ackerbaus. Schließlich legten sie eigene Gärten für Gewürze und Heilkräuter an, die Klostermedizin war geboren.
Heilende Mönche
Zentrales Anliegen der Klöster war die Sorge um die Seele (cura animae) aber auch die Sorge um den Körper (cura corporis). Besonders standen dabei die Kranken im Vordergrund. Benedikt hatte festgelegt, dass die wichtigste Pflicht aller Mönche diejenige sei, den Kranken zu helfen. Das Revolutionäre an dieser Idee: Nicht nur den Angehörigen des eigenen Ordens sollte geholfen werden, sondern allen Kranken, die im Kloster um Hilfe baten. Die Caritas, die Barmherzigkeit, die dieser Regel zugrunde lag, bereitete der systematischen Medizin den Boden. Benedikts Anweisung, Mitbrüder und -schwestern zum Heilen auszubilden, führte zur Entstehung der Klosterheilkunde.
Der ideale Klostergarten
Die Reformen unter Karl dem Großen förderten am Übergang vom 8. zum 9. Jahrhundert die Verbreitung des medizinischen Wissens der Mönche. Die Mönche vertieften in klostereigenen Gärten ihre Studien in Medizin und Kräuterheilkunde und gaben ihr Wissen innerhalb des Klosters weiter. In der Stiftsbibliothek St. Gallen werden fünf zusammengenähte, handbeschriebene Pergamentstücke aufbewahrt, auf denen der Plan einer idealen Klosteranlage verzeichnet ist. Die Aufzeichnung diente fortan vielen Klöstern auch als Modell für die Anlage der Kräutergärten. In länglichen, rechteckig angelegten Beeten wurde jeweils nur eine Pflanze kultiviert, um die Reinheit des Krauts zu gewährleisten und die Verwechslungsgefahr zu vermindern. Außerdem konnten heilkundige Mönche und Nonnen nun auch Laien oder Botenjungen zum Ernten schicken, statt des komplizierten lateinischen Namens nannten sie das Blumenbeet, zum Beispiel: "Das letzte Beet an der rechten Mauer". Vermutlich stammt die wertvolle St. Gallener Schrift aus dem Kloster Reichenau am Bodensee.
Wahlafrid Strabo (Strabo heißt "der Schielende") war Mönch dieses Klosters, bevor er sich später in Aachen, dem Zentrum der Karolinger aufhielt und dort ein Gartengedicht verfasste. Diese Ode an einen idealen Garten weist große Ähnlichkeit mit dem St. Gallener Klostergartenplan auf. Wahlafrid beschreibt in seinem Gedicht Beschaffenheit und Wirkung von 24 Heilpflanzen: Salbei, Weinraute, Eberraute, Flaschenkürbis, Melone, Wermut, Andorn, Fenchel, Schwertlinie, Liebstöckel, Kerbel, Lilie, Schlafmohn, Muskatellersalbei, Frauenminze, Minze, Poleiminze, Sellerie, Betonie, Odermennig, Ambrosia, Katzenminze, Rettich und Rose.
"Lorscher Arzneibuch" aus dem 8. Jahrhundert
Blütezeit der Klostermedizin
Klostermedizinische Schriften entstand, die über Jahrhunderte hinweg von heilkundigen Mönchen studiert und vertieft wurden. Im 8. Jahrhundert wurde im Kloster Lorsch das damalige medizinische Wissen im "Lorscher Arzneibuch" niedergeschrieben. Im 11. Jahrhundert verfasste der Mönch Odo de Meung den "Macer foridus", ein Standardwerk der Kräuterheilkunde, das überall in Europa Verbreitung finden sollte: In Deutschland, Frankreich, England, Italien, Spanien und Dänemark wurde es gelesen und abgeschrieben. Hildegard von Bingen schrieb zwischen 1150 und 1160 ihre medizinischen Werke "Physica" und "Causae et curae", die bis in unsere Tage hinein Einfluss üben. Die Klostermedizin befand sich vom 10. bis zum 13. Jahrhundert auf ihrem Höhepunkt.
Jahrhunderte lang hüteten und vertieften Mönche das medizinische Wissen und die Geheimnisse der Heilpflanzen in ihren Bibliotheken. Erst die Erfindung des Buchdrucks (1448) ebnete den Weg für die weitere Verbreitung ihrer Kenntnisse. Nach dem Beispiel der Klostergärten legten Adel und Ritter ihre Burggärten an, auf dem Lande entstanden Bauerngärten, in den Städten verbreiteten sich die Pfarr- und Apothekergärten. Das Wissen der Mönche über Arzneipflanzen und deren Wirkungen ebnete schließlich den Weg von der medizinischen Grundversorgung zur Entwicklung der heutigen Schulmedizin.
Wissenschaftler verschiedener Fakultäten beteiligen sich an dem Projekt "Klostermedizin"
Den Geheimnissen der Klostermedizin auf der Spur…
In Deutschland hat sich eine kleine Forschergemeinschaft unter Mithilfe der Pharmaindustrie zum Ziel gesetzt, die Schätze der klösterlichen Heilkunde zu heben. Ihren Sitz hat die Forschergruppe "Klostermedizin" am renommierten Institut für Geschichte der Medizin in Würzburg. An dem Projekt arbeiten Mediziner, Botaniker, Chemiker, Pharmazeuten und Historiker. Ziel der Forscher ist es, die alten Erkenntnisse der Mönche und Heilkundler systematisch zu erfassen und wissenschaftlich aufzubereiten. Das historische Wissen der Klosterheilkunde soll so für moderne Therapien des 21. Jahrhunderts wieder nutzbar gemacht werden. Dabei liegt die erste Schwierigkeit in der Übersetzung aus dem Latein, einer Arbeit für Philologen. Anschließend beginnt die genaue Identifizierung der in den Werken beschriebenen Pflanzen. Danach wird die Arbeit an die Pharmazeuten weitergereicht, die nun die Wirkstoffe der Pflanzen analysieren, isolieren und schließlich testen müssen. Die Arbeit der Forscher ermöglicht es den Klöstern, ihr heilkundliches Wissen zu erhalten und zu dokumentieren. Gleichzeitig soll das uralte Wissen der Mönche einem breiten Publikum wieder zugänglich gemacht werden.
Gregor Delvaux de Fenffe, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Klostermedizin - Heilkunst der Mönche , 21.01.2005







