Diskussionen um "Mein Kampf"

Aufgeschlagenes Buch "Mein Kampf".

Adolf Hitler

Diskussionen um "Mein Kampf"

Um Hitlers "Mein Kampf" gibt es auch knapp 90 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch heftige Diskussionen: Soll das Buch, in dem der nationalsozialistische Diktator seine Ideologie darlegt, in Deutschland weiterhin verboten bleiben? Oder mystifiziert man damit Hitlers Propaganda-Werk und misst ihm mehr Bedeutung zu, als es haben sollte?

Urheberrechte laufen aus

Nach Kriegsende gingen Adolf Hitlers Besitztümer auf den Freistaat Bayern über – und damit auch die Nutzungsrechte für "Mein Kampf", dessen Nachdruck das Land verbot. 70 Jahre nach dem Tod eines Autors endet der Urheberschutz allerdings, in Hitlers Fall also Ende 2015. Danach kann theoretisch jeder "Mein Kampf" drucken und verkaufen.

Um zu verhindern, dass kommerzielle Verlage und Rechtsradikale ein Geschäft mit Hitlers Buch machen, unterstützte der bayerische Landtag das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München mit einer halben Million Euro dabei, eine wissenschaftlich kommentierte Fassung herauszubringen.

Doch Ende 2013 stellte sich die bayerische Landesregierung überraschend doch noch gegen den einstimmigen Landtagsbeschluss, weil sie einen Rufschaden für Deutschland fürchtet. Das bedeutet: Wer nach dem 31. Dezember 2015 "Mein Kampf" veröffentlicht, kann das zwar immer noch tun, riskiert aber eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung.

Das IfZ ist davon nicht betroffen: Die bayerische Regierung hat bekannt gegeben, dass sie nur solche Verleger verklagen will, die Hitlers Schrift unkommentiert herausgeben. Das Institut bleibt deswegen bei seinem Plan, die kommentierte Fassung nach Ablauf des Urheberrechts zu veröffentlichen. Es muss auch die halbe Million Euro, mit der Bayern das Projekt gefördert hat, nicht zurückzahlen.

Veröffentlichen oder nicht?

Dr. Barbara Zehnpfennig.

Dr. Barbara Zehnpfennig ist Professorin an der Universität Passau

Dass der Nachdruck von Hitlers Buch in Deutschland verboten ist, sei ein Fehler, meint unter anderem Barbara Zehnpfennig, Politik-Professorin an der Universität Passau und Autorin zweier "Mein Kampf"-Kommentare: "Dadurch, dass man dieses eine Buch so völlig anders als alle anderen problematischen Bücher behandelt, verschafft man ihm ein übermäßiges Interesse."

In einer Demokratie seien derart "bevormundende Maßnahmen" eigentlich nicht vorgesehen, so Zehnpfennig weiter. Außerdem würden alle ideologischen Hetzschriften von linker Seite, beispielsweise von Lenin und Stalin, grundsätzlich kommentarlos publiziert. "Hier traut man dem Leser also zu, sich selbst ein Urteil zu bilden."

Erst Verbot, nun Entmystifizierung

Außenansicht Buch "Mein Kampf".

Eine seltene Bernstein-Ausgabe von "Mein Kampf"

Die bayerische Landesregierung sieht das mittlerweile anders – nachdem sie einer kommentierten Neuauflage zunächst zugestimmt hatte. Grund sei der Israel-Besuch von Ministerpräsident Horst Seehofer im Jahr 2012 gewesen, auf dem Politiker bis hin zu Staatspräsident Schimon Peres und auch KZ-Überlebende Einspruch gegen eine staatliche Hitler-Neuausgabe erhoben hätten, so Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU).

Warum die Regierung erst ein Jahr später reagierte, bleibt offen und wird von der Opposition kritisiert. Noch 2012 hatte der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU) erklärt, das Ziel der Veröffentlichung sei die Entmystifizierung von "Mein Kampf". Die Kehrtwende der Landesregierung im Dezember 2013 kam daher für viele überraschend, zumal schon Steuergelder an das IfZ geflossen sind.

Fünf Wissenschaftler untersuchen "Mein Kampf"

Simone Paulmichl.

Simone Paulmichl ist Sprecherin des Instituts für Zeitgeschichte

"Wir wissen, dass wir uns als Wissenschaftler nicht im luftleeren Raum bewegen und wir stellen uns jeglicher Diskussion", sagt Simone Paulmichl, Sprecherin des IfZ, das weiterhin an der kommentierten Fassung arbeitet. "Natürlich ist dieses Buch nicht irgendein Buch. Insofern ist es völlig nachvollziehbar, dass unser Projekt aus dem Umfeld von Holocaust-Überlebenden mit großer Sorge verfolgt wird."

Deswegen versuche das IfZ, größtmögliche Transparenz herzustellen und zu erklären, was die Zielsetzung der kommentierten Fassung sei: "ein wissenschaftlich hochprofessionelles, solides Werk" anzubieten, das den Lesern und der Wissenschaft neue Erkenntnisse über eine zentrale Quelle des Nationalsozialismus bringe. "Wir haben den Ehrgeiz, dass wir ein Referenzwerk schaffen, an dem sich alle anderen, die 2016 auf den Markt kommen, messen lassen müssen."

Fünf Wissenschaftler und mehrere Hilfskräfte untersuchen unter der Leitung des Historikers Dr. Christian Hartmann zurzeit "Mein Kampf" Satz für Satz, um jedem Kapitel eine ausführliche Einleitung voranzustellen und einzelne Passagen mit Fußnoten einzuordnen.

Außerdem ist eine Reihe von weiteren Wissenschaftlern, die keine Historiker sind, in das Projekt eingebunden. "Bei manchen von Hitlers Thesen ist es sehr hilfreich, andere wissenschaftliche Disziplinen heranzuziehen. So kann man beispielsweise das rassistische Weltbild von Hitler mit seiner vermeintlich naturwissenschaftlichen Untermauerung sehr gut von einem Biologen untersuchen lassen", erklärt Paulmichl.

Kritik an der kommentierten Fassung

Hitler liest Zeitung.

Hitler während seiner Haft

Doch lohnt sich dieses Großprojekt, in das Steuergelder geflossen sind, überhaupt? Manche Historiker kritisieren das Editionsvorhaben in München. Der Berliner Historiker Wolfgang Benz zum Beispiel schreibt in einem Gastbeitrag im "Tagesspiegel": "Das Buch enthält nicht den Masterplan der Hitler-Diktatur und bringt weder Aufschluss über die Intention zum Judenmord noch zur Realisierung des Holocaust. (…) Das Bedürfnis, den Text in voller Länge zu konsumieren, legt sich meist nach der Lektüre etlicher Passagen, dann lähmt Langeweile weitere Neugier. Der notwendigen Aufklärung ist Genüge getan, wenn sich jeder Interessierte vom Wortlaut der Sprache, der Diktion und vom Geist des Ideologen Hitler selbst überzeugen kann. Dazu reichen Auszüge mit Erläuterungen."

In München sieht man das anders: "Natürlich gibt es Passagen, die sehr banal und schwülstig sind, sodass man sich fast zum Weiterlesen zwingen muss. Nichtsdestotrotz finden sich im Buch bereits sehr klare programmatische Aussagen, die später in der NS-Diktatur mit brutaler Konsequenz in die Tat umgesetzt wurden", sagt Simone Paulmichl vom IfZ.

"Logisch konstruierte Weltanschauung"

Politik-Professorin Barbara Zehnpfennig warnt ebenfalls davor, "Mein Kampf" zu unterschätzen. "Es finden sich darin eine logisch konstruierte Weltanschauung und ein darauf aufbauendes politisches Programm, das Hitler dann weitgehend abgearbeitet hat. Die Weltanschauung ist bewusst komplementär zur marxistischen angelegt, und sie ist in der Tat der Schlüssel zu seiner praktischen Politik." Insofern sei es geradezu unverzeihlich, dass man der ideologischen Seite von Hitlers Herrschaft immer nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe und sie durch den Vorwurf der Banalität weiterhin völlig untergewichtig behandle.

"Hitler war ein besessener Leser, und er war durchaus intelligent. Da er aber nicht gebildet war, hat er die Informationen, die er gesammelt hat, nach eigenem Gutdünken zusammengefügt. Er hat also seinem Ressentiment freien Lauf gelassen und von daher nicht Erkenntnis, sondern Ideologie produziert", sagt Zehnpfennig.

In "Mein Kampf" beschreibt Hitler detailliert seine künftige Außenpolitik, deren Ziel es war, in Osteuropa und der Sowjetunion "Lebensraum" für das deutsche Volk zu erobern. Außerdem skizziert Hitler bereits sein antijüdisches Programm.

Über zwölf Millionen Exemplare

Hitlers Gefängniszelle.

In seiner Gefängniszelle schrieb Hitler "Mein Kampf"

Adolf Hitler schrieb "Mein Kampf" 1924 im Gefängnis. Am 8. und 9. November 1923 hatten er und seine Anhänger in München mit einem Putsch versucht, die Macht an sich zu reißen. Die Aktion scheiterte und Hitler wurde wegen Hochverrats zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt.

Schon Ende 1924 kam er jedoch wieder frei und hatte die Zeit genutzt, um "Mein Kampf" zu schreiben. 1925 erschien der erste Band, 1926 der zweite - insgesamt knapp 800 Seiten. Über zwölf Millionen Mal wurde "Mein Kampf" zwischen seinem Erscheinen und dem Ende der Nazi-Herrschaft gedruckt.

Autorinnen: Irina Fernandes/Mareike Potjans

Stand: 29.07.2016, 10:00

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